Lukas Wagner

Randnotiz

R.I.P. Language?

von Yvonne Widler / 23.11.2015

Erstmals wurde kein Wort, sondern ein Emoji zum „Oxford Dictionaries Word of the Year“ gewählt.Die Website Oxford Dictionaries gehört zum Verlag der Universität Oxford und beschäftigt sich mit der modernen englischen Sprache. Der Verlag bringt auch das bekannte Wörterbuch Oxford English Dictionary heraus. Dieses wählt allerdings ein eigenes Wort des Jahres. In ihrer Begründung schrieb die Oxford University Press, das „Ich heul vor Glück“-Emoji reflektiere am besten die Stimmung dieses Jahres. 

https://twitter.com/OxfordWords/status/666330177367056384

„RIP language.“ So die erste Antwort auf diesen Tweet. Weitere kritische Reaktionen folgten sogleich:

Bildschirmfoto 2015-11-23 um 14.05.59

Aber auch positive Reaktionen waren zu lesen. In der Emoji-Frage spalten sich die Gemüter. Wie auch immer man dazu stehen mag, in jedem Fall sagt diese Entscheidung etwas über große Veränderungen in unserem Kommunikationsverhalten aus.

Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin, der von seinen Studenten gerne auch als Emoji-Professor bezeichnet wird, hat unmittelbar reagiert. Es sei an der Zeit gewesen, erklärt er in einem Radio-Interview. Wir müssten akzeptieren, dass die Piktogramme nun Teil der Kommunikation seien. Auch die Sorge, das Ende der Sprache sei nahe, entkräftet Stefanowitsch. Es handle sich in den meisten Fällen ohnehin bloß um Ergänzungen und nicht um Substitutionen durch die kleinen Figuren. Die Dinge, die beim Schreiben fehlen, wie Mimik und Gestik, würden vervollständigt. So könnte man viel mehr sagen als mit schlichten Worten. Und das, wie die Online-Kommunikation erfordere, kürzer und schneller. Stefanowitsch sieht keine Bedrohung unserer schriftlichen Ausdrucksfähigkeit durch die Emojis. Auch einen Kulturverfall will er nicht erkennen. Was er jedoch hinterfragt, ist die „abstruse Begründung“ zur Wahl des Emojis. Es drücke nämlich in besonderer Weise die Stimmungen und Gedanken des Jahres 2015 aus, wie die offizielle Erklärung behauptet.

Denn erstens stimmt es nicht (oder kommt irgendjemandem hier das Jahr 2015 besonders lustig vor?), und zweitens sollte eine Wörterwahl dazu dienen, etwas über das gewählte Wort, und damit über Sprache allgemein, zu lernen.

Kritische Stimmen betonen, dass die neuen technischen Entwicklungen die Sprache korrumpieren, und rechnen sogar mit dem Ende der „gewöhnlichen“ Sprache im Internet.

Es wäre doch interessant zu hören, was österreichische Sprachwissenschaftler dazu sagen. Am entsprechenden Institut der Universität Wien wollte man sich leider nicht weiter damit beschäftigen: „Wir haben keinen Experten für Emojis, probieren Sie es auf der Publizistik.“

Die Stimmung in Österreich könnte man manchmal wohl am besten mit diesem Emoji ausdrücken: