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Algorithmen als Dichter

Roboterjournalismus und computergenerierte Literatur

von Bernd Flessner / 09.04.2016

Kaum standen in den 1950er Jahren die ersten Computer zur Verfügung, versuchte man auch schon, ihnen „digitale Poesie“ zu entlocken. In naher Zukunft könnten Algorithmen ganze Romane schreiben. Ein Gastbeitrag von

Bernd FlessnerBernd Flessner lehrt am Zentralinstitut für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Schwerpunkte sind die Zukunft der Medien und die Konvergenz von Technologien. .

Der Ingenieur Adolph Knipe hat eines Tages die Idee, einen Computer zu bauen, der Kurzgeschichten und Romane schreiben kann. John Bohlen, sein Chef und Inhaber einer Computerfirma, willigt ein. Ein halbes Jahr später ist der Rechner fertig und spuckt nach Belieben Romane und Erzählungen aus, die für ihr jeweiliges Zielpublikum maßgefertigt und entsprechend erfolgreich sind. Nach und nach sehen sich selbst namhafte Schriftsteller gezwungen, die Feder niederzulegen und ihre Namen an Bohlens Firma zu verkaufen – denn die Maschine repliziert ihren Stil besser, als sie es selbst je könnten.

Stochastische Gedichte

In seiner 1948 entstandenen Short Story „The Great Automatic Grammatizator“ antizipiert der britische Schriftsteller Roald Dahl auf die für ihn übliche humoristisch-satirische Weise, wie eines Tages auch kreative Tätigkeiten von Computern schnell und zu niedrigen Produktionskosten übernommen werden. Dahls amerikanischer Kollege Fritz Leiber griff das Motiv des schreibenden Computers 1962 in seinem Roman „The Silver Eggheads“ auf, in dem Schriftsteller – genauer gesagt, Ex-Schriftsteller – nur noch benötigt werden, um die „robot writers“ zu beaufsichtigen. Ihre eigene Kreativität haben sie längst eingebüßt.

Kunst oder Zufall? Gerhard Stickels computergeneriertes „Autopoem No. 1“ aus dem Jahr 1965
Credits: Gerhard Stickel

Das sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie früh sich Autoren mit der technologischen Zukunft ihres Berufs auseinandergesetzt haben, wie früh sie die Möglichkeiten des Computers erahnten. Unbekannt ist indes, ob Dahl oder Leiber wussten, wie dicht ihnen die Realität auf den Fersen war. Denn bereits 1959 generierte der Esslinger Informatiker Theo Lutz, ein Schüler des Philosophen Max Bense, mithilfe eines Zuse-Z22-Computers die ersten stochastischen Texte. „Darunter versteht man Texte, deren grammatikalische Struktur vorgegeben ist, deren Worte jedoch zufallsmäßig bestimmt sind“, erklärte Lutz in einem Essay. Später ergänzte er sein literarisches Programm um eine „Alternativmatrix“, die den Inhalt sinnhafter erscheinen ließ.

Andere Informatiker folgten Lutz, etwa Gerhard Stickel, der 1964 mit einem IBM-Rechner „Autopoeme“ generierte. Manfred Krause und Götz Schaudt erweiterten 1967 die bestehenden Programme um Reimregeln sowie den Wortschatz von Goethe, Schiller, Grass, Rühmkorf und anderen Autoren. Die Computerlyrik oder digitale Poesie etablierte sich und ließ Dahls und Leibers Visionen nun nicht mehr ganz so phantastisch anmuten.

Die vierte Revolution

Die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen hat sich zwar, gemessen an den Prognosen der IT-Optimisten, deutlich verzögert, schreitet aber dennoch kontinuierlich voran. Längst steht zudem der Quantencomputer in den Startlöchern, der die Leistung und die Fähigkeiten der derzeit gebräuchlichen digitalen Chips um ein heute noch Unvorstellbares übertreffen wird. Keine Frage, die vierte industrielle Revolution kommt; zum vierten Mal seit der Erfindung der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls werden sich unser Leben und unsere Arbeit gravierend verändern.

Schon zeichnen Prognosen, in diesem Fall von IT-Pessimisten, ein düsteres Bild der zukünftigen Lage. Laut einer neuen Studie der London School of Economics (LSE) sind die Revolutionäre 4.0, allen voran Roboter und Algorithmen modernster Provenienz, bereits dabei, allein in Deutschland 51,1 Prozent der Jobs zu übernehmen. Diesmal sind auch Tätigkeiten und Berufe betroffen, die bis anhin von den Revolutionen im IT-Bereich weitgehend verschont geblieben waren: Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte, Designer, Journalisten.

Passend zur Diskussion geistert seit ein paar Jahren der Begriff des Roboterjournalismus durch die Presse, fast immer verbunden mit dem beschwichtigenden Hinweis, dass die recherchierenden und schreibenden Algorithmen über Börsen-, Wetter- und Sportberichte nicht hinauskämen. „Es ist unwahrscheinlich, dass Roboter den Journalismus jemals übernehmen werden“, erklärte unlängst der namhafte amerikanische Computerlinguist Michael White in einem Interview mit der FAZ.

Falscher Pessimismus

Unabhängig von der Frage, ob das Kompositum „Roboterjournalismus“ eine geglückte Wortprägung darstellt, handelt es sich bei Whites Aussage um eine Unmöglichkeitsprognose, bei der jeder Zukunftsforscher die Augen rollt. Hätten die unzähligen Unmöglichkeitsprognostiker auch nur in der Hälfte der Fälle richtig gelegen, so hätte es wohl kaum ein technisches Zeitalter gegeben. Kein Flugzeug hätte sich je in die Luft erhoben, kein Handy ein Netz gesucht, in keinem Haushalt würde ein Computer stehen. Die technologischen Revolutionen wären allesamt ausgeblieben. Die Geschichte belegt indes, dass Unmöglichkeitsprognosen so gut wie nie zutreffen. Die Frage, die sich Zukunftsforscher von Karlheinz Steinmüller (Berlin) bis James Dator (Hawaii) stellen, ist daher auch nicht die nach der generellen Möglichkeit einer Innovation, sondern vielmehr die nach dem wahrscheinlichen Zeitpunkt. Es geht nicht um das Ob, es geht um das Wann.

Unmöglichkeitsprognosen werden somit auch die Entwicklung kreativer Algorithmen nicht aufhalten. Mit durchaus berechtigtem Optimismus versprach jüngst Kristian Hammond, Informatikprofessor an der Northwestern University in Illinois und Chefwissenschafter des Unternehmens Narrative Science, den baldigen Gewinn des Pulitzer-Preises durch einen schreibenden Algorithmus. Es spricht viel dafür, dass Hammond recht behalten könnte. Er weiß, wie viele Institute und Firmen an dem Projekt arbeiten, denn es verspricht immense ökonomische Erfolge.

Das beweist auch die Marktposition von Unternehmen wie Narrative Science (USA) oder Aexea (Deutschland): Ihre Algorithmen wandeln Zahlenmaterial und Statistiken in sprachliche Darstellungen um und generieren so täglich mehrere Millionen Texte für Veröffentlichungen aller Art. Dies ist jedoch nicht – wie Michael White es postulierte – das vorläufige Ende der Entwicklung, sondern vielmehr der Einstieg in eine umfassende computerbasierte Literaturproduktion.

Kreative Algorithmen sind bereits dabei, zu Konkurrenten von Journalisten und Schriftstellern zu werden. Dabei müssen die Algorithmen ihre eigenen Texte keineswegs im hermeneutischen Sinne verstehen. Sie müssen lediglich die benötigten Texte aus verschiedenen Bausteinen, aus Templates, Wortschätzen und syntaktischen Mustern zusammensetzen. Also aus jenen sprachlich-literarischen Elementen, die sich in irgendeiner Form messen und nach Regeln rekonstruieren lassen. Genau dies war schon Dahl und Leiber, den eingangs genannten Pionieren der 1950er und 1960er Jahre, bewusst.

In einer nicht mehr fernen Zukunft werden die global agierenden Medienkonzerne nicht nur von Algorithmen geschriebene Online-Zeitungen anbieten, sondern auch Ratgeber, Krimis oder Fantasy-Romane. Zeitungen wie auch E-Books sind dannzumal selbstverständlich individualisiert verfügbar. Die E-Book-Reader der Zukunft erfassen mit Sensoren die Reaktionen des Lesers und ändern den Text kontinuierlich. Bald wissen die lernfähigen Geräte, welche inhaltlichen oder ästhetischen Präferenzen der Leser hat, und erhöhen entsprechend die Zahl der Mordopfer oder der erotischen Abenteuer.

Der Leser entscheidet

Der Leser wird so zum Mitschöpfer, zum Prosumenten, der nur noch liest, was ihm vom ersten bis zum letzten Buchstaben gefällt. Die Anbieter werden dafür sorgen, dass die Fortsetzungen beliebter Reihen niemals enden. Außerdem werden die Übergänge zwischen Roman und Werbung verschwimmen; aktuelle Produkte werden von den Algorithmen in die Handlung eingebaut. Der Leser kann wiederum Wünsche angeben und sogar Figuren aus anderen Werken in die Handlung integrieren. Harry Potter vs. Darth Vader? Alles eine Frage der Rechte. Sie lieben den Stil von Agatha Christie? Ihr E-Book-Reader kann Ihnen jeden verfügbaren Krimi im Stil der englischen Autorin bieten. Der Text wird dank dieser Entwicklung ebenso zum beliebig verfügbaren Segment der digitalen Welt wie das Bild oder der Ton.

Für den Leser zählt am Ende nur das Leseerlebnis, nicht die menschliche Autorschaft. Der Autor wiederum könnte, wie von Dahl oder Leiber beschrieben, zum literarischen Art-Director werden, der Handlungen und Figuren skizziert; ein kreativer Algorithmus generiert dann den Roman aus diesen Elementen. Zumindest die Autoren der Unterhaltungsliteratur dürften dieser Revolution zum Opfer fallen, ebenso deren Verlage und die Buchhandlungen. Globale Medienkonzerne werden die Themen wie den Markt dominieren.

Es sei denn, die Leser entscheiden sich doch gegen dieses Szenario und somit gegen journalistische und literarische Texte, die nichts Authentisches, Empfundenes, Erlebtes, Erduldetes, Erdachtes, Reflektiertes zu bieten haben, sondern nur die Simulation menschlicher Gedankengänge und Gedankenspiele. Setzte sich eine derartige Textgenese durch, dann würde der menschliche „Weltinnenraum“, wie ihn Rainer Maria Rilke genannt hat, zu einer residualen Kategorie schrumpfen und einer Hochliteratur vorbehalten bleiben.