Morgengrauen

Schlaf in guter Ruh!

von Peter Strasser / 21.05.2016

20.000 sollen es schon wieder gewesen sein, die an unsere Grenze heranfluteten, aus aller Herren Länder, in denen der Teufel umgeht, der Hunger die Gedärme auffrisst, die Ruinen noch einmal zu Ruinen zerschossen werden. Das waren meine nächtlichen Traumbilder, die keine Bilder waren, sondern ein sich ewig wiederholender Schriftzug an einer nie enden wollenden Mauer: Mene mene tekel …

Heute, als ich in den Regen hinein aufwachte, geborgen unter meiner Bettdecke – „Höre wie der Regen fällt, hör, wie Nachbars Hündchen bellt“, mit diesen Zeilen im Ohr schlief ich einst als Kind traumselig ein –: Heute also, unter der Bettdecke, weiß ich plötzlich wieder, wie das Wiegenlied weiterging: „Hündchen hat den Mann gebissen, hat des Bettlers Kleid zerrissen, Bettler läuft der Pforte zu, schlaf in guter Ruh!“ So habe ich in guter Ruh geschlafen, und so, scheint mir nun, war alles nur der Traum von der guten Ruh inmitten der ewigen Welthölle. Wir errichten die nie enden wollende Mauer ohne Pforte, da bleiben die 20.000 für immer ausgesperrt, sodass wir sie nicht beißen lassen müssen, nicht wahr? Wir sind human geworden.

Und nun, während ich aus dem Bett krabble, kommt mir vor, unsere Humanität sei das Schlimmste, die letzte Maske des Teufels. Ich drehe das Radio nicht auf, ich schalte den Fernseher nicht ein, ich finde Trost einzig in meinem goldbraun aufgebackenen Frühstücksbrötchen. Aber der Trost ist schal, denn ich weiß nicht, wem ich dafür danken sollte. Heute weiß ich es nicht, und es gibt keinen Trost ohne Dank.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).