Peter Strasser

Morgengrauen

Puppe unserer Menschlichkeit

Gastkommentar / von Peter Strasser / 29.04.2016

Paris war schon bald nach dem Terror wieder Paris; eben die Stadt der Liebe. Inzwischen hat mir der Bettler, nachdem ich ihn beherzt fragte, aus seinem Leben erzählt: Er sei, wie er sich ausdrückte, ein „alter Knochen“, ein „toter Hund“. Bosnischer Muslim, die Familie von den „Christlichen“ massakriert. Alles schon lange her. Hier sei er freundlich aufgenommen, dann nicht mehr wahrgenommen worden. Das Übliche eben, aber selber schuld, immer selber schuld: Arbeitsloser, Alkoholtrinker (seine schlimmste Sünde, allahu akbar), Almosenmann.

Ich prallte innerlich zurück. Es war etwas Grausiges in seinem Sarkasmus, gleich neben der Bäckerei, aus deren Türe die Düfte des Frischgebackenen strömten. Manche Kunden – so der Bettler – würden ihm ein, zwei Stück Gebäck in die Tasche stopfen, als wäre er eine Puppe. Immer wieder müsse er wegbleiben, weil er die „Menschlichkeit“ nicht ertrage … Ich weiß, der Bettler hat auch mich gemeint. Seither meide ich morgens den Gang zum Bäcker. Stattdessen nehme ich ein paar Brötchen aus dem Kühlschrank und backe sie auf. Beim unpersönlichen Hantieren – 60 Grad Backwärme, dazu Umluft – fühle ich mich besser, weniger „menschlich“.

Ich weiß jetzt, wie ich meinen Essay über die Barmherzigkeit beenden werde. Mit der Geschichte vom Bettler, der es nicht erträgt, täglich zur Puppe unserer „Menschlichkeit“ zu werden. Wir alle bedürfen des Erbarmens, und so, als solche, sollten wir den Elenden dieser Welt begegnen. Das ist der Sinn von misericordia.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).