Morgengrauen

Plappermäulchens Sorgenkur

Gastkommentar / von Peter Strasser / 28.05.2016

Aufwachend klebt mir die Zunge am Gaumen. Das kommt mir symbolisch vor. Eine Vorausweisung auf den Tag. Früher, als ich noch jünger war – und daher hypochondrischer –, hätte mich eine beim Aufwachen am Gaumen klebende Zunge an mindestens zwei Dutzend möglicher Todeskrankheiten gemahnt. Heute kommt mir bloß in den Sinn: „Du wirst wieder nichts zu sagen haben!“

Das ist meine morgendliche Selbstgeißelung dafür, dass mich schon seit geraumer Zeit die Bedrängnis heimsucht, ich hätte nichts mehr zu sagen. Für einen wie mich, der sein Geld damit verdient, flüssig zu sprechen und zu schreiben und dabei den Eindruck zu erwecken, etwas zu sagen zu haben, ist eine solche Bedrängnis natürlich niederschmetternd. Warum soll ich nicht überhaupt gleich liegenbleiben? Trotz des besorgten Protests meiner Frau bleibe ich liegen. Da klingelt es an der Tür. Meine ältere Enkeltochter E. wird heute frühzeitig bei uns „abgegeben“. Es ist E.s sogenannter kindergartenfreier Tag.

Von meiner Frau mit einem „Hallo, Plappermäulchen!“ begrüßt, stürmt sie plappernd über unsere Schwelle und an mein Sorgenbett. Über alles, was sie daherplappert, bin ich entzückt. Die Lust, mit E. mitzuplappern – ich glaube, es geht um den Zaubersand der Feenprinzessin, der ohne Zauberspruch völlig nutzlos wäre, völlig! – ist unwiderstehlich. „Simsalabim!“, plappert mich E. an, während sie mir Feensand in mein Sorgenbett streut, und ich humple plappernd mit: „Bim!“ Und schon hat sich meine Zunge vom Gaumen gelöst.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).