Papst nimmt Bischöfe in die Verantwortung

von Stefan Reis Schweizer / 12.06.2015

Diese Neuerung war schon lange überfällig: In der katholischen Kirche sind angesichts von Missbrauchsvergehen künftig auch interne Prozesse gegen Bischöfe möglich. Ein neues Gericht soll Vertuschung von Missbrauch ahnden – ein später Schritt in der Aufarbeitung. Jetzt geht es auch Bischöfen, die Missbrauchsfälle in ihrer Diözese vertuschen, an den Kragen. Ein Bericht von NZZ-Redakteur Stefan Reis Schweizer.

Auf den jahrzehntelangen monströsen Missbrauchsskandal durch katholische Geistliche in vielen Ländern haben die Päpste nur sehr zögernd reagiert. Bereits in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt geworden, in größerem Umfang besonders aus den USA und Irland. Im Jahr 1999 war es dann nicht der damalige Papst Johannes Paul II., sondern der irische Ministerpräsident Bertie Ahern, der eine Entschuldigung aussprach für den Missbrauch von zehntausenden Kindern in kirchlichen Institutionen des Landes.

Erste Begegnung mit Opfern

Der polnische Papst ordnete zwei Jahre später an, dass Sexualdelikte von Priestern künftig in die Zuständigkeit der Glaubenskongregation fallen sollten, der wichtigsten Behörde der Römer Kurie. Für sexuellen Missbrauch sind nun härteste Disziplinarstrafen bis hin zur Entlassung aus dem Klerikerstand vorgesehen. Für die Taten soll eine Verjährungsfrist von zehn Jahren gelten, ab dem 18. Geburtstag des Opfers.

Kardinal Joseph Ratzinger, zuvor als Präfekt der Glaubenskongregation für Sexualdelikte von Priestern zuständig, war dann im Papstamt der Erste, der sich während einer USA-Reise im April 2008 mit Missbrauchsopfern traf. In einem Brief an die irischen Katholiken bat Benedikt XVI. die Opfer um Verzeihung. Sein Nachfolger Franziskus empfing im Juli 2014 zum ersten Mal Missbrauchsopfer, bat um Vergebung und sprach von einer „Mittäterschaft“ der Kirche. Damals erwähnte Franziskus auch die Verantwortung der Bischöfe. Diese müssten mit größter Sorgfalt den Schutz von Minderjährigen fördern. Der Pontifex betonte in diesem Zusammenhang, sie würden dafür auch zur Verantwortung gezogen. Wenige Wochen zuvor hatte Franziskus erwähnt, dass gegen drei Bischöfe im Zusammenhang mit Missbrauch ermittelt werde. Der Papst fügte hinzu, es dürfe keine Privilegien für Amtsträger geben.

Mit dieser Aussage spielte Franziskus darauf an, dass kein kirchenrechtliches Instrumentarium gegen Bischöfe im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch existierte. Lag etwas gegen einen Bischof vor, kam ein solcher Fall ohne Zwischeninstanzen direkt vor den Papst. Das wird jetzt endlich geändert, wie nicht zuletzt aus den Reihen der Betroffenen schon lange gefordert.

Im Kirchenrecht wird nun, so erläuterte es der Vatikansprecher Federico Lombardi am Mittwoch in Rom, der neue Tatbestand „Missbrauch des Bischofsamtes“ eingeführt. Es soll damit künftig möglich sein, Bischöfen, die die Vertuschung von Missbrauchsfällen unterstützen, den Prozess zu machen. Die Glaubenskongregation soll die Verfahren führen. Dafür soll in der von dem deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller geleiteten Behörde eine neue Justizabteilung aufgebaut werden, die künftig durch einen vom Papst ernannten Sekretär geführt wird. Diese Neuerungen hatte die von Franziskus 2014 ins Leben gerufene Kommission für Kinderschutz vorgeschlagen, der auch zwei Missbrauchsopfer angehören. Der Papst hieß dies bereits gut. Bekannt wurde das neue Vorgehen nach einer Sitzung des sogenannten Kardinalsrats, der regelmäßig mit Franziskus über die Reform der Römer Kurie berät.

Dass Vorwürfe im Zusammenhang mit Missbrauchsvergehen sogar Mitglieder dieses vom Papst selbst berufenen Gremiums treffen, wird an der Person des australischen Kurienkardinals George Pell deutlich. Erst vor wenigen Tagen wurde der Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, vergleichbar mit einem Finanzminister, aus den Reihen der Kinderschutzkommission scharf kritisiert. Der Brite Peter Saunders, selbst Missbrauchsopfer, nannte den früheren Erzbischof von Sydney unhaltbar, betonte zugleich den persönlichen Charakter seiner Aussage. Im australischen Fernsehen sagte er, Pell sei mit mehreren, teilweise später zurückgezogenen Leugnungen, von Missbrauchsfällen gewusst zu haben, ein „massiver Stachel im Fleisch“ des Papstamtes. Erst in der vergangenen Woche war der Kardinal angesichts eines Missbrauchsskandals von einer australischen Untersuchungskommission offiziell zu einer Anhörung eingeladen worden. Der Vorwurf lautet im Kern, der heute 74-Jährige habe einem Missbrauchsopfer Schweigegeld angeboten. Pell bestreitet dies.

Weltliche Gesetze fördern

Die neuen Bestimmungen, konsequent und richtig, zugleich aber längst überfällig, lassen noch manche Fragen offen. Ungeklärt ist etwa, wie und mit welchen Mitteln die künftige juristische Instanz im Vatikan ihre Ermittlungen führen kann oder welche Strafen über schuldig gesprochene Bischöfe verhängt werden können. Letztlich muss Papst Franziskus noch einen Schritt weitergehen, wie es jetzt auch Vertreter von Missbrauchsopfern wieder forderten. Die Kirche sollte nicht nur interne Verfahren ermöglichen, sondern sich dafür einsetzen, dass die Gesetzgebungen in einzelnen Ländern die wirksame Verfolgung von Verantwortlichen für den Missbrauch erlauben.