EPA/FRANK RUMPENHORST

Politische Kampfbegriffe

Plädoyer für die Menschenfeinde

Meinung / von Lucien Scherrer / 03.05.2016

Während „Gutmensch“ als Unwort gilt, wird die Mode, Andersdenkende als „Menschenfeinde“ zu diffamieren, kaum hinterfragt. Durchaus zu Unrecht.

Es gibt Wörter, die sind nach Ansicht mancher Leute so schlimm, dass man sie mit einem Bann belegen muss. Aus diesem Grund hat eine Jury deutscher Sprachkritiker den Begriff „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres gekürt. Tenor: Wer sich solcher Unwörter bedient, macht sich eines „undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden“ Sprachgebrauchs schuldig.

Nüchtern betrachtet ist Gutmensch eine abgegriffene Formel für einen meist grünen oder linken, dauerbetroffenen Moralisten, dessen Beitrag für eine bessere Welt hauptsächlich in der besagten Pose besteht. Wer „Gutmensch“ sagt, will Andersdenkende lächerlich machen und zum Schweigen bringen. Beklagt einer das Schicksal von Obdachlosen oder Flüchtlingen? Voilà, ein Gutmensch! Soll er doch erst einmal selber helfen, bevor er mit seinem Gejammer nervt, der Heuchler!

Die Misanthropen-Forscher

Es wäre jedoch falsch, die jüngste Fatwa des Sprach-Wächterrats als Votum gegen Denkfaulheit zu werten, als Aufforderung, politische Gegner mit Argumenten zu bekämpfen statt mit moralischen (Vor-)Verurteilungen. Vielmehr geht es der Jury um die Deutungshoheit in einem moralisierten politischen Diskurs. „Gutmensch“, „Sozialtourismus“, „Opfer-Abo“? Das ist böse. „Wutbürger“, „Populist“, „Menschenfeind“? Das ist in den Augen der Sprachpolizei erlaubt – es trifft ja, so der unausgesprochene Gedanke dahinter, die Richtigen.

Besonders die Mode, andere Menschen als „Menschenfeinde“ abzustempeln, verdient eine genauere Betrachtung. Der Menschenfeind 2.0 ist nicht etwa ein im Grunde sympathischer Unsympath wie Molières Alceste, sondern eine Art Anti-Gutmensch, der Böses denkt und Schlechtes will. Anders als im Fall „Gutmensch“ steckt dahinter ein angeblich objektiver, wissenschaftlicher Begriff. Geprägt hat ihn Wilhelm Heitmeyer, ein Extremismus-Forscher der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bielefeld. Heitmeyer ist 1992 aus der SPD ausgetreten, weil ihm die Asylpolitik der Partei zu hartherzig schien. Zwecks Identifizierung von Misanthropen hat er das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, kurz GMF, entwickelt. Dieses basiert auf der Theorie, dass eine schleichende Ökonomisierung der Gesellschaft zu einer Abwertung und Ausgrenzung von „sozial schwachen“ Gruppen führt, namentlich Asylsuchenden, Homosexuellen, Roma, Juden, Muslimen, Behinderten, Armen und Frauen.

Politisch wird GMF laut Heitmeyer ausschließlich von rechtsextremen und rechtspopulistischen Bewegungen in die Welt gesetzt. Diesen unterstellen die Forscher kollektiv, Ideologien der Ungleichheit anzuhängen und die Gleichwertigkeit der Menschen zu verneinen. Linksextreme und linkspopulistische Parteien sind nach dieser Logik dagegen gefeit, Menschenfeindlichkeit zu verbreiten. Denn wer bestimmte Gruppen wie Banker, „Reaktionäre“ und „Reiche“ für alles Übel in der Welt verantwortlich macht, wendet sich ja nicht gegen „sozial Schwache“ nach FES-Definition. Und wer im Namen der Gleichheit handelt, kann kein schlechter Mensch sein.

Der Islam hat tolerant zu sein

Umso großzügiger vergeben die Extremismus-Experten ihr Menschenfeind-Label, wenn es um die von ihnen definierten Täter und Opfer geht. In FES-Studien offenbaren sich nicht nur Antisemiten, Rassisten oder rechtsextreme Gewalttäter als Menschenfeinde, sondern alle, welche die Meinung der Autoren nicht teilen, wonach traditionelle Rollenbilder menschenverachtend, Einwanderer per se eine Bereicherung oder bestimmte Religionen genuin tolerant sind. Wer etwa dem Urteil zustimmt, dass der Islam „eine Religion der Intoleranz“ sei, ist ein Menschenfeind. Gleiches gilt für alle, die Aussagen unterschreiben wie: „Frauen sollten ihre Rolle als Hausfrau und Mutter ernster nehmen“, „Ich würde mein Kind nur ungern in einer Schule anmelden, in der die Mehrheit der Schüler Zuwanderer sind“ oder „Bettelnde Obdachlose sollten aus Fußgängerzonen entfernt werden“. Die Forderung „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein“ gilt es dagegen zu bejahen, sonst gibt’s auch hier den Stempel „menschenfeindlich“.

Kein Wunder, kommen die Studienautoren immer wieder zur erschreckenden Erkenntnis, dass Europa voll von Misanthropen ist. Derartige Wissenschaft wird im deutschen Sprachraum durchaus ernst genommen; die Identifizierung von Menschenfeinden ist ein anerkanntes universitäres Forschungsthema. Auch in der Schweiz, wo ein mit vier Millionen Franken dotiertes Nationalfondsprojekt zum Thema „Rechtsextremismus“ ein Massenphänomen namens Menschenfeindlichkeit zutage gefördert hat, unter anderem, weil 42 Prozent der Befragten der Aussage zustimmten, dass Frauen ihre Rolle als Mütter wieder stärker wahrnehmen sollten.

In den Medien sorgen die Befunde der Menschenfeind-Forschung immer wieder für alarmistische Berichte. „So menschenfeindlich ist München“, warnte etwa die bayrische Presse, während der „Spiegel“ über das „Europa der Intoleranten“ klagte. In sogenannt „sozialen“ Netzwerken und moralisch aufgeladenen Debatten erfreut sich der Vorwurf der Menschenfeindlichkeit großer Beliebtheit. Die jungen Grünen etwa haben den neuen Präsidenten der Schweizer Christlichdemokraten, Gerhard Pfister, schon vor seiner Wahl als „menschenfeindlichen Politiker“ denunziert. Sein Vergehen: Er hat sich dafür ausgesprochen, die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge und Migranten zu begrenzen – für eine Praxis also, die sich de facto in ganz Europa durchsetzt.

Offiziell geht es den Anhängern der Menschenfeind-Lehre um ehrenwerte Ziele: Sie sorgen sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie, die von Rechtsextremisten zweifellos bedroht wird. Ob es der Demokratie wirklich dient, wenn man alle unliebsamen Meinungen für menschen- und demokratiefeindlich erklärt, um unangenehme Debatten abzuwürgen, ist eine andere Frage.

Auch wenn der Gedanke für manche Leute unerträglich sein mag: Es sind oft die vermeintlichen Menschenhasser, die für die Integration von Minderheiten sorgen, weil sie mit ihnen zusammenleben und -arbeiten, im Gegensatz zu Extremismusforschern und Parteifunktionären. Ein Malermeister etwa, der Überfremdungsängste hegt, aber gleichzeitig drei Sprösslinge aus Migrantenfamilien beschäftigt, trägt wahrscheinlich mehr zu einer humanen Gesellschaft bei als ein Refugees-Welcome-Aktivist, der in der Position des verantwortungslosen Gesinnungsethikers Asyl für alle fordert. Und doch wird er in einschlägigen Studien in den gleichen Topf geworfen wie ein Nazi. Dort soll er schmoren und schweigen, bis er seine Meinung geändert hat oder von berufener Seite geheilt worden ist.

Trau keinem Rentner!

So ist in der GMF-Forschung konsequent von Symptomen und Syndromen die Rede, die sich angeblich wie Neurosen oder pädophile Neigungen therapieren lassen, indem man den Befallenen eine ordentliche Portion „politische Bildung“ verabreicht. Besonderen Bedarf an Nacherziehung gibt es laut dem Bielefelder Misanthropen-Experten Andreas Zick bei der Risikogruppe der Senioren: „Rentner sind menschenfeindlich“, erklärte er in einem Interview mit der TAZ, illustriert war der Artikel mit dem Bild einer keifenden Oma. Im Kampf gegen Menschenfeinde braucht es offensichtlich plakative Botschaften.

Letztlich führt sich die Lehre von den Menschenfeinden ad absurdum, indem sie andere ausgrenzt und abwertet, im Namen der Demokratie und der Menschlichkeit. Sie gibt sich antiautoritär, ist aber selber autoritär. Die politisch motivierte und moralisch begründete Schaffung erziehungsbedürftiger Bindestrich-Feinde steht zweifellos in einer menschenverachtenden Tradition. Radikale Gleichmacher berufen sich seit je furchtlos auf die Menschheit, nach dem Motto: Wer unsere Ansichten nicht teilt, ist ein „Feind des Friedens und der Menschheit“, wie es in der DDR-Propaganda hieß. Auch der jakobinische Tugendwächter und Diktator Maximilien Robespierre stilisierte seine Gegner zu Feinden der Menschheit und der Menschlichkeit empor, damit er sie der einzig gerechten Strafe zuführen konnte. Was allen Hütern eines „differenzierten“ und nichtdiffamierenden Sprachgebrauchs besonders zu denken geben sollte: Vom Menschenfeind zum Feind der Menschheit ist es nur ein kleiner Schritt. Und Robespierre war ein – pardon – wild gewordener Gutmensch.