Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Ornithosophie des Paradieses    

Gastkommentar / von Peter Strasser / 15.02.2016

Frühmorgens wieder vorbei am großen Spatzenbusch. Die muntere Horde, die sich jetzt, im Winter, dort tummelt zwischen dem blattlosen Astwerk – Futterspeicher in den Ästen schaffen ein paradiesisches Milieu –, bemerkt mich gleich. Sie wird mucksmäuschenstill. In den Spatzenköpfen sitzen kluge Augen. Die Spatzen sehen, dass man sie sieht. Doch in den Spatzenköpfen sitzt das dumme Gehirn. Es „weiß“, dass man im dichten Blattwerk unsichtbar bleibt – und daran hält sich das dumme Gehirn, obwohl die klugen Augen etwas anderes melden: kein Blattwerk!

Diese meine ornithosophische Betrachtung vor dem großen Spatzenbusch weckt in mir den Sinn für eine existenzialistische Meditation, die um diese Zeit eigentlich fehl am Platz ist; die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung. Egal. Ist der große Spatzenbusch nicht eine Metapher unseres Lebens? Nachdem wir das mythische Rankenwerk wissenschaftlich verdorren ließen – samt dem paradiesischen Garten inmitten der Schöpfung –, sehen wir nun durch die Sterne in eine feindliche, gravitationswellenverbogene Leere. Aber unser dummes Gehirn tut trotzdem so, als ob der Garten noch da wäre, irgendwie, und der gütige „Herr des Gartens“ vorbeikommen könnte, um uns liebevoll anzuschauen.

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich mich einer sinnlosen Betrachtung hingebe (obwohl, sicher bin ich mir keineswegs), und gleichzeitig höre ich, dass die Spatzen wieder zu lärmen beginnen – als wäre ich nicht da.

Und bin ich’s denn?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.