Pro und Contra zur Änderung von Paragraph 78

von Yvonne Widler / 20.02.2015

Am 12. Februar hat die Bioethikkommission ihre Empfehlung zur Sterbehilfe an den Bundeskanzler abgegeben. Wie zu erwarten, war man sich vor allem bei der Beihilfe zum Suizid uneinig: 16 Mitglieder stimmten für eine Entkriminalisierung, acht dagegen. Wir tragen hier die Argumente, auch die unserer Leser, noch einmal zusammen.

Kommentare, die uns erreicht haben

„Wäre die gesellschaftliche Toleranz dafür ebenso groß, wenn die sogenannte ,Beihilfe zum Suizid‘ ein Genickschuss hinter dem Altersheim wäre?“

„Ich warte auf die erste Anklage wegen unklarer Umstände, wie es zum ,begleiteten Suizid‘ gekommen ist.“

„Ich möchte eigentlich nicht in einem Land leben, in dem es erlaubt ist, jemandem dabei zu helfen, sich umzubringen.“

„Es geht um Einsparungen und nichts sonst. Der Staat kann enorme Kosten einsparen, und dabei helfen die Steuerzahler (sterbenskranke Menschen) freiwillig mit.“

„Ärzte sollen nicht töten. So steht es auch im hippokratischen Eid! Auch Beihilfe zum Suizid ist in diesem Fall verboten!“

„Geben wir heute in dieser Frage einen Zentimeter nach, werden sich unsere Kindeskinder einmal in einem gewissen Alter verpflichtend selbst umbringen müssen.“

„Schwachsinn. Es gibt ein Recht auf Leben, aber keine Pflicht zu leben.“

Argumente pro Entkriminalisierung des § 78 StGB, Beihilfe zum Suizid

  • Die Palliativmedizin kann zwar Schmerzen, nicht aber Leid lindern. Kein Mensch sollte gezwungen werden, die Belastungen durch Schmerz und Leiden zu ertragen. Diejenigen, die dieses Leiden beenden, handeln ethisch, aus Mitgefühl und aus Achtung vor der Selbstbestimmung.
  • Die Autonomie des Patienten. Ein freiverantwortliches Individuum hat das Recht, über sein Leben zu verfügen.
  • Bei Menschen, die eine unheilbare, zum Tode führende Krankheit mit nur noch begrenzter Lebenszeit haben, ist dies eine Frage der Würde, die man ihnen erweisen sollte.
  • Angehörige, Ärzte und andere nahestehende Personen müssen sich von jenen, die sich selbst töten wollen, nach jetziger Rechtslage abwenden, weil sie sich sonst strafbar machen. (Man würde sich schon strafbar machen, wenn man den Partner in die Schweiz begleitet, dort ist Beihilfe zum Suizid straffrei.)
  • Das Verbot des assistierten Suizids zwingt Menschen, unwürdige Suizidmethoden zu wählen.
  • In unserer Gesellschaft ist es sehr wohl möglich, eine juristische Grenze zu ziehen. Das heißt, es muss möglich sein, den assistierten Suizid zu erlauben, Töten auf Verlangen aber zu verbieten.
  • Keine Strafbarkeit des assistierten Suizids wird den assistierten Suizid verhindern können.
  • Die Medizinindustrie profitiert doch nur von alten und kranken Menschen und deren Sterbensverlängerung (Medikamente, Geräte).

Argumente contra Entkriminalisierung des § 78 StGB, Beihilfe zum Suizid

  • Es gibt keine Religion, die Selbsttötung befürwortet.
  • Die Betroffenen sind einfach nur verzweifelt und ihre Autonomie ist in diesem Zustand äußerst hinterfragenswert.
  • Der Wunsch, sich töten zu wollen, nimmt ab, wenn man gut versorgt wird. Dies beweisen Erhebungen aus diversen Pflegeheimen.
  • Der Sterbensprozess gehört zum Leben dazu. Er ist wichtig für die Menschen und sollte nicht abgebrochen werden. Das ist eine reine Tabuisierung des Todes.
  • Ärzte sollten nicht instrumentalisiert werden, um Menschen dabei zu helfen, sich zu töten. Das Gesetz ist auch ein Schutz für die Ärzte.
  • Das könnte in einer Kommerzialisierung des Sterbegeschäfts enden.
  • Es wird ein Dammbruch stattfinden, denn man kann keine Grenzen ziehen. Wir sollten diese Türe nicht öffnen, denn wir bekommen sie nie wieder zu.
  • Juristisch kann man kaum eine Grenze ziehen. Wie will man im Nachhinein beweisen, dass der getötete Mensch das wirklich selbst wollte?
  • Die Menschen geraten unter Druck. Sie wollen weder dem System noch anderen Menschen zur Last fallen und fühlen sich gezwungen, das todbringende Mittel zu trinken oder sich eine Spritze geben zu lassen. Der Staat muss hier fürsorgend an die Seite der Sterbenden treten und gesetzlich verankern, dass sich niemand gezwungen fühlt, früher sterben zu müssen.