Friedrich Rauch / Interfoto / Keystone

Salzburger Festspiele: Zwei Minuten Finsternis

von Bernd Noack / 16.08.2016

Als „Notlicht-Skandal“ ging die Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ in die Theatergeschichte ein. 44 Jahre später steht das Stück erneut auf dem Programm.

Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht vertrage, komme auch ohne sein Schauspiel aus, entschied vor 44 Jahren der Dichter Thomas Bernhard auf dem Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die er mit den Salzburger Festspielen führte. In die Chronik grotesker Theaterereignisse ist die Geschichte eingegangen als der „Notlicht-Skandal“: Regisseur Claus Peymann hatte sich gewünscht, dass am Ende des Bernhard-Stückes „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, dessen Uraufführung 1972 im Salzburger Landestheater anstand, für ganz kurze Zeit aus dramaturgischen Gründen auch noch die blasse Notbeleuchtung im Saal gelöscht werde. Trotz feuerpolizeilichen Bedenken gestand man ihm dies zunächst zu: Bei der Generalprobe war es stockfinster. Einen Tag später bei der Premiere aber brannten die Lämpchen wieder – und bei den Künstlern die Leitungen durch.

Infamie!

Zu einer zweiten Vorstellung kam es gar nicht mehr: Die Schauspieler weigerten sich aufzutreten. In der Folge entwickelte sich ein Briefverkehr samt Pressezirkus, in denen Worte wie „Infamie“ und „Vertrauensbruch“ noch am harmlosesten waren; die Sache landete und versandete schliesslich vor dem Bühnengericht. Hilde Spiel schrieb damals: „Es war der erregendste Sommer seit langem. Er wäre der brillanteste gewesen, hätte man in jenen zwei Minuten das Licht gelöscht.“

Ein Stoff wie aus einem Bernhard-Stück? Tatsächlich kommt der Dichter Jahre später in seinem „Theatermacher“, in Salzburg uraufgeführt 1985, nochmals ironisch darauf zurück, wenn er seinen Titelhelden Bruscon über vollkommene Finsternis und ausgeschaltetes Saallicht brabbeln lässt. Claus Peymann, auch diesmal der Regisseur, wollte da noch eins draufsetzen und an die guten alten Skandalzeiten anknüpfen. Er liess vorab verlautbaren, dass man beabsichtige, in der „Theatermacher“-Uraufführung zwecks realistisch stinkiger Utzbach-Dorf-Atmosphäre 800 echte Fliegen „auftreten“ zu lassen. Den Salzburgern schwirrte es schon um die Köpfe: Auf jeden Festspielbesucher im Theater wäre immerhin eine Fliege gekommen! Bei der Premiere waren dann die Insekten freilich aus Plastic.

Thomas Bernhard und Salzburg, das ist ein endlos weites, literarisch und persönlich beackertes Feld: Mit ihm und der Stadt sei alles irgendwie in Beziehung, seufzte der Dichter einmal, aber dabei könne es sich natürlich nur um eine Art Hassliebe handeln. So haben sich beide Beteiligten oft genug wie beleidigte Diven betragen – lassen konnten sie voneinander nicht. Die Festspiele sind dem Dichter nachgerannt und haben ihn ausgebremst, der fühlte sich geschmeichelt und frisierte seine Eitelkeit für die leicht erregbare Öffentlichkeit gerne mit mehr oder weniger harmlosen Ausfällen gegen die „Selbstmörder-Stadt“: Aus Schlagobers, meinte er, entstehe nun einmal nichts.

Gleichwohl wurden zwischen 1974 und 1985 insgesamt fünf Bernhard-Werke im Rahmen der Festspiele uraufgeführt, unter anderem auch „Die Macht der Gewohnheit“ mit Bernhard Minetti. Briefwechsel und Dokumente zeigen heute, wie sehr sich der Dichter darum bemühte, in Salzburg ausgerechnet und genau bei dem von ihm wortreich gehassten Festspielanlass präsent zu sein – trotz diversen Rückschlägen, die er in den Jahren hinnehmen musste. Neben dem Notlicht-Skandal machten da vor allem die Streitereien um das Stück „Die Berühmten“ Schlagzeilen – nicht nur in den Feuilleton-, sondern vor allem in den Klatschspalten.

Berühmte und Verkrüppelte

War das Stück für 1976 vorgesehen, munkelte man in prominenten Kreisen schon lange vorher, dass Bernhard unter solch einem Titel wohl nur eine ganze Riege bekannter Persönlichkeiten – inklusive Karajan! – aufmarschieren und heftig karikiert im Regen stehen lassen würde. Also wollte die Direktion den Text vorab prüfen, was den Dichter so brüskierte, dass er die Zusammenarbeit kurzerhand aufkündigte: Er brauche die Festspiele nicht, kabelte Bernhard beleidigt – aber fünf Jahre später sollte mit „Am Ziel“ der aufgedröselte, freilich nie wirklich zerrissene Faden dann doch wieder aufgenommen werden.

2007 gab es mit „Ein Fest für Boris“ erst nach über zwanzig Jahren wieder ein Bernhard-Stück bei den Salzburger Festspielen. Aber auch dieses Schauspiel hatte ein Vorspiel. Denn eigentlich wäre „Boris“ 1966 des Dichters erstes Stück überhaupt für Salzburg gewesen. Doch dieser „Anti-Jedermann“, wie Bernhard schon selber vor dem Inhalt warnte, wurde seinerzeit abgelehnt. Ein Haufen „Verkrüppelter“, um eine Tafel sitzend, das erschien den Verantwortlichen als zu düster für eine sommerliche Festspielaufführung. Der Text an sich sei zwar ausgezeichnet, hiess es in der Absage, doch habe man gewisse Rücksichten auf die Nerven empfindsamer Festspielegäste zu nehmen. Da hatte Thomas Bernhard dem Stück schon wohlweislich als Motto ein Zitat von Alexander Brock vorangestellt, wonach Premieren ja für gewöhnlich unerträgliche Examen und überhaupt eine Verhöhnung der Kunst seien. „Der Ignorant und der Wahnsinnige“Das Notlicht am Schluss im Saal blieb an. Und statt völliger Finsternis gab es gar gleissende Festbeleuchtung auf der Bühne. Das war dann endlich und blieb der einzige Einfall, den sich Gerd Heinz in seiner Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ bei den Salzburger Festspielen im Landestheater erlaubte. Letztlich war es aber auch egal, wie der Regisseur dieses Spiel um künstliche Kunst und menschliche Vergänglichkeit deutet, denn im Mittel- und Vordergrund stand ohnehin nur einer: Sven-Eric Bechtolf als Doktor – und mithin als der „Wahnsinnige“ – hat sich in seinem letzten Jahr als künstlerischer Leiter der Festspiele nochmals einen Herzenswunsch erfüllt und ist als Schauspieler zurückgekehrt ins Theater. Wer ihn dort vermisst hat, bekommt hier die geballte Ladung seines Könnens serviert, das vor allen Dingen darin besteht, an selige Bühnenzeiten zu gemahnen, da die Rampensau noch eine höchst angesehene kulturelle Persönlichkeit war.Bechtolf ist ungeniert und ohne Rücksicht darauf, dass es sich um ein Fünf-Personen-Stück handelt, als Alleinunterhalter präsent und benützt Bernhards Text als Partitur der eigenen Befindlichkeiten, lässt das Komische, das sich hier eigentlich stets als das Tragische zeigt, wie platte Witze von der Leine und heimst pikierte Bewunderung ein, wenn er die ekligen Obduktions-Passagen genüsslich repetiert. Wie man aber Thomas Bernhard, gerade in Salzburg und gerade dieses Stück, spielen sollte, zeigt nur Christian Grashof als Vater: mit verzweifelter Boshaftigkeit, hilfloser Existenzverachtung, abgründig normal und schmerzend scherzend. Und lila Socken trägt er auch noch!