Religion als Ursache für Krieg und Gewalt

von Stefan Betschon / 29.12.2014

Dass Religion mit Aggression einhergehe, davon sei die westliche Kultur überzeugt, meinen Experten. Warum das so ist und warum Religiöse und Säkulare gleichermaßen für den heutigen Zustand unserer Welt verantwortlich sind, damit hat sich NZZ-Redakteur Stefan Betschon beschäftigt. 

„Wer die Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen.“ Diesem Satz des Philosophen George Santayana begegnen auch die Besucher des Museums Auschwitz-Birkenau, und sie sind wohl schnell bereit, diesem Satz zuzustimmen. Hier, wo sich deutsche Rationalität und Bestialität kombinierten, um Andersartige im industriellen Maßstab zu vernichten, hier macht der Satz Hoffnung, dass es einen Fortschritt gibt, der verhindert, dass solche Verbrechen wieder geschehen können.

Türen öffnen

Der amerikanische Zen-Buddhist Bernie Glassman organisiert seit 2006 Meditationen in den Todeskammern von Auschwitz. Nachkommen von Opfern und Tätern, Frauen, Männer, Junge, Alte, Juden, Christen, Atheisten verbringen jeweils im November fünf Tage an diesem Ort der Vernichtung. Sie reden nicht viel, schweigen, manchmal singen sie. Sie berichten von starken Gefühlen, Trauer und Wut angesichts der Verbrechen, die andere begangen haben, und angesichts der Entdeckung, dass es auch in ihrem Innersten Keime der Intoleranz gibt.

Zusammen mit dem Schweizer Niklaus Brantschen und anderen westlichen Zen-Lehrern, die von asiatischen Meistern ausgebildet worden sind, hat Glassman dem Zen ein neues, westliches Gepräge gegeben. Diese jüngste Transformation des Zen-Buddhismus zu reflektieren, war die Aufgabe, die sich heuer im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn im schweizerischen Edlibach die Teilnehmer der Konferenz Zen im Westen gestellt hatten. Hier erläuterte Glassman seine Vision eines sozial engagierten Buddhismus.

Es gehe bei diesen Meditationen in Auschwitz nicht um das Thema Holocaust, sondern um die Frage: Wie gehen wir mit den Anderen, dem Andersartigen um. „Wir alle haben unsere Klubs, und was diese Klubs ausmacht, ist, wer nicht dazugehört. Wir haben unsere Methoden entwickelt, um die, die wir nicht drin haben wollen, auszuschließen. Wir ignorieren sie oder verprügeln sie, stecken sie ins Gefängnis oder töten sie.“ Die buddhistische Erleuchtung besteht für Glassman in der tiefen Erfahrung des Einsseins von allem. Die Bereitschaft, anderen zu helfen, sei Ausdruck dieser Erleuchtung. Mit seinen Zen Peacemakers möchte er „zwischen den Klubs Türen auftun“.

Gesprächsverweigerung

Eben gerade konnten Zuschauer des Schweizer Fernsehens erleben, wie zwei, die vor der Kamera über Religion reden möchten, einander in die Haare geraten. Der Schweizer Journalist Roger Schawinski hatte den Berner Kabarettisten Andreas Thiel ins Studio geladen, der mit einer Irokesenfrisur aus den 1970er Jahren und seiner Kritik am Islam aufzufallen pflegt. Hier der gebildete Weltbürger, dort der Wutbürger, der sich zunehmend von Fremden umzingelt sieht – es war klar, dass bei diesem Gespräch eine Annäherung nicht möglich sein würde. Doch das vollständige Scheitern des Dialogs von Anfang an hat dann doch überrascht, hat vermutlich auch viele Zuschauer verstört. So ist es zu erklären, dass bei der Radio- und Fernsehgesellschaft viele Beschwerden eingereicht wurden, dass die Sendung tagelang für aufgeregte Medienberichte sorgte.

Thiel hat den Koran gelesen und findet darin nichts anderes als einen Aufruf zur Gewalt. Das kennt man; spätestens seit den dänischen Mohammed-Karikaturen ist die Assoziation von Islam mit Bomben nicht mehr originell. Diese Provokation vermag nicht zu erklären, warum die Sendung so viele Diskussionen ausgelöst hat. Es war nicht das, was Thiel über den Islam sagte, was die Sendung schwer erträglich machte, sondern was er nicht sagte, seine Weigerung, überhaupt etwas zu sagen. Er hat die zwölf Minuten Redezeit, die ihm laut einer Analyse des Tages-Anzeigers in der knapp halbstündigen Sendung zur Verfügung standen, hauptsächlich für dümmliche Gegenfragen („Wer bist du, Roger, ein Papierjude?“) genutzt oder für Klagen, dass er nicht zum Reden komme. Die Sendung verstört, nicht weil sie zeigt, dass Gespräche über Glaubensfragen grundsätzlich schwierig sind, sondern weil klar wird, dass es im Umgang mit diesen Schwierigkeiten seit dem Dreißigjährigen Krieg wenig Fortschritte gegeben hat, dass es Zeitgenossen gibt, die sich weigern, aus der Geschichte zu lernen.

Mehrmals versuchte Schawinski seinen Gesprächspartner auf die historische Bedingtheit seiner Argumentation hinzuweisen, doch Thiel schien intellektuell nicht in der Lage zu sein, seine eigene Position zu hinterfragen. Thiel outete sich als Multi-Spiritualisten, wie das heute so Mode ist, ein bisschen Buddha da, ein paar Räucherstäbchen dort, doch in seiner Argumentation ist Thiel im Spätmittelalter steckengeblieben. Er hat die Position übernommen, mit der die Protestanten vor 500 Jahren die Autorität der katholischen Kirche herausforderten, er setzt voraus, dass allein durch die Lektüre der heiligen Schriften sich einem eine Religion ganz erschließt, dass Religion unveränderlich ist und unabhängig von der Gesellschaft, in der sie aufblühte, begriffen werden kann. Mit diesem naiven Beharren auf dem Schriftprinzip gibt sich Thiel als Fundamentalist zu erkennen. Das Erstaunliche aber ist, dass Thiel seine spätmittelalterlichen Invektiven als Aufklärung verstanden haben will. Er schreibe über die Wahrheit, so beteuert er, es gehe ihm um die Vernunft.

Ein Gefühl der Verantwortung

In der westlichen Kultur, so bemerkt die britische Theologin Karen Armstrong, gehe man heute selbstverständlich davon aus, dass Religion mit Gewalt einhergehe. „Wo auch immer ich über Religion spreche, bekomme ich zu hören, wie grausam und aggressiv Religion sei.“ Angesichts der 70 Millionen Menschen, die durch sehr weltlich motivierte Weltkriege in Europa im 20. Jahrhundert getötet worden seien, sei es „geradezu unheimlich“, dass dieses „Mantra“ noch immer wiederholt werde.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch Im Namen Gottes legt Armstrong dar, dass die im Westen übliche Auffassung von Religion nicht nur sehr jung ist, sondern auch „eigenwillig und exzentrisch“, indem sie Religion als etwas Unveränderliches und Privates betrachtet. „Die Gewohnheit, Religion und Politik voneinander zu trennen, ist heute im Westen so fest verankert, dass es uns schwerfällt wahrzunehmen, wie sehr die beiden Bereiche in der Vergangenheit eins waren. Eine Grenzziehung wäre ungefähr so schwierig gewesen wie der Versuch, den Gin aus einem Cocktail zu entfernen.“

Armstrong zitiert den Werbeslogan der britischen Post – The weather does a lot of different things and so does the Post Office – und setzt ihn in Bezug mit der Religion: „Die Religion hat viele Erscheinungsformen. Doch die Behauptung, sie habe einen eindeutigen, unveränderlichen und inhärenten gewalttätigen Kern, ist nicht zutreffend.“

„Wir alle“, so beendet Armstrong ihr knapp 800-seitiges Buch, „Religiöse und Säkulare gleichermaßen, sind verantwortlich für den heutigen Zustand unserer Welt. Wir müssen Möglichkeiten entwickeln, das zu tun, was die Religion – im besten Fall – jahrhundertelang getan hat: Wir müssen ein Gefühl globaler Gemeinschaft aufbauen, ein Gefühl der Wertschätzung und Gleichheit für alle und der Verantwortung für das Leid, das wir in der Welt sehen.“