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Political Correctness: Hai im Goldfischteich

von Angela Schader / 20.09.2016

Als „Weissen Hai“ bezeichnete sich die US-Autorin Lionel Shriver am Anfang ihrer Tirade gegen politische Korrektheit in der Literatur. Ihre Polemik schlug Wellen – und provozierte Widerspruch.

Schriftstellertreffen: ein harmonischer Reigen wohl- und gleichgesinnter Seelen? Darauf hatte die US-Autorin Lionel Shriver wenig Lust. „Wie ein grosser Weisser Hai, der einen Ball auf der Nase balanciert“ wäre sie sich vorgekommen, hätte sie in ihrer Eröffnungsrede beim Brisbane Writers Festival brav das vom Organisationskomitee vorgeschlagene Thema „Gemeinschaft und Zugehörigkeit“ abgehandelt. Stattdessen schlug sie in einer stark beachteten Ansprache die Zähne direkt in den weichen Bauch der politischen Korrektheit.

In anderer Leute Haut schlüpfen

Ausgehend von einigen besonders absurden Auswüchsen dieser Doktrin – so soll etwa das Tragen von Sombreros bei einer Tequila-Party einen unbotmässigen Akt „kultureller Aneignung“ darstellen –, gab Shriver einen Aufriss des Dilemmas der literarischen Zunft. In anderer Leute Haut zu schlüpfen und quasi ihre Hüte aufzusetzen, sei nun einmal, was Schriftsteller täten; müssten sie sich dabei an die Vorgaben der politischen Korrektheit halten, wären sie bald auf den engen Kreis von ihresgleichen beschränkt – während Literatur doch gleichzeitig dem Anspruch zu genügen habe, ein facettenreiches Bild der Gesellschaft wiederzugeben.

Der schon mit der Haifisch-Metapher angeschlagene polemische Grundton und Shrivers ungenügend ausdifferenzierte Behauptung, dass Zugehörigkeit zu einer ethnisch oder sozial definierten Gruppe „keine Identität“ sei, kamen nicht überall gut an. Die in Australien lebende Aktivistin und Autorin Yassmin Abdel-Magied, Tochter ägyptisch-sudanesischer Eltern, feuerte während der Ansprache wütende Tweets ab und verliess schliesslich demonstrativ den Saal; in einem im „Guardian“ abgedruckten Artikel warf sie Shriver dann vor, ihre Rede sei „ein vergiftetes Paket“ gewesen, „in Arroganz eingewickelt und mit Herablassung überreicht“.

Dass Abdel-Magied ihrer Berufskollegin gleich unterstellt, ihre Haltung sei „die Grundlage für Vorurteile, Hass und Genozid“, ist ein weiterer Tiefpunkt in der an Peinlichkeiten nicht armen Debatte; dennoch sollte das Kernargument ihres Protests ernst genommen werden. Wer wie sie aus einer ehemals kolonisierten Kultur komme, so Abdel-Magied, der müsse sich angesichts von Shrivers Worten fragen, ob denn nun auch die eigene Identität zur Disposition stehe und von jedem, der da wolle, behändigt werden könne. „Tatsache ist, dass marginalisierte Gruppen auch heute nicht den Luxus geniessen, ihren Platz innerhalb eines Normensystems zu definieren, das im Tiefsten weiss, heterosexuell und oft patriarchalisch ist.“

Beispielhaft

Tatsache ist aber ebenfalls, dass – neben einem durchaus vernehmlichen Chor von Literaturschaffenden aus diesen Gruppen – auch weisse Autoren Menschen aus anderen Kulturen eine Stimme geben können, ohne deren Vita zu usurpieren oder auszubeuten. Als Beispiel wäre etwa der Amerikaner Dave Eggers zu nennen: In „Weit gegangen“ zeichnete er den Leidensweg eines jungen sudanesischen Flüchtlings nach, in „Zeitoun“ griff er die Geschichte eines Amerikaners syrischer Herkunft auf, der trotz beispielhaftem Bürgersinn ins Mahlwerk der antiislamischen Paranoia geriet. Beide Bücher entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen – und beide wurden verdientermassen mehrfach ausgezeichnet.