Flickr/Willi Heidelbach

wortschatz im wandel

Richtig krass, diese Sprache

von Andreas Frey / 25.10.2015

Der Wortschatz verändert sich so schnell wie noch nie, sagt ein Sprachforscher. Ursache seien fremdsprachige Migranten. Andreas Frey ist davon nicht überzeugt.

Ob dieser Artikel noch in hundert Jahren verstanden wird, wissen wir nicht. Vielleicht wird man sich über diese seltsamen Kasus wie Genitiv, Dativ und Akkusativ wundern, über all die kantigen Endungen, Wörter, Wortfolgen und diese krassen Artikel vor den Substantiven. Vielleicht auch nur über das völlig veraltete Wörtchen „krass“. Eines allerdings ist sicher: Die Sprache dieses Artikels wird völlig outdated, also aus der Zeit gefallen sein.

Man mag das beklagen, die schöne Sprache bedroht sehen – es wird den Prozess nicht aufhalten. Neu wären die Klagen auch nicht: Seit der Antike wird über den Zustand der Sprache gewettert. Die Zukunft ist dabei immer ein Abgrund, der Sprachwandel ein Verfall. Und so ist es natürlich auch heute: Das Deutsche soll wahlweise verlottern, verhunzt werden, verwahrlosen. Und am besten wäre es, wenn alles bliebe, wie es ist.

Doch einen idealen Zustand der Sprache gibt es nicht. Laute, Wörter und Grammatik sind einem ständigen Wandel unterworfen. Das lehrt allein die Sprachgeschichte. Wer heute so schriebe wie Goethe, hätte in der Schule ein ernstes Problem.

Derzeit ändert sich das Deutsche so schnell, so radikal wie noch nie. Das ist jedenfalls die Meinung des Leipziger Linguisten und Slawistik-Professors Uwe Hinrichs. „Seit fünf Jahrzehnten hat sich der Sprachwandel rasant beschleunigt“, sagt er. Hinrichs ist davon überzeugt, dass die Sprachen der Einwanderer Hauptmotor dieser Entwicklung sei.

Stimmt seine Theorie, dann wird sich durch die Flüchtlingsströme nicht nur die Gesellschaft in den kommenden Jahren stark ändern, sondern auch die deutsche Sprache. Bereits seit einem halben Jahrhundert steht das Deutsche in Kontakt mit dutzenden Fremdsprachen, neuen Mehrsprachigkeiten und Slangs in den Großstädten. Das wiederum löse, so Hinrichs, eine neue Art der Sprachverarbeitung aus, die die grammatisch korrekten Formen in den Hintergrund drängten. „Man soll verstehen, was gemeint ist, und nicht, ob jetzt der Dativ richtig gebildet ist“, sagt Hinrichs.

„Multi Kulti Deutsch“

Diese Theorie hat Hinrichs schon vor zwei Jahren in seinem Buch „Multi Kulti Deutsch“ geäußert. Heute ist das Thema wegen der Flüchtlingsströme aktueller denn je. Und deshalb werden an den Lehrstühlen auch mit riesigem Aufwand Ethnolekte wie Balkanslang, Codeswitching und diverse Varietäten untersucht. Allerdings, so Hinrichs, breche die große Forschung ausgerechnet dort ab, wo es eigentlich erst anfange, interessant zu werden. Die entscheidende Frage ist für ihn: „Wie wirkt sich die anwachsende Mehrsprachigkeit auf die Umgangssprache aus? Wie also verändert sich die Sprache von Deutschsprechern ohne Migrationshintergrund?“

Grund hierfür sei, so Hinrichs, ein blinder Fleck der Forschung, die alles dafür tue, „einen Konflikt mit Migrantensprachen und Migranten zu vermeiden, um nicht in eine Diskriminierungsfalle zu geraten“. Die Reaktionen auf seine Thesen sind entsprechend kontrovers: Er werde entweder beschimpft oder gelobt, sagt er.

Die sachliche Kritik besteht allerdings vor allem darin, dass er umfangreiche empirische Belege für seine Arbeit schuldig bleibe und den Einfluss von Migrantensprachen auf das Deutsche überschätze. Hinrichs entgegnet dem, dass in anderen Weltgegenden der Ansatz, wonach Sprachkontakt der Hauptfaktor des Sprachwandels sei, ganz selbstverständlich sei.

Für Hinrichs sind in der Schweiz vor allem „Jugoslawisch“ und Türkisch die wichtigsten Tandempartner. „Drastisch verstärken wird sich der Faktor der Balkansprachen, also Rumänisch, Bulgarisch, Makedonisch und Albanisch“, sagt er. Dies führe zur Erosion der vier Fälle, zu Abschleifungen der Endungen, Abnahme der Kongruenzen und weiteren Phänomenen, die schließlich auf das Deutsch der Muttersprachler abfärbten.

Nicht nur der Genitiv ist dabei ein Auslaufmodell, sondern auch Dativ und Akkusativ sind es. Die vier Fälle des Deutschen werden weggelassen, verwechselt oder mit Präpositionen gebildet. Hinzu kommt der Ausfall von Artikeln und Präpositionen („Gömmer Migros“).

Der Schweizer Linguist Beat Siebenhaar, der an der Universität Leipzig arbeitet, glaubt eher nicht, dass der Einfluss der Migranten so groß ist. „Sprachen von Migrantengruppen spielen erst dann eine Rolle, wenn sie ein beschränktes verstecktes Prestige bekommen wie beispielsweise in der Jugendsprache“, sagt er. Veränderungen gebe es eher im Wortschatz. Migranten hätten uns Spaghetti, Feta, Döner und Dürüm Falafel gebracht. Veränderungen in der Grammatik seien schon seltener.

Einfluss der Jugendsprache

Zudem ist die Situation in der Schweiz eine andere als in Deutschland, weil sich dort eine gesprochene Standardnorm und regionale Dialekte etabliert haben, während in der Deutschschweiz der Dialekt die formelle Kommunikationsform geblieben ist. Das Hochdeutsche ist hierzulande also die Sprachform, in der hauptsächlich geschrieben und gelesen wird. „Der Sprachwandel betrifft in der Schweiz also hauptsächlich den Dialekt“, sagt Siebenhaar.

Die Linguistin Elvira Glaser von der Universität Zürich bestätigt, dass in der Alltagssprache vermehrt Wörter aus Migrantensprachen in das Deutsche eindrängen. So sei momentan bekannt, dass es in der Jugendsprache einen gewissen Einfluss der Migrantensprecher aus dem Balkan gebe. Das betreffe die Satzmelodie, den Wortschatz und teilweise auch die Aussprache.

Allerdings glaubt sie nicht, dass sich dies nachhaltig auf die Erwachsenensprache auswirkt: „Nach allem, was wir bisher über die Jugendsprache wissen, ist das eine Sprachform, die sich mehr oder weniger im Lauf der Zeit verliert.“ Allenfalls aus dem Wortschatz bleibe hie und da etwas übrig, Ausdrücke wie „mega“ oder „cool“. Ihr sei jedenfalls keine Untersuchung bekannt, die einen Balkanslang-Einfluss auf die Erwachsenensprache nachgewiesen hätte. „Die Mehrsprachigkeit in der Schweiz hat ja bisher auch nicht zu einem beschleunigten Sprachwandel im Schweizerdeutschen oder Schweizer Hochdeutschen geführt“, sagt sie.

Doch da wären ja noch die Deutschen. Hochdeutsch ist derzeit die wichtigste Migrantensprache in der Schweiz. Hier sei anzunehmen, dass sich das Hochdeutsche durchaus auf die Dialekte auswirke. Diesen Einfluss merke man im Wortschatz, aber auch in der Aussprache. So werde beispielsweise ein „p“ immer häufiger behaucht.

Da Einwanderer nach ihrer Ankunft in der Schweiz meistens Hochdeutsch lernen, könnten sie diese Tendenz verstärken. Somit wirkt sich die Migration zumindest indirekt auf den Dialekt aus: „Andere Migrantengruppen mit verschiedenen Sprachen stärken möglicherweise das Hochdeutsche“, sagt Elvira Glaser.

Die Veränderungen erkennt man allerdings seltener in der geschriebenen Sprache. Diese ist träge und wirkt eher konservierend, während die Veränderungen in der gesprochenen Sprache offensichtlich sind. Aber es tut sich auch in der Schriftsprache etwas: „In den letzten Jahren ist der Einfluss gesprochener Sprache auf die Schrift größer geworden“, sagt Linguist Siebenhaar. Die formelle Sprache wird tendenziell mündlicher. Heute beschleunigen zudem Facebook, Twitter, Whatsapp und andere neue Medien den Trend zu kurzen Sätzen und simplem Satzbau. Sie sind auf schnelle Kommunikation und Verständlichkeit ausgelegt, weswegen Orthographie und Grammatik nachrangig geworden sind. Zudem pfeifen viele Nutzer nicht nur auf Regeln, sie nutzen Dialekte, Slangs und kombinieren verschiedene Sprachen miteinander. Hauptsache, der andere schnallt’s.

Der englische Siegeszug

Weitere wichtige Einflüsse auf die deutsche Sprache sind die häufig beklagten Anglizismen und ein genereller Sprachtrend der grammatischen Vereinfachung, wie ihn das Englische vorgemacht hat.

Das Englische ist deshalb so erfolgreich, weil es sich – im Gegensatz zum trägen Deutschen – in großer Geschwindigkeit zu einer sogenannten hochanalytischen Sprache entwickelt hat. Anstelle komplexer Grammatik und unregelmäßiger Beugungen hat es eine simple und regelmäßige Struktur gebildet, die ihren Lernern entgegenkommt. Ein Kind wendet sie automatisch an. Es esst gerne Eis, empfehlt Schokolade und befehlt: Nehm das bitte! Tönt schräg, ist aber vor allem logisch.

Trotzdem empfinden viele den Sprachwandel als grausame Entwicklung, die in den Ohren schmerzt. Das ist ganz normal: „Veränderungen machen uns – nicht nur in der Sprache – häufig Angst; sie verunsichern uns“, sagt Siebenhaar. Sprachwandel werde häufig als Sprachverfall beurteilt, weil das, was wir teilweise mit großem Aufwand hätten lernen müssen, plötzlich nicht mehr gelte.

Über manche Konstruktionen ärgern sich zwar auch Linguisten, wie sie offen zugeben, doch der Wandel sei eben unvermeidlich. Die frühere Vergangenheitsform von schrauben war schrob, wie man es heute noch im Adjektiv verschroben erkennt. Wer „schraubte“ sagte, machte einen Fehler. Auch der Hund boll. Er bellte nicht. Auf einem ähnlichen Weg ist das Verb backen. Oder wer sagt heute noch „buk“, ohne dass er altbacken klingt?

Solche Veränderungen scheinen unvermeidlich, aber kann man sie nicht vielleicht doch lenken? Soll der Staat seinen Bürgern vorschreiben, wie sie zu sprechen haben? Funktioniert das überhaupt?

Der Düsseldorfer Linguist Rudi Keller hält von derlei Sprachgesetzen allein aus wissenschaftlichen Gründen nicht viel. Er betrachtet die Entwicklung der Sprache als ein Phänomen der dritten Art, die weder ein Werk der Natur ist noch ein willentlich vom Menschen geschaffenes Artefakt. Nicht natürlich und nicht künstlich also. Sondern beides zugleich. „Durch das tägliche millionenfache Benutzen der Sprache erzeugen wir eine permanente Veränderung unserer Sprache, die wir in der Regel nicht beabsichtigen“, sagt er. Es sei den meisten ohnehin gleichgültig. Kellers Theorie lautet: Eine bestimmte Veränderung könnten wir im Allgemeinen weder gezielt verhindern noch gezielt hervorbringen; wir würden sie meist nicht einmal bemerken. Damit sei Sprache in Anlehnung an Adam Smiths Wirtschaftstheorie wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt.

Von diesem Wandel sind alle Sprachen der Welt betroffen. Ihre Sprecher wollen imponieren (Fremdwörter), Artikulationsenergie sparen (Verkürzungen und Vereinfachungen), Rücksicht nehmen (politisch korrekte Sprache). Die Gründe sind vielfältig. Sie werden im Allgemeinen aber als hässlich bewertet, weil sie sozial gesehen meist von unten kommen.

Die verbreitete Anglizismuskritik hält Keller für eine Form linguistischer Xenophobie. Dabei sollte man nicht nur die Zugänge im Blick haben, sondern sie mit den Abgängen bilanzieren. Manche Ausdrücke sind Modeerscheinungen und erledigen sich von selbst. Die Angst vor Importen ist in der Regel also unbegründet. Das Englische selbst wäre nach dieser Lesart eine total überfremdete Sprache, 30 bis 40 Prozent des englischen Wortschatzes sind französischen Ursprungs. Sprachtod? Von wegen. Heute ist Englisch Weltsprache.

„Was wir als Sprachverfall wahrnehmen, ist zu einem erheblichen Teil der allgegenwärtige Sprachwandel aus der historischen Froschperspektive betrachtet“, sagt Keller. Wir würden die Sprache nur punktuell durch ein schmales Zeitfenster betrachten und darin jede Menge Fehler und Barbarismen erkennen. Allerdings sind womöglich gerade die systematischen Fehler von heute die neuen Regeln von morgen. Und das ist natürlich schon krass.