APA/GEORG HOCHMUTH

Solidarität

Qui suis-je?

Meinung / von Bence Jünnemann / 25.03.2016

„Wo war deine Solidarität, als vergangene Woche in Ankara 37 Menschen starben?“ Das fragte mich ein guter Bekannter wenige Stunden nach den Anschlägen in Brüssel. Ich hatte gerade ein Foto von einer der Solidaritätskundgebungen nach den Angriffen auf Charlie Hebdo im Jänner 2015 auf Facebook gepostet. Darauf sieht man inmitten einer großen Menschenmenge den Schriftzug „not afraid“. Hatte mein Bekannter mit seinem Vorwurf recht? Schockierten mich die Anschläge in Paris und Brüssel tatsächlich weit mehr als jene in Ankara und Istanbul?

Zwischen Wien und Ankara liegen 1.600 Kilometer, 500 Kilometer mehr als zwischen Wien und Brüssel. Entscheiden also 500 Kilometer über Solidarität und Mitgefühl? Wohl kaum. Denn als im Herbst die Anschläge von Paris verübt wurden, fanden am folgenden Tag an etlichen türkischen Schulen Schweigeminuten statt. Staatliche Gebäude hissten die französische Flagge als Zeichen der Solidarität. Als vergangene Woche in Ankara und Istanbul mehr als 40 Menschen in den Tod gerissen wurden, waren von europäischer Seite kaum Solidaritätsbekundungen zu sehen.

Eigentlich unterscheiden sich türkische Großstädte kaum von europäischen. Sie werden jährlich von Millionen Touristen besucht, verfügen über prunkvolle historische Bauten und über ein umfangreiches kulturelles Angebot. Junge Menschen pflegen auch am Bosporus einen sehr westlichen Lebensstil. Dennoch gibt es anscheinend einen riesigen Unterschied. Schon die komplizierten EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei machen deutlich, wie weit Europa und Türkei auseinanderliegen.

Möglicherweise ist es die Religion, vielleicht auch die Kultur, vielleicht liegt es an Erdoğans autoritärem Regierungsstil. Große Teile unserer Gesellschaft, womöglich auch ich, betrachten die Türkei weiterhin als Tor zum Nahen Osten. Was Paris und Brüssel für den Okzident sind, das sind Ankara und Istanbul für den Orient.

Viele von uns haben einfach weniger Bezug zur türkischen Gesellschaft. Wir kennen Menschen, die in Paris und Brüssel leben, waren selbst schon dort, der westeuropäische Geist, die gemeinsame Kultur verbinden uns. Wenn Terroristen diese Städte attackieren, attackieren sie in unseren Augen die europäische Kultur. Medien bekräftigen dieses Gefühl. Obwohl täglich Berichte über Anschläge mit mehreren Toten in Afrika oder Asien eintreffen, widmen unsere Medien solchen Nachrichten selten mehr als einen Absatz. Die Anschläge von Paris im vergangenen Jahr und jetzt in Brüssel bleiben hingegen wochenlang präsent.

Ist es europäische Arroganz, die uns mit Europäern mehr Mitgefühl haben lässt als mit den Bewohnern Ankaras? Sind uns Menschen in Ankara weniger wert? Nein. Aber in Brüssel und Paris erkennen wir unsere Heimat wieder. Und uns kommt gerade zu Bewusstsein, dass unsere Überzeugung, wir würden in Europa fern von terroristischen Bedrohungen in Sicherheit leben, eine Illusion gewesen ist. Dass es diese Sicherheit nie gegeben hat, dass es reines Glück war, in Europa von solchen Tragödien verschont zu bleiben, mindert den Schock nicht. Im Gegenteil. Die Anschläge von Brüssel und Paris machen uns überdeutlich, dass das Böse auch in unser gemütliches westeuropäisches Leben eindringen kann. Deshalb zeigen wir Solidarität. Aus purem – verständlichem – Egoismus.