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Leistungsgesellschaft und Schlaf

„Schlafen ist uns peinlich“

von Regula Freuler / 10.04.2016

Die Autorin Stephanie GrimmDie Kulturwissenschafterin (*1970) lebt als freie Autorin in Berlin. Im Buch „Schlaft doch, wie ihr wollt“ verknüpft sie eine kurze Geschichte der Schlafforschung mit kulturellen, sozialpolitischen und ethischen Fragen. hat untersucht, warum wir Schlaf für ein lästiges Übel halten. Und sie warnt vor den Kosten des chronischen Schlafmangels. Regula Freuler hat sie für die NZZ am Sonntag interviewt.

NZZ am Sonntag: Frau Grimm, Ihr Buch trägt den Titel „Schlaft doch, wie ihr wollt!“. Wie würden wir schlafen, wenn man uns ließe?

Stephanie Grimm: Viel individueller, als es heute der Fall ist. Nicht nur, was die Schlafdauer angeht, sondern auch den Zeitpunkt, wann oder wie oft wir uns hinlegen. Doch viele Menschen haben keine gleitenden Arbeitszeiten, und die meisten Schulen verteidigen einen drakonisch frühen Unterrichtsbeginn – obwohl Studien zeigen, dass es lerntechnisch unsinnig ist.

Ebenso weiß man heute, dass genügend Schlaf für die Gesundheit essenziell ist. Warum gilt er trotzdem als lästiger Zeitfresser?

„Sleep is for wimps“, fand Margaret Thatcher: Schlaf ist für Weichlinge. So explizit sagen es zwar die wenigsten, trotzdem ist Schlaffeindlichkeit verbreitet. Vor allem erfolgreiche Menschen brüsten sich damit, wenig Ruhe zu brauchen. Jedoch kommt fast niemand gut mit weniger als sechs Stunden zurecht. An die kognitiven Einschränkungen, die mit chronischem Schlafmangel einhergehen, gewöhnt man sich zwar erschütternd schnell. Sie bleiben jedoch auch bestehen, wenn man sie nicht mehr aktiv wahrnimmt.

Ist der Schlaf ein Opfer, das man in einer Leistungsgesellschaft halt bringen muss?

Nicht überall auf der Welt. Wir kennen die Bilder schlafender Asiaten, die offenbar immer und überall schlafen können. Dabei gibt es auch in Asien Leistungsgesellschaften, in Japan oder Hongkong. Man darf nicht unterschätzen, wie überarbeitet viele Japaner sind und wie wenig sie schlafen. Uns ist schlafen peinlich, etwa wenn wir im Zug mal wegdämmern. In Japan hingegen hält man im öffentlichen Raum relativ schamfrei sein Nickerchen. Wie die Japanologin Brigitte Steger zeigte, wird ein Wegnicken im Büro sogar als Folge besonders harten Schaffens interpretiert. Je höher der soziale Status des Schläfers, umso weniger peinlich.

Welche Einstellung steht bei uns im Westen hinter dem schlechten Ruf des Schlafes?

Ein Punkt ist, wie eine Gesellschaft mit Bewusstseinsverlust umgeht. Über Jahrhunderte hinweg war der Schlaf bei uns darum mehrheitlich angstbesetzt. In der griechischen Mythologie ist Hypnos, der Gott des Schlafes, der Bruder von Thanatos, dem Totengott. Während des Schlafens erleben wir zudem Albträume. Noch zentraler für den schlechten Ruf des Schlafs ist wohl aber, dass er stark mit Faulheit assoziiert wird.

Wird sich dank der Neurowissenschaften, die eine Vermessung des Schlafes ermöglichen, sein Ruf verbessern?

Das wird wohl noch eine Weile dauern. Die Schlafforschung ist relativ jung. Die REM-Phase wurde erst in den 1950er Jahren entdeckt. Die meisten Erkenntnisse sind noch viel jünger, etwa der Einfluss von Tageslicht auf unsere innere Uhr. Die dafür verantwortlichen photosensitiven Ganglienzellen im Auge wurden erst im Jahr 2002 entdeckt. Dazu kommt, dass es vom Wissen zum Umdenken immer lange dauert. Wenn man die Analogie zum Rauchen macht: Man wusste schon in den 1960er Jahren, dass es ungesund ist. Gesundheitspolitisch wirksam wurde dies erst in den letzten paar Jahren mit dem Rauchverbot in öffentlichen Räumen oder Warnungen auf Zigarettenpackungen.

Trotzdem wird weitergeforscht, wie man den menschlichen Schlafbedarf reduzieren kann.

Ja, weil kurzer Schlaf Vorteile schafft. Das sieht man beispielsweise an der Geschichte des Einsatzes von Wachmachern wie Pervitin im Militär. Zurzeit wird Modafinil als nebenwirkungsfreies Wachmittel gepriesen. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wem dient die Optimierung des Schlafes? Dem Individuum oder aber dem Arbeitgeber, dem Staat? 2009 wurde mit DEC2 das erste Gen entdeckt, das direkt mit unserem Schlafverhalten in Verbindung gebracht wurde. Menschen, bei denen dieses Gen mutiert ist, haben ein unterdurchschnittliches Ruhebedürfnis. Falls man dieses Wissen für Genmanipulationen nutzen würde, ginge es nicht mehr nur um unseren Lebensstil, sondern um Ethik.

Gemäß allen Erhebungen schlafen die Japaner am wenigsten, doch bei den übrigen Nationen variieren die Ranglisten. Warum?

Weil die Daten auf Selbstauskunft beruhen. Da spielt soziale Erwartbarkeit eine große Rolle. Außerdem glauben viele fälschlicherweise, wenn sie sich um Mitternacht hinlegen und den Wecker auf acht stellen, würden sie acht Stunden schlafen. Der Chronobiologe Till Roenneberg plant nun ein „Human Sleep“-Projekt, bei dem mit Schlaf-Trackern genauere Daten gesammelt werden sollen.

Das dürfte dem Schlaf zu einer Aufwertung verhelfen: Ist er messbar, wird er zum ökonomischen Faktor, etwa für Versicherungen.

Ja, aber von einer präzisen Vermessung sind wir weit entfernt – sogar in einem Schlaflabor, sagen die Forscher selbst. Ein Umdenken wird erst stattfinden, wenn die Kosten als harte Fakten vorliegen. Schlafmangel bringt man schon jetzt mit Erkrankungen des Stoffwechsels, Herzproblemen bis zu Demenz in Verbindung. Sobald der Zusammenhang bewiesen ist und die Zahl der Patienten ansteigt, dürfte gesundheitspolitisch Druck entstehen. Das kann aber noch Jahrzehnte dauern.