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Islam-Debatte

Rettet die Freiheit – auch die der anderen

Gastkommentar / von Kristin Helberg / 06.10.2016

Der Islam gilt als grösste Herausforderung für unsere Toleranz. Dabei stellt er weder eine Antithese zum Westen dar, noch kann er allein für das Verhalten von Muslimen verantwortlich gemacht werden. Ein Beitrag von Kristin HelbergKristin Helberg ist deutsche Nahost-Expertin. 2016 erschien ihr Buch „Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns“. .

Es ist schwer, dieser Tage die Freiheit zu verteidigen. Denn viele meinen damit nur noch, ihre eigene Freiheit zu denken und zu tun, was sie für richtig halten. Dass damit die Freiheit der anderen einhergeht, Dinge ganz anders zu machen als sie selbst, wollen sie nicht wahrhaben. Dabei beginnt genau hier die Toleranz. Sie tut weh, weil wir Meinungen und Verhaltensweisen ertragen müssen, die uns gegen den Strich gehen. Etwa wenn jemand sein Gesicht tätowiert oder verhüllt, wenn Männer Männer küssen und Frauen lieber nicht die Hand eines fremden Mannes schütteln.

Womit wir beim Islam wären, der scheinbar grössten Herausforderung für unsere Toleranz. Er gilt als Quelle von Terror, Frauenfeindlichkeit und Gewalt, weswegen sich mancher Retter des „jüdisch-christlichen Abendlandes“ berufen fühlt, gegen eine „Islamisierung“ zu kämpfen. Schade nur, dass er dadurch die Grundfesten unserer freiheitlichen Ordnung, die er vermeintlich retten will, zu Grabe trägt. Er müsste es besser wissen. Denn der öffentliche Diskurs folgt einem Schema: Vor 130 Jahren waren es die Juden, denen man in Deutschland verweigerte Integration und Parallelgesellschaften unterstellte. Damals ging es um die Unvereinbarkeit des jüdischen Rechts mit den Werten der Mehrheitsgesellschaft, ganz so, wie wir es heute über „die Scharia“ lesen. Tatsächlich wurde aus dem „christlichen Abendland“ erst nach dem Holocaust das „jüdisch-christliche Abendland“. Der Ausdruck soll folglich das schlechte Gewissen der Deutschen beruhigen, die Geschichte bereinigen und als Kampfbegriff alles Islamische ausschliessen.

Höchste Zeit für zwei Feststellungen: Erstens ist der Islam keine Antithese zum Westen, und zweitens ist er nicht immer und überall an allem schuld. Er basiert auf den gleichen historischen Wurzeln und ist deshalb Teil unserer europäischen Identität. Vom 9. bis zum 13. Jahrhundert prägten Gelehrte der islamischen Welt die Wissenschaften, die das geistige Erbe der alten Griechen sicherten, übersetzten und weiterentwickelten, während Mitteleuropa in kirchlich verordneter Ignoranz versank. Ohne Ibn Sina, al-Biruni, al-Kindi, Ibn Rushd und andere hätte es keine wissenschaftliche Wiedergeburt Europas gegeben. Daneben scheint mancher Retter des Abendlandes zu vergessen, woher „unser“ Christentum kommt. Jesus wurde nicht in der Nähe von Rom geboren, sondern in Bethlehem, zehn Kilometer von Jerusalem entfernt. Und Paulus, der die christliche Lehre ab 46 n. Chr. nach Europa brachte, stammte aus dem heutigen türkisch-syrischen Grenzgebiet, wurde in Jerusalem zum Thoralehrer ausgebildet und bekehrte sich in Damaskus vom Christenverfolger Saulus zum Apostel Paulus. Europa hat „sein“ Christentum also einem Migranten aus dem Nahen Osten zu verdanken, dessen Wege an die heutigen Fluchtrouten der Syrer erinnern.

Zweitens neigen wir dazu, den Islam zu überschätzen, indem wir ihn alleine für das Verhalten von Muslimen verantwortlich machen. IS-Anhänger sprengen sich in die Luft, betrunkene Nordafrikaner begrapschen Frauen, arabische Clans terrorisieren Teile Berlins – der Islam ist gewalttätig, frauenfeindlich, nicht integrierbar. Drehen wir den Spiess einmal um. In Europa schlagen betrunkene Ehemänner ihre Frauen, werden Neugeborene in Müllcontainern gefunden, vergehen sich Väter an den eigenen Kindern, Priester an Internatsschülern, und Frauen dürfen keine Kirchenämter bekleiden, sondern sollen sich lieber halbnackt auf schnellen Autos räkeln – das Christentum ist unmoralisch, verroht, frauenfeindlich, pädophil. Wem die Beispiele übertrieben, unsachlich und unfair erscheinen, der versteht vielleicht, warum Muslime den öffentlichen Islam-Diskurs seit Jahren als genau das empfinden.

Leider sehen wir beim Blick auf den anderen das Wichtigste nicht mehr: die Normalität. Das ganz normale Leben von Millionen Menschen, das sich überall auf der Welt darum dreht, gesund und zufrieden zu sein, in Freiheit und ohne Angst zu leben, Familie, Freunde und eine gesicherte Existenz zu haben. Auch Muslime tun Dinge, weil sie arm oder reich, gebildet oder ungebildet, mächtig oder unterdrückt sind, in der Stadt oder auf dem Land leben, weil ihre Eltern Akademiker, Arbeiter oder Bauern sind. Jedenfalls nicht einfach nur, weil sie Muslime sind. Wir müssen lernen, im Umgang mit dem Islam zu differenzieren, damit wir uns auf das besinnen können, was Europa in den letzten sechzig Jahren gross gemacht hat: unsere freiheitlichen Verfassungen, nach denen alle Menschen gleichberechtigt sind – egal, woher sie kommen und woran sie glauben. Niemand darf wegen seiner Herkunft oder Religion benachteiligt werden. Wer Christen oder Geflüchtete aus „unserem Kulturkreis“ bevorzugt aufnehmen will, verlässt den Boden des Grundgesetzes.

Der Versuch rechtsnationaler Kräfte, Deutschland zu einer homogenen Abstammungsnation zu verklären und eine deutsche Identität kollektiv zu verordnen, führt direkt in die Vergangenheit. Die deutsche Gesellschaft verändert sich, und jedes ihrer Mitglieder hat das Recht, sie mitzugestalten. Erst wenn in Deutschland jeder alles werden kann – eine Kopftuchträgerin Ministerin und ein Ahmad Verfassungsrichter –, haben wir uns vom verkorksten Einwanderungsland zu einer erfolgreichen Integrationsgesellschaft entwickelt.