Ben McKee

Edmund de Waal im Gespräch

„Perfektion ist absolut tödlich“

von Marion Löhndorf / 09.10.2016

Sein Erstlingswerk, „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, begeisterte Kritiker und Leser. Das Folgewerk widmet Edmund de Waal seiner Leidenschaft für Porzellan, dessen Geschichte auch dunkle Seiten hat.

Ihr neues Buch, „Die weisse Strasse“, ist, wie auch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, ein Buch über eine Reise. Darin spüren Sie der Geschichte des Porzellans auf sehr persönliche Weise nach. Welche Rolle spielen Reisen für Sie?

Darauf gibt es eine einfache Antwort: Was tut man, wenn man nicht auf einer Reise ist? Die meisten meiner Reisen scheitern und führen mich ganz woandershin als vorgesehen. In meinem ersten Buch glaubte ich, die vorgesehene Reise sei einfach. Aber ich kam an geradezu absurd komplizierte Orte und auf emotional kompliziertes Terrain. Im neuen Buch ging es mir ähnlich. Ich dachte, ich hätte meine Landkarte im Griff und meine Pilgerroute gut geplant. Aber sie führte mich auf alle möglichen schwierigen Territorien – zur Kulturrevolution in China, nach Dachau, in die Appalachen. Vielleicht bin ich einfach nicht gut im Planen. Oder vielleicht liegt es in der Natur des Reisens: dass es einen an unerwartete Orte führt.

Am Beginn jeder Ihrer Reisen standen Fragen. Sind Sie zu Antworten gelangt?

Man kommt an. Aber dann steht man vor einer ganzen Reihe neuer Fragen. Mit dem Walter-Benjamin-Archiv arbeitete ich an einer Ausstellung in Berlin mit dem Titel „Irrkunst“. Auch dort ging es darum, Dinge durch Abschweifungen zu finden. Das ist der Art, wie ich arbeite, als Autor und Künstler, sehr nah.

Welche Überraschungen gab es unterwegs auf der „Weissen Strasse“?

Die Geschichte des Dresdner Porzellans ist sehr gut erforscht. Aber meine Reise nach Dresden und Meissen führte mich auf ein viel schwierigeres und dunkleres Territorium. Wer hätte gedacht, dass Gefahr und Zerstörung Teil der Geschichte des Porzellans sein können? Heute ist es ein bürgerliches Gebrauchsgut, das von unseren Grossmüttern gesammelt und in Museen ausgestellt wird.

Ich glaube, dass ich manchmal anderen Besessenen folge.

„Die weisse Strasse“ ist zudem eine intellektuelle Exkursion.

Für mich sind Reisen auch Ideen, die Begegnung mit Ideen – im selben Mass wie eine Begegnung mit Orten. Das erste Buch über meine Familie ist eine Reise, in deren Verlauf ich Proust und der französischen Kultur begegnete, es ging um Ideologie und Diaspora. Das zweite Buch beginnt mit meiner Liebesgeschichte mit dem Porzellan. Aber es wird auch eine Entdeckungsreise; es geht um die Beziehung von Porzellan, Reinheit, Macht und darum, wie man Dinge entdeckt und ein Material herstellt.

Und zugleich sind es Expeditionen ins eigene Ich?

Ich habe zwei sehr lange Reisen unternommen – die erste dauerte sieben Jahre, und für das zweite Buch brauchte ich fünf Jahre. Die erste Frage, der ich wirklich in beiden Fällen auf die Spur kommen wollte, war, wer ich war, wo ich stand, wohin ich gehöre. Beim Buch über das Porzellan fragte ich mich, warum mich das Material nach all den Jahren immer noch fasziniert.

Dem neuen Buch steht ein Zitat aus Melvilles „Moby Dick“ voran. Der Roman ist die Geschichte einer Obsession.

Ja, absolut.

Sie sprechen davon, die Wiederholung zu erforschen – als Verlangen, verbunden mit der Unfähigkeit, sie zu beenden.

Genau. Obsession findet keinen Abschluss, das liegt in ihrer Natur. Sie ist iterativ, endlos. Ich glaube, dass ich manchmal anderen Besessenen folge. In diesem Buch schlüpfe ich in eine Reihe von Rollen. Jede dieser Figuren bringt ein eigenes Mass und eine eigene Qualität der Besessenheit mit. Formen und formulierenEdmund de Waal wurde 1964 in Nottingham geboren. Keramik faszinierte ihn schon früh, und nach seinem Anglistikstudium in Cambridge wandte er sich zunächst ganz der Töpferei zu; dieses Fach lehrt er heute an der University of Westminster in London. 2010 gelang ihm mit „Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi“ ein fesselnder Abriss seiner Familiengeschichte. Mit „Die weisse Strasse“ liegt nun sein zweites Buch vor. Wollen Sie in Ihren Büchern, in denen Sie der Geschichte und den Geschichten anderer folgen, etwas von sich preisgeben, oder streben Sie das Gegenteil an?

Mein erstes Buch begann ich in einer sehr distanzierten, akademischen Weise zu schreiben. Dann las ich es noch einmal, und es war total verlogen, völlig falsch. Ich dachte: Das geht so nicht. Als Autor war ich daran interessiert, meine eigene Stimme zu finden, in der Beziehung zu den Stimmen anderer – sei es die Stimme meiner Grossmutter im Jahr 1938 oder die Stimme eines Jesuiten im 17. Jahrhundert oder die Prousts. Natürlich gibt es also Selbstoffenbarung. Ich habe mehr enthüllt, als ich vorhatte.

Wenn ich Gruppen von Gefässen anfertige, sind sie sehr nah an der Poesie, in ihrem Rhythmus, der Gruppierung, den Zwischenräumen.

Wie haben Sie Ihre Stimme gefunden?

Es hat mich viel Zeit gekostet, das Buch zu schreiben und alles zu durchdenken. Ich liebe die Sprache. Ein Kapitel oder einen Absatz zu formen, fühlt sich für mich so an, wie etwas mit meinen Händen herzustellen.

Sie sprechen vom inneren Leben der Gegenstände, Sie schreiben: „Ich höre Objekte.“ Ihre Arbeit als Künstler, als Töpfer, und das Schreiben sind also miteinander verbunden?

Auf sehr direkte Weise. Wenn ich mit Ihnen spreche, fühlt sich das an wie der Anfang von einem Text. Zur gleichen Zeit, während wir reden, mache ich Gefässe für eine Installation. Wenn ich Gruppen von Gefässen anfertige, sind sie sehr nah an der Poesie, in ihrem Rhythmus, der Gruppierung, den Zwischenräumen. Und das neue Buch in seiner starken Strukturiertheit mit der Abfolge der sehr kurzen Absätze und Kapitel wiederum ist für mich sehr wie ein „gemachtes“ Objekt.

Sie schreiben auch über das Schreiben selbst. Zu Beginn des „Hasen mit den Bernsteinaugen“ machen Sie gleich klar, was Ihr Buch nicht sein soll . . .

Es bestand die Gefahr, dass es eine Elegie auf eine reiche Familie werden könnte. Worin läge da die Wirklichkeit? Es ist eine grosse Geschichte, die enorme Trauer enthält, aber sie ist nicht melancholisch.

Ist es für Sie essenziell, die Vergangenheit zu begreifen, um die Gegenwart zu verstehen?

Die Vergangenheit ist uns sehr, sehr nah, spürbar, fassbar. Das erste Buch ist der Versuch, die Familie mit einem Ort wieder in Verbindung zu bringen und dem, was verloren ist, Wert zurückzugeben und es in den Fokus zu rücken. Im neuen Buch gibt es Gegenstände, die vor langer Zeit gemacht wurden, aussergewöhnliche, bedeutungsvolle Geschichten enthalten. Ich arbeite mit dem, was von diesen Geschichten erzählt wurde, aber auch mit dem, was ausgelöscht oder ausgelassen wurde.

Nicht jeder will die Gegenwart aus der Vergangenheit heraus begreifen.

Was kulturell passiert, wenn Menschen nicht auf die Vergangenheit reagieren, ist ein riesiger, gefährlicher Verlust. Wenn man nicht an das anknüpft, was zuvor passierte, wenn man die Geschichten verliert, ist man in Gefahr, aufs Neue schreckliche, alte Wege zu begehen.

Den Porzellan-Hersteller Josiah Wedgwood beschreiben Sie in „Die weisse Strasse“ sehr zwiespältig. Und doch bezeichnen Sie ihn als grossen Mann. Was bedeutet „Grösse“ für Sie?

Ich wurde sehr für meine Beschreibung von Wedgwood kritisiert. Er galt als Held. Er war gegen den Sklavenhandel, ein Freund der Künstler, ein Entrepreneur, ein wissenschaftliches Genie. Was kann man gegen ihn haben? Er ist zugleich ein totaler Mistkerl, der die Menschen um sich herum zerstört.

Das Konzept von Grösse . . .

. . . ist entsetzlich. Es erinnert mich an Bücher aus dem 19. Jahrhundert über „grosse Männer“ im Kinderzimmer. Ich denke immer: Was passiert da eigentlich?

Weiss ist eine Frage, ein Fragezeichen. Eine neue Möglichkeit, ein neuer Weg. Es kann auch negativ werden: verneinend, antiseptisch,

In „Die weisse Strasse“ kommen Sie immer wieder auf den Begriff der Perfektion zurück.

Eines der fabelhaften Dinge im Zusammenhang mit Porzellan ist, dass man Perfektion anstrebt, aber stets scheitert. Ich bin in Wirklichkeit nicht an Perfektion interessiert. Das ist eine Idee, die absolut tödlich ist. Ich interessiere mich für Vitalität, Wechsel und Wandlungsfähigkeit, die Beziehung zwischen einem lebenden Menschen und einem neutralen Material. Wenn die Idee der Perfektion funktioniert, treibt sie bestenfalls wissenschaftliche intellektuelle und ästhetische Fragen an. Schlimmstenfalls kann sie gefährlich sein. Sie ist nicht geradlinig, sondern ein schwieriges, gefährliches Konzept.

Was hat es mit der Farbe Weiss auf sich, die in Ihrer Arbeit als Töpfer und auch im neuen Buch eine so grosse Rolle spielt?

Weiss ist eine Frage, ein Fragezeichen. Eine neue Möglichkeit, ein neuer Weg. Es kann auch negativ werden: verneinend, antiseptisch, es kann ein Problem werden, wie etwas, das ein Geschehen verhindert, das etwas anhalten kann, das etwas anderes übertüncht oder auslöscht – all diese Dinge. Aber für mich bedeutet es eine grosse Möglichkeit eines Beginns.

Weiss kann auch die Farbe der Trauer sein.

Ja, denn Trauer ist eine extrem komplizierte Erfahrung. Es geht dabei um Verlust und ausschliesslich um Erinnerung. Manchmal ist Erinnerung nur schwer zugänglich. Und Bilder und Gedanken verschwinden in einem weissen Nebel.

Inzwischen machen Sie schwarze Gefässe.

Ich benutze immer noch weisses Porzellan. Aber die Stücke werden zum Schluss schwarz glasiert. Dreierlei hat es damit auf sich. Schwarze Glasuren sind sehr giftig, bevor sie gebrannt sind. Der Prozess, toxisches Material zu benutzen, führt mich zur Alchemie. Mir gefällt, erstens, die Idee, dass dem bourgeoisen Porzellan diese Gefahr innewohnt. Zweitens erlaubt mir das Herstellen schwarzer Gefässe, mir Schatten ganz genau anzusehen. Jun’ichirō Tanizaki schrieb darüber.

In „Lob des Schattens“.

Genau. Und drittens bezieht es sich auf Celans „schwarze Milch“, das Gefühl, wenn ein Material durch Druck und Erinnerung in etwas anderes verwandelt wird.

Wird es darüber ein neues Buch geben?

Im Moment bin ich so glücklich, wie ich nur sein kann, und denke: keine Bücher mehr. Aber fragen Sie mich in fünf Jahren noch einmal.

 


Edmund de Waal: Die weisse Strasse. Auf den Spuren meiner Leidenschaft. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Zsolnay-Verlag, Wien 2016. 464 S., Fr. 37.90.