flickr/Guennadi Ivanov-Kuhn

Schattenreiche des Netzes

von Björn Hayer / 04.11.2015

Die digitale Revolution in der Gegenwartsliteratur – auf die erkenntnismäßigen Herausforderungen des Internets hat die Literatur bisher verhalten reagiert. Manche Autoren erkunden die Möglichkeiten eines Spiels zwischen Formexperiment und Kritik.  

Jedes Paradies ist trügerisch, büßt irgendwann seinen Glanz und seine Einmaligkeit ein, bis lediglich noch ein Mythos zurückbleibt. Das Internet als Religion des 21. Jahrhunderts scheint hingegen alle Maßstäbe und Erwartungen gesprengt zu haben und verlockt den Menschen tagtäglich, sich in seinem flimmernden Reich zu verlieren. Als der amerikanische Medientheoretiker Marshall McLuhan 1962 vom globalen Dorf sprach, mochte das manch ein Zeitgenosse bisweilen noch für Science-Fiction-Humbug gehalten haben. Heute ist diese Vision im weltweiten Kommunikationsnetz hingegen Realität geworden. Jeder kann mit jedem chatten und daddeln, gigantische Datenmengen sind per Mausklick verschiebbar, alle Hürden, ob geografischer oder politischer Natur, sind im virtuellen Raum gefallen. Und auch die Utopie der frühen Internet-Utopisten von einer möglichen Menschheitsgesellschaft scheint greifbar. Als die „Revolutionen“ in den arabischen Staaten Ende 2010 mit über das öffentliche Netzwerk organisiert wurden, sprachen Kommentatoren euphorisch vom World Wide Web als dem Demokratisierungsmotor schlechthin. Die sozialen Netzwerke Facebook und Co. wurden zur Stimme der Entrechteten und Rebellen. Freiheit und Transparenz sind dabei zu den glanzvollen Insignien der neuen Medientechnologien avanciert.

Zunehmende Cyber-Skepsis

Gegenüber diesem Techno-Optimismus fällt nicht erst seit Snowden und „Prism“ eine zunehmende Cyber-Skepsis in der Gesellschaft auf. Auch die Gegenwartsliteratur wusste schon vor den Enthüllungen die digitalen Räume kritisch wie auch vielschichtig in den Blick zu nehmen. Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ (2009) kann bis jetzt als das deutschsprachige Werk angesehen werden, dem am ausdrucksstärksten die Zeichen des globalen Netzwerks eingeschrieben sind. Über mediale Kanäle via Handy oder Internet stehen seine Protagonisten über Erzählungsgrenzen miteinander in Kontakt. Jeder schafft sich auf seine Weise eine „zweite Wirklichkeit“. Für einige wird der Wunsch nach einer anderen Identität realisierbar, andere werden – auch über technisch fehlerhafte Verlinkungen – aus ihrem Existenz-Zusammenhang herausgeworfen.

Diese Ambivalenz des Kommunikationsraums dient letztlich der Aushebelung von Verantwortlichkeit. Da die Figuren für ihre medialen Zweitpersönlichkeiten niemandem mehr zur Rechenschaft verpflichtet sind, handeln sie teilweise völlig unbedacht. Ein Internet-Junkie postet unentwegt beleidigende Kommentare im Netz, ein anderer nimmt den Suizid eines verzweifelten Anrufers billigend in Kauf. Doch jedes Posting und jedes Telefonat zeitigt Folgen in der Realität – dies mag die wohl wichtigste Erkenntnis dieses hellsichtigen Romans sein. Indem Kehlmann schlitzohrig die Episodengeschichten spiegelbildlich zum Internet in einem Netz aus Hyperlinks verwebt, veranschaulicht er, wie Apparaturen untergründig unser wahres Leben zu steuern wissen.

Ist unsere Offenheit für die verführerischen Weiten also zu viel des Guten? Skepsis ist geboten. So auch in Thomas Glavinics Roman „Lisa“ (2011). Im Zentrum steht darin ein koksender Spiele-Tester, der im Modus des inneren Monologs via Internetradio von seiner Flucht in eine entlegene Waldhütte berichtet. Statt Idylle beherrscht jedoch Angst die Szenerie. Aufgrund einer DNA-Spur in seiner Wohnung vermeint der Sprecher, Opfer des Einbruchs einer international gesuchten Killerin – unter dem Pseudonym „Lisa“ bekannt – geworden zu sein. Schon zu Beginn stellt er die Vagheit seiner Befürchtungen heraus: „Vielleicht bilde ich mir nur etwas ein […] und habe mich getäuscht“. So quatscht der Sprecher ohne Reflexion Gedanken und Halbsätze ins Netz, das ihm durch die dort aufzufindende Gemeinschaft als Schutzraum vor der beklemmenden Einsamkeit inmitten des düsteren Waldes dient. Doch dann offenbart sich der Mythos um die blutrünstige Schlächterin Lisa als Auswuchs einer alarmistischen Netzgemeinde. Wer das Buch liest, fühlt sich an die unzähligen Verschwörungstheorien in heutigen Netzforen erinnert. Der Homo Cyber, der das Echte nicht mehr vom Virtuellen trennen kann, wird mehr und mehr zum Spielball all jener, welche die Medien zu Verführung und Propaganda zu nutzen wissen.

Dass der Cyberspace ohnehin nie ein Paradies der Freiheit gewesen sein soll, führen die fortschritts- und technikkritischen Gesellschaftsgrotesken der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit aller galligen Verve vor Augen. Angefangen bei ihrem Roman „Die Klavierspielerin“ über das Skandalbuch „Lust“ bis hin zu ihrem melancholischen Lesedrama „Winterreise“ (2011) stehen alle ihre Werke im Zeichen einer pornografisch-patriarchalen Unterdrückungsordnung. Sucht das wandernde Ich auf zwielichtigen Online-Portalen die wahre Liebe zu finden, verfängt es sich immer mehr in den Maschen eines verlockenden Bildergeflechts. Mit wenigen Klicks kann man vermeintlich zum Wunschpartner gelangen. Denn „das Netz ist eine Gebärmutter für Menschen“. Jedwede Beziehung ist auf diesem Umschlagplatz für Leiber prinzipiell sexualisiert. „Aha, da kommt gerade einer […] natürlich auch aus dem Netz, andere Menschen gibt es schon lang nicht mehr, der hat sich frei gemacht aus den Maschen, […] als er mich sieht, das ist ja der Zweck des Ganzen.“

Wie in einem Warenhaus können Frauen als Produkte angeklickt und verschlungen werden. Die grenzenlosen Weiten des digitalen Universums entpuppen sich als kapitalistischer Konsumtempel. Während darin alle nach romantischer Zweisamkeit und Erlösung suchen, stoßen lediglich ihre frei flottierenden Avatar-Körper aneinander, ohne sich wahrhaftig zu finden. Gescheiterte Hoffnungen, geplatzte Träume. Dennoch hält sich die fatale Illusion. In Jelineks Bühnenessay „Rein Gold“ (2012) ist gar die Rede vom virtuellen „Schlaraffenland“, wo die Menschen „durchs Portal in was anderes hinein(gehen), das sie nicht mehr überblicken werden. Den freien Raum überblickt keiner mehr.“

Menschliches und Maschinelles

Statt eines Möglichkeitsraums, wie ihn die Netz-Utopisten beschwören, ist der Cyberspace zur Wüste einer verlorenen, in stetem Irrtum befangenen Menschheit geworden. Ein Ort der Verrohung und Verflachung, der uns des Wirklichkeitssinnes beraubt – die Gefahren, welche die Autoren im Cyberspace sehen, sind vielfältiger Natur. Vor allem sind sie aber Ausdruck eines neuen Menschen, der seinen lang erkämpften Status als aufgeklärtes Subjekt nur vermeintlich in den großen Weiten des Internets zu bewahren weiß. In Wirklichkeit, so suggerieren es die Texte, scheint er längst Teil einer weltumspannenden, organischen Apparatur geworden zu sein. Mit der Google-Glass-Brille wird das Zeitalter des, wie es Paul Virilio einmal nannte, „synthetischen Sehens“, das heißt einer Wahrnehmung, die Menschliches mit Maschinellem verschmilzt, real. Obgleich wir meinen, im scheinbar so liberalen Netz Herr unserer Autonomie zu sein, bemerken wir kaum, wie unser Denken immer mehr am USB-Kabel hängt.

Wir sind im Zeitalter von Dave Eggers’ „The Circle“ (2014) angelangt – einem Netzgiganten, der Google, Facebook und Amazon vereint. Was Byung-Chul Han in seiner „Transparenzgesellschaft“ (2012) und Manfred Schneider in seinem „Transparenztraum“ (2013) beschreibt, wird hier zur literarischen Schreckensvision. Mittels Mikrokameras nehmen sich die Menschen gegenseitig auf, laden gewissermaßen eines jeden Privatleben auf die Netzplattform hoch. Ohne es zu begreifen, ist der Mensch, der allzu gern seine Netzprofile mit allerlei Persönlichem schmückt, zum Opfer eines globalen Transparenz-Regimes geworden, das Geheimnis und Intimität ignoriert und mit Daten Macht und Rentabilität sichert.

Man sollte meinen, unter einem derartigen Ansturm der neuen Medien dürfte alles bisher Gekannte begraben liegen. Doch das Buch in Zeiten der digitalen Expansion für tot zu erklären, wäre fatal. Im Gegenteil: Gerade die referierten Entwürfe demonstrieren, dass das scheinbar „alte“ Medium Buch den neuen, allzu flüchtigen durch Reflexionsvermögen und im Übrigen auch raffinierte Ästhetiken gewachsen ist. In jedem Fall aber zeigt sich das „alte“ Medium Buch bereit, der digitalen Revolution standzuhalten. Denn es erlaubt in seiner gegenüber dem Netz geradezu asketischen Form einen Meta-Blick, aus dessen Perspektive uns erst manches klar zu werden scheint. Ein tieferes Verstehen der Netzwerkgesellschaft muss sich allerdings nicht unbedingt immer in Dystopien niederschlagen.

Unter all den skeptischen Entwürfen – zu ergänzen wären hier auch Werke von Terezia Mora, Roland Heer, Marcel Maas und Friedrich von Borries – sticht Thomas Meinecke mit seiner bunten Romancollage „Lookalikes“ (2012), einem der wenigen medienoptimistischen Werke, hervor. Ohne festgefügte Handlung lässt der Autor darin Doppelgängerfiguren sprechen, die das Netz dazu nutzen, ihre frei gewählten Identitäten etwa auf Facebook-Pinnwänden auszuleben. Von historischen Persönlichkeiten wie Greta Garbo bis hin zu Pop-Ikonen wie Shakira oder Justin Timberlake reicht das Spektrum der Vorbilder. Allesamt stehen sie via Web in Verbindung und plappern über Philosophie, Musik und das Leben. Dass das Internet ihnen die Aussicht bietet, aus ihren Körpern auszubrechen und Geschlecht wie Selbstbild autonom zu wählen, ist der Anonymität und Liberalität des Mediums selbst zu danken. Was Jelinek als Wertenihilismus beklagt, stellt für Meinecke einen Möglichkeitsraum dar. Das Gender-Bild ist keine Frage der Biologie mehr, sondern eine der Selbstinszenierung im Theater des weltweiten Netzes.

Risiko und auch Gewinn liegen im Internet eng beieinander. Nach der Erfindung des Buchdrucks sorgt die Digitalisierung der Lebenswelt erneut für tektonische Plattenverschiebung in Realität und Literatur. Das literarische Schreiben wird wohl zukünftig mehr denn je seinen medialen Rahmen mitdenken müssen. Daran muss das traditionelle Buch keineswegs zugrunde gehen. Im Gegenteil: Das konzentrierte Spiel aus Formexperiment und kritischer Debatte kann ihm nachgerade zu einer neuen gesellschaftlichen Legitimation verhelfen.