Gaetan Bally / Keystone

Präimplantationsdiagnostik: Die Würde des Menschen

Meinung / von Riccardo Bonfranchi / 12.07.2016

Wenn man die Geburt eines behinderten Kindes verhindern kann, wird dies in der Regel auch getan. Niemand ist glücklich mit dieser Situation, aber so ist das Leben.

In Abstimmungsdebatten zur pränatalen Diagnostik (PD) bzw. zur Präimplantationsdiagnostik (PID) erscheint immer wieder das Argument, dies verletze Menschen mit Behinderung in ihrer Würde. Ist das so – und ist damit gar das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung zunehmend gefährdet? Zum einen kann festgestellt werden, dass die PD, aber auch demnächst die PID Teil der heute üblichen medizinischen Diagnostik sind. Sie widerspiegeln das Denken in unserer Gesellschaft. Und dieses geht davon aus, dass der gesunde Embryo bzw. Fetus einen höheren Lebensschutz besitzt als der geschädigte. Zudem kann ebenfalls als ein gesellschaftlicher Konsens festgehalten werden, dass das Selbstbestimmungsrecht der Eltern höher einzuschätzen ist als das dem Embryo zustehende Lebensrecht.

Von einer Diskriminierung könnte dann gesprochen werden, wenn diese Techniken im Sinne einer Eugenik eingesetzt würden, wie dies als Gedankengut im Nationalsozialismus der Fall war. Dies trifft aber auf die heutige Zeit in keiner Art und Weise zu. Niemand möchte Vater oder Mutter eines Kindes mit Behinderung sein. Dies ist eine Tatsache, die oft tabuisiert wird, die aber keineswegs auf eine Diskriminierung von Menschen mit einer Behinderung schliessen lässt. Es geht vielmehr um eine grundsätzliche Haltung Behinderung gegenüber, und diese ist negativ, war schon, historisch verbürgt, immer negativ, wird es vermutlich auch bleiben.

Deshalb muss die Frage, ob die PD und die PID die Achtung von Menschen mit einer Behinderung in besonderem Masse vermindern, verneint werden. Sie sind Ausdruck der seit langem bestehenden und kulturübergreifenden Einstellung, Behinderung nicht zu wollen. Praktisch alle Personen, die in Entscheidungsprozesse rund um PD und PID involviert sind, sind der Meinung, dass es Behinderung nicht geben soll. Die PD und die PID sind die technologisch effizienteste Form, wie Menschen mit einer Behinderung vermieden werden können. Dies kann, darf und soll nicht geleugnet werden. PD und PID sind nur Mittel, die aufgrund einer jahrtausendealten Haltung erforscht und entwickelt wurden.

Dies, und das ist ein ethisch bedeutsamer Punkt, bedeutet nun aber nicht, dass geborene Menschen mit einer Behinderung mehr benachteiligt werden als früher. Vielmehr geht es Menschen mit einer Behinderung seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg besser denn je. Dies zeigt sich in Aspekten wie Förderung, Integration, Qualität der Institutionen, Ausbildungsstand des heil- und sozialpädagogischen Personals und den Gesetzen im Bereich Behinderung. Dies alles kann schwerlich als Form von Missachtung, geschweige denn als Diskriminierung interpretiert werden.

Wie kann man nun diesen scheinbaren Widerspruch – Behinderung wird klar abgelehnt, Behinderten hingegen begegnet man mit Respekt – verstehen? Dieser Widerspruch ist Ausdruck der Conditio humana, man muss ihn aushalten. Auch ein schwer- und mehrfachbehindertes Kind, so meine langjährige Erfahrung, wird aufgenommen und in die Familie integriert. Wenn man aber die Geburt eines behinderten Kindes verhindern kann, wird dies in der Regel auch getan. Niemand ist glücklich mit dieser Situation, aber so ist das Leben. Es gibt durch die Existenz der PD und der PID keine neue Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung. Es gibt keine empirischen Beweise, dass aufgrund der PD oder PID eine Gefährdung der Achtung von Menschen mit Behinderung befürchtet werden müsste oder dass sie tatsächlich vorgekommen ist.

Menschen mit Behinderung sind noch nie in der Geschichte der Menschheit derart gefördert worden wie heute. Es ist auch nicht feststellbar, dass aufgrund der PD oder PID Menschen mit einer Behinderung in ihren Möglichkeiten aktiv eingeschränkt worden sind, weil man ihnen ihre Würde oder Werthaftigkeit auf der Basis einer Haltung abgesprochen hätte, dass es sie eigentlich nicht hätte geben sollen. Dies wäre ja die logische Konsequenz, wenn die Meinung, dass PD und PID behindertenfeindlich sind, richtig wäre. Die Praxis widerlegt dies Tag für Tag.

Was bleibt, ist der gesellschaftliche Druck bzw. die Auswirkungen der Existenz der PD und der PID, die als Mittel zum Zweck der Verhinderung eines Kindes mit Behinderung nicht zu trennen sind. Sicherlich tragen die PD und die PID dazu bei, dass weniger Menschen mit Behinderung geboren werden. Bei Menschen mit Down-Syndrom lässt sich dies bereits seit Jahren unschwer feststellen, weil es aufgrund der starken Erhöhung des Gebäralters der Frauen wohl wesentlich mehr Menschen mit Trisomien geben müsste.

Die Gesellschaft unterliegt einem Irrtum, wenn sie davon ausgeht, dass durch die PD oder die PID eine Welt ohne Behinderung geschaffen werden könnte. Viele Behinderungen entstehen durch Mehrlingsschwangerschaften, Frühestgeburten und Unfälle. Wir müssen damit leben, dass wir Behinderung als solche nicht wollen, Menschen mit Behinderung begegnen wir aber weiterhin mit Respekt und Achtung.

Riccardo Bonfranchi ist Sonderpädagoge und Ethiker. Er
arbeitet als Sonderschullehrer und hat zum Thema der Integration promoviert und
ein Nachdiplomstudium in Ethik an der Universität Zürich zum Thema pränatale
Diagnostik und Behinderung abgeschlossen.