Ben Knabe/ZDF

Erdoğan-Satire

Satire ohne Realitätsbezug ist hohl

Meinung / von Rainer Stadler / 12.04.2016

Jan Böhmermann hat für seine Schmährede auf Erdoğan Unterstützung vom CEO des Axel-Springer-Verlags erhalten. Das erstaunt. Ein Kommentar von Rainer Stadler.

Der TV-Satiriker Jan Böhmermann ist gewiss ein sehr begabtes Kind der hiesigen Mediengesellschaft. Er hat es geschafft, aus einer Fernseh-Blödelei über den türkischen Präsidenten eine kleine Staatsaffäre zu machen, indem er Erdoğans Kritik an der harmlosen Satire mit einer bösen Schmährede beantwortete. Der Gebieter aus Ankara grollt nun umso mehr, und die Bundesregierung geriet in die Bredouille, weil sie sich gezwungen sieht, zur Sache Stellung zu nehmen, wo sie doch wichtigere Probleme als solches Fernseh-Gedudel anpacken müsste. Böhmermann muss sich geschmeichelt fühlen, derart viel Aufmerksamkeit zu erhalten. Welcher Mann aus der Medienkaste schafft das schon.

Mit seiner doppelbödigen TV-Inszenierung verfolgte Böhmermann auch den höheren Zweck, den Wert der Meinungsäußerungsfreiheit in Erinnerung zu rufen. Am Sonntag hat seine Mission höchst prominente Unterstützung erhalten. Mathias Döpfner, CEO des Medienhauses Axel Springer, schrieb in einem offenen Brief: „Böhmermann hat recht.“ Das Gedicht sei gelungen, sagt der Verleger der Bild-Zeitung. „Ich habe laut gelacht“, bekannte er.

Tatsächlich? Humor ist natürlich Geschmackssache; der Kindskopf kann sich auch darüber amüsieren, dass jemand feixend einem Staatsmann gesellschaftlich geächtete sexuelle Vorlieben unterstellt, für die es keine Faktenbasis gibt und die nichts mit der Politik des Geschmähten zu tun haben. Starke Satire zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Wahrheitsanspruch hat, dass sie einer wenig beachteten, aber so wichtigen wie fragwürdigen Tatsachen durch witzige Überzeichnung die nötige gesellschaftliche Beachtung verschafft und damit vielleicht gar einen Lernprozess auslöst. Wenn diese Verankerung fehlt, geht es bloß um nichtige Blödelei – eine Praxis übrigens, die unsere Medienangebote ohnehin schon arg belastet.

Keine Gefahr im deutschen Fernsehstudio

Freilich sollen missratene Humor-Attacken ebenfalls den Schutz der Medien- und Meinungsfreiheit genießen, selbst wenn sie die Betroffenen schmerzen. Je substanzloser sie sind, desto weniger sollte dies die „Opfer“ kümmern. Wenn Erdoğan auf eine Bestrafung des TV-Satirikers drängt, bleibt er in dessen Logik gefangen und wird erst richtig zum Gespött. Der türkische Präsident steht dann da als Unterdrücker der Medienfreiheit. Doch wissen wir das nicht bereits jetzt? Und jenen Journalisten in der Türkei, die für ihre regierungskritischen Beiträge hohe persönliche Risiken eingehen, ist mit der Bloßstellung des Präsidenten in Deutschland nicht geholfen. Im wohlbehüteten Fernsehstudio drohen keine Gefahren für den, der die Rolle des moralischen Erziehers spielen will.

Böhmermann und sein neuer Supporter Mathias Döpfner ärgern sich über die laue Reaktion der Bundesregierung auf die medienkritischen Forderungen von Erdoğan. Angesichts der türkischen Hilfe bei der Eindämmung der Flüchtlingsströme vermittelt die deutsche Führung den Eindruck, in Sachen Medienfreiheit ein Auge zudrücken zu wollen. Da treffen die Kritiker einen wunden Punkt. Wie allerdings die deutsche Seite einem autoritären Staatsvertreter ausgerechnet durch die Verteidigung eines ziemlich peinlichen Stücks Satire den Geschmack und den Wert der Medienfreiheit vermitteln soll, bleibt schleierhaft.