Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Premiumangst im Zeitalter der Angst

Gastkommentar / von Peter Strasser / 04.01.2016

Angst, Angst, Angst. Die Menschen, so heißt es, haben wieder Angst.

Es gibt, heißt es, tausend Gründe, Angst zu haben. Angst von A bis Z. Heute bin ich aufgewacht, und zwar mit plötzlichem Harndrang aufgrund des Umstandes, dass mir zunächst weder zu „A“ noch zu „B“ eine passende Angst einfallen wollte. Meine Angstignoranz entfesselte bei mir eine fieberhafte Morgenangstsuche, die ihrerseits zum dringenden Bedürfnis führte, das stille Örtchen aufzusuchen.

Bitte, unter „B“ immerhin jetzt eine respektable Angst: Bettnässerangst. Jawohl, die Angst, mit zunehmender Vergreisung wieder das Bett zu nässen! Und dann fiel mir auch eine super A-Angst ein, sozusagen eine Premiumangst: die Angst, im Zeitalter der Angst keine Angst zu haben.

Was, bitte schön, könnte beängstigender sein? Du wachst auf und hast keine Angst, fühlst dich rundum wohl, geradezu geborgen, freust dich auf den Tag, der dich erwartet, und springst mit beiden Beinen frischfröhlich aus dem Bett. Das wäre ein sicheres Zeichen dafür, dass du dabei bist, der totalen Altersverblödung anheimzufallen.

Kein Zweifel, ich hatte Angst vor dem Glück meiner alten Jahre, jawohl, Altersverblödungsglücksangst, was wollte ich mehr? Ich wollte eine Z-Angst, aber mir fiel nur die Zeckenangst ein, die ich im Winter nicht habe. Meine Angsthoffnung: Zeckenbisswintersaisonangst infolge des Klimawandels.

In diesem Moment bekam ich einen Lachreiz – die Folge: L-Angst (Lachreizangst) – und wäre beinahe doch noch zum Bettnässer geworden.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.