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Zum 100. Todestag von Scholem Alejchem

Schelme und Schlehmile

von Stefana Sabin / 13.05.2016

Heute kennt man den jiddischen Schriftsteller Scholem Alejchem fast nur als Autor des Romans, aus dem das Erfolgsmusical „Fiddler on the Roof“ entstand. Noch viele weitere Werke wären zu entdecken.

Als er in New York zu Grabe getragen wurde, blieben alle jüdischen Geschäfte in der Stadt geschlossen, und hunderttausend Menschen begleiteten den Trauerzug. Denn Scholem Alejchem, der am 13. Mai 1916 starb, war der beliebteste jiddische Schriftsteller seiner Zeit – vielleicht der beliebteste jiddische Autor überhaupt – und ein Volksschriftsteller im wörtlichen Sinne. Er hatte das Schtetl, das osteuropäische jüdische Städtchen, zum literarischen Schauplatz und dessen Bewohner zu archetypischen Gestalten gemacht – und dabei die jüdische Folklore in jiddische Literatur verwandelt.

Hoffnungsfrohe Habenichtse

Als Scholem Jankew Rabinowitsch in Perejaslaw bei Kiew am 2. März 1859 geboren, wurde er gemäß der jüdischen Tradition erzogen. Er ging dann aufs russische Gymnasium und wurde Hauslehrer bei einer wohlhabenden jüdischen Familie, deren Tochter Olga er 1883 heiratete. Da hatte er sich schon mit Artikeln in hebräischsprachigen Tageszeitungen, die in Warschau und in Odessa erschienen, einen Namen gemacht und angefangen, Erzählungen zu schreiben.

Es war eine Liebesgeschichte, „Zwej schtejner“ („Zwei Steine“), die möglicherweise auf seine Liebschaft mit Olga zurückging, mit der er den Wechsel vom Hebräischen zum Jiddischen vollzog. Als jiddischer Schriftsteller nannte er sich fortan Scholem Alejchem, was so viel bedeutet wie „Friede sei mit euch“, und pflegte einen realistisch-humoristischen Stil, der sich aus der russischen wie aus der jüdischen Tradition nährte; er übersetzte auch Gorki und Tolstoi ins Jiddische.

Alejchems Romane, meist in Fortsetzungen in jiddischen Zeitschriften erschienen, hatten eine episodische, offene Form, die ständige Ergänzung erlaubte. „Menachem Mendel“ war als Briefroman konstruiert und wurde zwischen 1892 und 1913 immer wieder erweitert; „Tewje der milchiger“ („Tewje, der Milchmann“) war als Gespräch zwischen der Hauptfigur und dem Erzähler angelegt und wurde ab 1894 bis gegen 1916 fortgesetzt. Mendel, der glücklose Spekulant, der immer wieder einen Coup zu landen versucht, immer wieder scheitert und dennoch nie aufgibt, verkörpert das jüdische Hoffnungsprinzip, das Tewje, der arme Landarbeiter, so formuliert: „Je mehr Zores, desto mehr Gottvertrauen, je mehr Habenichts, desto mehr Hoffnung.“ Mendels unablässige Versuche, sein Schicksal zu wenden, scheinen Ausdruck derselben existenziellen Verzweiflung zu sein wie Tewjes an Hiob erinnernde Schicksalsergebenheit. Und die beiden, Mendel und Tewje, teilen die traurige Selbstironie, mit der sie allen Widrigkeiten des Lebens begegnen.

Der Tewje-Roman wurde Alejchems größter Erfolg. Denn in den Geschichten um Tewje und seine Töchter entwarf Alejchem ein tragikomisches Gesellschaftsbild des Schtetls und zeichnete zugleich eine im Verschwinden begriffene Welt (Mendel wandert nach Amerika aus, Tewje macht sich auf den Weg nach Palästina). Auch schuf er mit Tewje eine Figur, die dem jüdischen Publikum eine Identifikationsmöglichkeit bot und zugleich ihre jüdischen Verhaltens- und Denkmuster transzendierte. Aber es waren vor allem sein versöhnlicher Humor und seine alltagstaugliche Weisheit, die ihn zum populären Autor machten.

Rehabilitierung des Jiddischen

Von Anfang an wollte Alejchem Volksschriftsteller im herkömmlichen Sinn sein. Er beschrieb eine Welt, die seiner Leserschaft ebenso vertraut war wie ihm selbst; unterlegte den Geschichten eine Moral, die sich aus der jüdischen Tradition speiste; kombinierte magisch-realistische und sozialkritische Elemente und benutzte die Sprache des Volkes, das Jiddische. Denn er wollte dieser Sprache des osteuropäischen Judentums, die weder die liturgische Erhabenheit des Hebräischen noch die dominante Präsenz des Russischen hatte und die sogar herablassend als Jargon bezeichnet wurde, literarischen Glanz verleihen. Auch deshalb gründete er in Kiew eine Buchreihe mit dem programmatischen Titel „Di jidische folksbibliothek“, in der er in regelmäßigen Abständen Werke jiddischer Dichter veröffentlichte: die Romane von Mendele Moicher Sforim, Jitzchak Lejb Perez, David Frischmann und auch seine eigenen ersten Romane, „Stempenju“ (1888) und „Jossele, die Nachtigall“ (1889), die somit ein breites (jüdisches) Publikum erreichten.

Angesichts der immer bedrohlicheren antisemitischen Ausschreitungen engagierte Alejchem sich auch in der zionistischen Bewegung. Er schrieb für die zionistische Wochenzeitung „Der Jid“ und arbeitete an Propagandabroschüren mit. Aber dann wanderte er nicht nach Palästina aus, sondern – nach einer langen Irrfahrt durch Europa – in die USA, wo er sich 1905 in New York niederließ.

Dort war die jiddische Kulturszene sehr lebendig, und Alejchems Geschichten über das harte Leben und das Überleben im Schtetl waren für die emigrierten osteuropäischen Juden eine fiktionalisierte Beschreibung ihrer eigenen Erfahrung: Alejchem wurde zum Chronisten der Vergangenheit, der sie entflohen waren. Sein Renommee unter den emigrierten Juden strahlte aus der Neuen in die Alte Welt zurück, so dass er 1911 und 1914 auf ausgedehnte Lesereisen durch Europa ging. Als er bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs endgültig nach New York zurückkehrte, war er schon von Krankheit gezeichnet – 1908 war Tuberkulose diagnostiziert worden.

Sein letzter Roman, „Motl Pejsse dem chassan“ („Der Sohn des Kantors“), blieb Fragment. Wie Mendel und Tewje ist auch Motl ein Schelm und ein Schlemihl zugleich, ein Witzbold, der das Unmögliche versucht, und ein Pechvogel, dem nichts gelingt. Wie schon Mendel vor ihm wandert auch Motl nach Amerika aus. Die jugendliche Sorglosigkeit, mit der er seine Abenteuer im neuen Land erlebt, und seine naive Eigenständigkeit machen ihn zu einem jüdischen Huck Finn. Tatsächlich wird Scholem Alejchem als jüdischer Mark Twain bezeichnet – und ein bisschen sieht er auf den erhaltenen Fotos dem amerikanischen Meistererzähler sogar ähnlich: leicht welliges Haar mit Seitenscheitel, runde Nickelbrille, Schnurrbart, verschmitztes Lächeln.

Festgenagelt auf einem Werk

Wie Mark Twains Geschichten aus dem amerikanischen Süden ging auch Alejchems Darstellung des osteuropäischen Schtetls ins kollektive kulturelle Gedächtnis ein – unterstützt durch die Musical-Fassung des Tewje-Romans, die unter dem Titel „Fiddler on the Roof“ 1964 zum Welterfolg wurde. Dieser Triumph führte aber auch dazu, dass Alejchem, dessen Werkausgabe 28 Bände umfasst, als Autor eines einzigen Romans bekannt ist. Dieser Roman, „Tewje, der Milchmann“, ist gerade in der einfühlsamen Übersetzung des österreichischen Jiddisten Armin Eidherr wiederaufgelegt worden und bietet eine Gelegenheit, einen jiddischen Volksschriftsteller, der zugleich ein großer Erzähler ist, kennenzulernen.

Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann. Aus dem Jiddischen von Armin Eidherr. Manesse-Verlag, München 2016. 288 S., 25,70 €