Charles Platiau / Reuters

Gefängnis-Leben

Pariser Leben: Das Gefängnis als Herausforderung

von Barbara Villiger / 26.07.2016

Die Haftanstalt in Poissy ist ein Hochsicherheitstrakt, dessen Insassen oft lebenslängliche Strafen absitzen. Studierende der Kunsthochschule in Paris-Cergy machen Workshops mit ihnen.

Lieblich in eine Seineschleife geschmiegt, bietet Poissy, rund 30 Kilometer nordöstlich von Paris und mit der RER in einer halben Stunde erreichbar, ein paar ausgesuchte touristische Highlights. Le Corbusiers dezentral gelegene Villa Savoye zieht international Architekturpilger an; die romanisch-gotische Stiftskirche Notre-Dame, von Viollet-le-Duc renoviert, ist ein Must für Fans sakraler Bauten; und selbst Literaten kommen auf ihre Kosten: Das Kapitel von Maupassants beissend zynischem Kurzroman „Les dimanches d’un bourgeois de Paris“, in dem Ernest Meissonier auftritt, spielt hier draussen, wo sich der damals berühmte Maler, „verführt vom Charme der Örtlichkeiten“, wie eine didaktische Tafel weiss, seine Sommerresidenz samt Atelier einrichtete.

Drahtgitter, Wachttürme

Dieses Phantasiekonstrukt liegt auf dem Terrain einer einstigen Dominikanerabtei, in deren turmbewehrtem Eingangsbereich ein Spielzeugmuseum untergebracht ist. Alles schön und gut. Dreht man dem wuchtigen Steinbau den Rücken, steht man vor dem alten Ursulinenkloster, dessen Ummauerung freilich von Drahtgittern gekrönt ist und von Wachttürmen überragt wird. „Maison centrale de Poissy“ steht auf einer blinden Wand, die Trikolore daneben hängt schlaff an der Fahnenstange – so sieht das Hochsicherheitsgefängnis aus, wo schon Berühmtheiten wie der Massenmörder und Terrorist Carlos sassen. Oder sitzt er noch? Viele Häftlinge hier kommen nie mehr frei (wechseln aber bisweilen, falls ihre Situation problematisch wird, in eine andere Haftanstalt).

Jedes Gefängnis stellt seine soziale Umgebung vor eine Zumutung. Es fordert sie heraus mit dem Sichtbarmachen eines der grossen, weitgehend ungelösten Probleme unserer Welt: des Strafvollzugs. Normalerweise befinden sich Gefängnisse aber nicht im Stadtzentrum. In Poissy hat die Lage historische Gründe. Nach der Französischen Revolution wurde das Kloster umgenutzt; ab 1817 beherbergte es Sträflinge. Marschiert man der Aussenmauer entlang darum herum, stösst man am höchsten Punkt auf den Friedhof (Sehen ihn die Gefängnisinsassen? Was für eine Perspektive!) und danach auf einen durchschnittlichen Wohnblock mit der Aufschrift „Les Ursulines“. Von seinen oberen Etagen – wie auch von den Balkonen anderer umliegender Häuser – dürfte man in den Hof der Gefängnisanlage blicken können, deren Zugang strengstens geregelt ist. Die Bürger von Poissy leben quasi „face to face“ mit der Schattenseite unserer Gesellschaft. Ob das abfärbt?

Traumtagebuch eines Häftlings

Einblick in die Strafanstalt erhalten Absolventen der Ecole nationale supérieure d’arts de Paris-Cergy (Ensapc), jener Kunsthochschule, an der François Bon unterrichtet. Der Schriftsteller gab früher selbst Workshops in Gefängnissen („Prison“, sein Buch von 1997, handelt davon); jetzt schickt er Studierende. Margot Hefez ist eine von ihnen. Regelmässig traf sie in Poissy „ihren“ Häftling, las sein Traumtagebuch, entwickelte mit ihm daraus Collagen. Andere bedruckten T-Shirts, machten Videos, schrieben Rap, produzierten die Zeitung „Le décomplexé“. Margot Hefez weiss nicht, welche Verbrechen diese Workshopteilnehmer hinter Gitter brachten, mit einer Ausnahme – die sie bedauert. Warum, kann sie nicht sagen. Auch ihr verschlägt das Gefängnis die Sprache.