Morgengrauen

Oublier Montaigne

Gastkommentar / von Peter Strasser / 10.06.2016

Philosophieren heißt sterben lernen. Ich habe diesen Essay des Philosophen Montaigne noch nie leiden können. Die Ratschläge, die uns Montaigne erteilt, um philosophierend das Sterben zu lernen, sind für Morgenphilosophen wie mich eine – ich muss schon sagen – krasse Zumutung.

Zum Beispiel: Man soll dem Tod mindestens einmal täglich ins Auge blicken. Das ist, wenn man aufwachend dem Tod ins Auge zu blicken versucht, ein Ärgernis. Denn der Tod hat kein Auge. Oder: Man soll sich in allen möglichen Variationen ausmalen, wie es wäre, eine Leiche zu sein. Was mich betrifft, so finde ich es eine Zumutung, mir bereits vor dem Verzehr eines knusprig aufgebackenen Frühstücksbrötchens vorstellen zu sollen, wie es wäre, eine Leiche zu sein. Kurz gesagt: Montaigne ist nichts für Morgenphilosophen. Und je älter ich werde, umso mehr wird mir zur existenziellen Gewissheit, dass Philosophieren überhaupt nicht das Richtige fürs allmorgendliche Aufwachen ist. Kaum wache ich auf, schon philosophiert es in mir. Was tun?

Am besten, war heute mein erster Gedanke beim Aufwachen, gar nicht erst aufwachen – kein brauchbarer Aufwachgedanke, oder? Mir reichte es. Mein heutiger Vorsatz, noch bevor ich mit dem falschen Fuß aufstand, lautete daher: Oublier Montaigne, Montaigne vergessen! Und so begriff ich beim Aufwachen endlich, was „philosophieren“ heißt: Philosophieren heißt nicht, sterben lernen; es heißt, aufwachen lernen. Das ist für einen Morgenphilosophen wie mich schon schwer genug!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).