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David Bowie: 1947-2016

„Schaut her. Ich bin im Himmel“

von Thomas Keller / 18.01.2016

Der britische Musiker, Sänger und Schauspieler David Bowie hat Kunst als ein lust- und humorvolles Spiel verstanden, das er aber stets mit großem Ernst betrieb – bis zuletzt. Ein Porträt von Thomas KellerAnglist und Kulturwissenschaftler an der Universität Zürich .

Am Ende hätte man es kommen sehen müssen: Wie sich David Bowie in seinem letzten Musikvideo, das er drei Tage vor seinem Tod, am 10. Januar 2016, veröffentlichte, als sterbender Greis auf dem Totenbett inszenierte und dazu gespenstisch intonierte: „Look up here. I’m in Heaven.“ – „Schaut her. Ich bin im Himmel“. Wie er sich darin nochmals in eines seiner alten Kostüme zwängte, um verbissen ein letztes Werk zu Papier zu bringen und anschließend in der dunklen Garderobe zu verschwinden – das war endgültig und eindeutig.

Doch man hat es nicht kommen sehen, denn bei David Bowie war man es gewohnt, dass nichts endgültig und eindeutig war. Dass er seit 18 Monaten an Krebs erkrankt war, verschwieg er. Öffentliche Auftritte gab es schon seit Jahren nicht mehr und Interviews schon gar nicht. Auf seinen letzten Fotos erschien er wie immer: seltsam alterslos mit blondierter Haarpracht, verschmitztem Lachen und vor Lebenslust funkelnden Augen. Die Fotos wurden im Rahmen seines nun letzten Albums, „Blackstar“, veröffentlicht. Er hatte die am 8. Januar 2016, seinem 69. Geburtstag, erschienene Platte mit jungen Musikern aus der New Yorker Jazzszene aufgenommen und dafür seine besten Kritiken seit Jahrzehnten erhalten. Bowie, so das einhellige Urteil, erfindet sich nochmals neu, und da kommt natürlich noch mehr. Jetzt wissen wir: Bowie hat sich nochmals neu erfunden, aber „Blackstar“ war sein Testament.

„Oh no, Love! You’re not alone!“

Doch autobiografische Deutungen waren David Bowie schon immer ein Greuel. „Das Werk ist erst vollendet, wenn das Publikum hinzukommt und seine eigene Interpretation einbringt. Das Kunstwerk entsteht in der Grauzone dazwischen“, sagte er einmal. So lebt sein Werk auch von den unzähligen Anspielungen und Zitaten, von den unerwarteten und verspielten Drehungen und Wendungen in seinen Songs, mit denen er sein Publikum verwirrte, aber in den Köpfen auch einen kreativen Assoziationsprozess auslöste. Bowie, das war nie der vermeintlich authentische Rockstar, der auf der Bühne sein Herz entblößte. Bowie – das war Rockmusik als Theater, und sein bevorzugtes Genre war die Komödie. Er war der schelmische Puck aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, der „Robin Goodfellow“, der das Publikum lustvoll an der Nase herumführt, aber auch nie verhehlt, dass er dies tut.

Statue und gleichwohl locker: Unter den Pop-Künstlern seiner Zeit verkörperte keiner das Paradoxe virtuoser als David Bowie. (London, 1978)
Credits: Lord Snowdon/ Camera Press/Keystone

Es ist daher vielleicht eine Ironie der Pop-Geschichte, dass einer ihrer größten Stars gleichzeitig auch ihr größter Parodist war. 1947 als David Jones in eine Londoner Arbeiterfamilie geboren, versucht er sich in den sechziger Jahren zunächst mit ausbleibendem Erfolg an allen möglichen Trends. Mit „Space Oddity“ (1969) – sein erster Hit und die Geburtsstunde seiner ersten Kunstfigur, Major Tom – läuft er Gefahr, ein One-Hit-Wonder zu werden. Doch 1972 gelingt ihm dann ausgerechnet mit der Parodie eines Rockstars der Durchbruch: „Ziggy Stardust“ war eine Abrechnung mit den ausgeträumten Rock-Idealen der sechziger Jahre: ein Konzeptalbum über einen Außerirdischen, der als androgyner Rock-Messias auf die Erde fällt und dann als abgehalfterter „Rock’n’Roll Suicide“ endet. Aber Ziggy war auch mehr als das. Am Ende des Albums ruft Bowie/Ziggy in voller Inbrunst dem Publikum entgegen: „Oh no, Love! You’re not alone!“ Es ist ein Zitat des belgischen Chansonniers Jacques Brel, mit dem er die Parodie unterläuft und im Moment des Zerfalls trotzig auf der erlösenden Kraft der (Pop-)Musik beharrt. Bowie erreicht damit Generationen von aufstrebenden Musikern, Künstlern, Außenseitern und Unverstandenen.

Diese Rolle in der Grauzone zwischen Affirmation und Parodie sollte er dann immer wieder spielen. Als er sich Mitte der siebziger Jahre als amerikanischer Soulsänger neu erfindet, ist das einerseits eine ehrliche Verneigung vor den musikalischen Heroen seiner Jugend, andererseits aber auch ein kluger Kommentar zur Kommerzialisierung der (Pop-)Musik in der spätmodernen Konsumgesellschaft. Er beschreibt seinen Stil denn auch als „Plastic Soul“, als „die zerquetschten Überreste von urtümlicher Musik im Zeitalter der Muzak, gesungen von einem bleichen Briten“.

Die Retrospektive des Rock-Aristokraten

Bowie war damit mehr als ein Parodist und ging nicht nur in konzeptioneller, sondern auch in formaler Hinsicht neue Wege. Als er in den späten siebziger Jahren nach Westberlin übersiedelt, hat er als Kernband einige Musiker aus seiner Plastic-Soul-Ära im Schlepptau. Mit ihnen hat er bereits 1975 das bahnbrechende Album „Station to Station“ aufgenommen, und es sollten weitere seiner bemerkenswertesten Alben folgen. An „Station to Station“ anknüpfend und in Zusammenarbeit mit Brian Eno schafft er in seiner Berliner Trilogie – „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ – eine innovative Synthese aus amerikanischem R&B und deutschem Krautrock. Krautrock, das waren die von sphärischen Synthesizern und monotonen Rhythmen getragenen Klänge junger deutscher Bands – Can, Neu!, Kraftwerk –, die ihre Musik explizit als Gegenentwurf zum von den britischen und amerikanischen Besatzungsmächten importierten Blues, Rock’n’Roll und Beat verstanden. Bowie gelingt der Brückenschlag zwischen diesen gegensätzlichen Stilen, eine erfolgreiche Vermählung von amerikanischen Grooves und europäischen Timbres, die bis heute wie völlig aus der Zeit gefallen klingt.

Als es Bowie dagegen in den achtziger Jahren in die oberste Liga der Rock-Aristokratie katapultiert, wird er dort nicht glücklich. Seine schlechtesten Platten habe er zu dieser Zeit aufgenommen, moniert er später. Er reagiert wie immer, indem er sich neu erfindet. In den neunziger Jahren wechseln die Stile so schnell, dass auch mancher Fan den Überblick verliert. Von der Kritik wird dieser Hyperaktivismus als zu bemüht abgetan – nachträglich gesehen wohl eher zu Unrecht.

Um die Jahrtausendwende scheint sich der bis dato Rastlose dann zunehmend mit seiner Rolle als Elder Statesman der Rockmusik anzufreunden. Seine Alben aus dieser Zeit, auf denen er sehr niveauvoll nochmals alle Stationen seines Schaffens Revue passieren lässt, haben einen retrospektiven Charakter. Und live kommt es vor, dass er auch einmal „Low“ integral spielt – als Zugabe. 2004 setzt ein Herzanfall dem Touren ein jähes Ende. Bowie zieht sich ins Privatleben zurück, seine öffentlichen Auftritte werden rar, und es folgen keine weiteren Alben. Dann: Funkstille. Irgendwann einigt man sich darauf: Bowie genießt seinen wohlverdienten Ruhestand.

Aber auch das hätte man besser wissen müssen: Anfang 2013 meldete er sich völlig unerwartet mit einem neuen Album zurück. Plötzlich ist er wieder da, der schalkhafte Trickser, der sein Publikum erfreut, indem er es an der Nase herumführt, und der dann sein erstes Album seit zehn Jahren mit typischem Understatement „The Next Day“ nennt. So hat denn wohl auch kaum jemand damit gerechnet, dass am Ende alles so schnell gehen würde. Natürlich war schon sein im November 2015 veröffentlichtes vorletztes Musikvideo zur Single „Blackstar“ voller ominöser Symbolik, voller krampfhaft zuckender Leiber, toter Astronauten und beklemmender religiöser Zeremonien. Aber das gab es bei Bowie schon immer. Und da war ja auch immer noch er selbst, der im Mittelteil den Künstler selbstironisch vom hohen Ross holte und den schäbigen Taschenspieler und Fälscher mimte: Faxen machend, urkomisch und charismatisch wie eh und je. Vielleicht hätte man es ja trotzdem kommen sehen müssen. Doch David Bowie war uns bis zuletzt immer einen Schritt voraus.