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Dr. Strangelove

Ran an die reifen Früchte

von Milosz Matuschek / 07.03.2016

Pärchen mit großem Altersunterschied wirken auf Außenstehende oft seltsam. Ein Plädoyer für mehr Akzeptanz.

In Zeiten, wo in vielen Großstädten gleichgeschlechtliche Pärchen fröhlich händchenhaltend durch die Straßen spazieren, dürfte man glauben, dass nichts mehr als anstößig gilt. Wenn jedoch Pärchen mit großem Altersunterschied öffentlich Zärtlichkeiten austauschen, können sie sich der Blicke und Tuscheleien der Umherstehenden sicher sein. Der Altersunterschied ist eines der letzten Tabus; man denkt entweder an handfeste ökonomische Interessen oder an psychische Störungen. An Liebe glaubt man nicht, dafür braucht es ein vertretbar ähnliches Alter, das die Mehrheitsgesellschaft festlegt. Soviel zum Fortschritt der Sexualmoral.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Der Horizont der Kultur

Ungewöhnliche Konstellationen in der Liebe sind ein ideales Spielfeld für Literatur, Theater und Kino. Liebe braucht für die Dramatik im Idealfall ja einen Konflikt, irgendetwas Trennendes und sei es nur die Zeitspanne zwischen zwei Geburtstagen. Ob „Lolita“ von Nabokov oder „Rot und Schwarz“ von Stendhal: erst das Verbotene, Ungehörige macht den Reiz dieser Bücher aus. Ein Film, wie „die Reifeprüfung“ von Mike Nichols von 1967 wäre fünf Jahre früher in den USA wohl noch undenkbar gewesen. Zu mehr Akzeptanz von Altersunterschieden haben diese Vorlagen zwar nicht wirklich geführt, aber sie haben eine Form für Verbindungen geschaffen und sie ans Tageslicht befördert. Viele wüssten vielleicht bis heute nicht, wie sexy reifere Frauen sein können, hätten die Macher von „American Pie“ nicht den Begriff „MILF“ geprägt und damit die Blaupause geschaffen für eine ganz neue Spezies von Frauen, wie zum Beispiel die „Cougars“. Erst der Begriff machte das Konzept salonfähig.

Das kulturelle Umfeld steckt den Horizont des „Möglichen“ ab und bietet dadurch ein Gegengewicht zu gängigen Schönheitsidealen („schlank und jung“), wie sie durch die Industrie vermittelt werden. Das ist positiv, da befreiend. Allein das Wissen, dass Frauen auch im fortgeschrittenen Alter ein Objekt männlicher Begierde sein können und eben nicht als verblichene Schönheiten vom Radar verschwinden, dürfte das Selbstbewusstsein für Frauen jenseits der 40 oder 50 verstärkt haben, was ja wiederum die Attraktivität noch mehr steigert. In den Charts der Suchbegriffe auf Pornoseiten wie „Pornhub“ belegen die Begriffe „Milf“, „Mom“ oder „Step Mom“ seit Jahren Spitzenplätze. Das heimliche Suchverhalten von Männern vor Bildschirmen ist mitnichten nur vom Jugendlichkeitswahn geprägt.

Wahre Liebe nur unter Ungleichen?

Besonders interessant ist die Verbindung „jüngerer Mann“ und „ältere Frau“. Bei älteren Männern und jüngeren Frauen springt die Interessenlage zu schnell in den Vordergrund: sie sucht wohl nach Macht und Geld, er nach Jugendlichkeit und einem Beweis seiner Männlichkeit. Bei jüngeren Männern und älteren Frauen hingegen springt die Interessenlage weniger deutlich ins Auge. Die Liebe und der Sex sind hier oft schon von der Fortpflanzung abgekoppelt, sie sind auf den Moment bezogen, nicht unbedingt auf die Ewigkeit. Diese Liebe ist im wahrsten Sinne des Wortes interesselos und zweckfrei, also nur sich selbst verpflichtet, was dem romantischen Ideal sehr nahekommt.

Der Reiz dieser Konstellation liegt bestimmt auch darin, dass sich beide ein besonderes Verständnis entgegenbringen können: jüngere Männer haben weniger starre Vorstellungen von Frauenrollen und weniger Probleme mit emanzipierten Frauen, wovon letztere profitieren. Im Gegenzug treffen Männer auf eine größere grundsätzliche Akzeptanz und Toleranz, fühlen sich mit ihrem Mannsein und ihren Fehlern umfassender verstanden. Auch intellektuell haben ältere Frauen oft mehr zu bieten als halbwüchsige Mädchen, die sich, wie das Phänomen des Selfies belegt, vor allem für ihr eigenes Gesicht zu interessieren scheinen und das in sämtlichen Nuancen.

Ein Aufbegehren gegen den Jugendlichkeitswahn

Die unzeitgemäße Beziehungsform hat also durchaus ihren Reiz und auch ihre Berechtigung. Selbst heute noch ist mitnichten jede Beziehungsform „akzeptiert“. Es gibt immer noch kein „anything goes“ in Bezug auf Beziehungsformen. Die Liebe mit Altersunterschied ist daher auch ein Aufbäumen gegen den Zeitgeist, der sich an Schnelligkeit, Jugendlichkeit und dem stets Aktualisierten orientiert. Sie braucht Mut. Dabei fand schon Benjamin Franklin, dass man reife Frauen den jüngeren vorziehen soll; letztere hätten ein besseres Verständnis von der Welt. Ein literarisches Denkmal hat Stephen Vizinczey dieser Form der Liebe in seiner „Eloge des femmes mûres“ (deutsch: „Wie ich lernte die Frauen zu lieben“) gesetzt. Dort lässt er den Erzähler sagen, wie verrückt doch eigentlich die Vorstellung ist, dass zwei unerfahrene Gleichaltrige sich gegenseitig in die Kunst der Liebe einführen sollen. Das ist in etwa so, wie wenn sich zwei Nichtschwimmer gegenseitig Schwimmunterricht geben würden.