Schlafen statt leiden

von Nikos Tzermias / 22.03.2015

In Frankreich ist nun neben der passivenIn Österreich werden diese Begrifflichkeiten vermieden. Passive Sterbehilfe bedeutet, bestimmte Maßnahmen zu unterlassen. Die Ethikkommission spricht sich für die Terminologie „Sterben Zulassen“ aus.auch die indirekteDies bedeutet, durch die Gabe von starken Medikamenten die Verkürzung der Lebensdauer in Kauf zu nehmen. Sterbehilfe durch sedierende Medikamente zulässig. Gegen aktive Sterbehilfe wehrten sich vor allem Kirchenkreise. NZZ-Redakteur Nikos Tzermias berichtet aus Paris. (yw)

Die in gesellschaftspolitischen und ethischen Fragen gewöhnlich arg zerstrittenen französischen Parteien haben sich in der Nationalversammlung zur Verabschiedung eines neuen Gesetzes durchringen können, das die sogenannte indirekte Sterbehilfe durch „tiefe und kontinuierliche Sedierung“ unheilbar Kranker bis zum Tod erlaubt.

Die Vorlage, ausgearbeitet von zwei Abgeordneten der Parti socialiste und der bürgerlichen Union pour un mouvement populaire (UMP), wurde in der ersten Lesung mit 436 gegen 34 Stimmen und bei 83 Enthaltungen gutgeheißen. Das Gesetz kommt noch vor den Senat und soll anschließend in der Nationalversammlung endgültig verabschiedet werden – was allerdings problemlos ablaufen dürfte.

Schon seit 2005 ist die passive Sterbehilfe legalisiert, bei der eventuell lebensverlängernde Behandlungen unterlassen oder reduziert werden. Die indirekte Sterbehilfe sieht dagegen vor, dass todkranken Patienten Medikamente zur Schmerzbekämpfung abgegeben werden, die zur Beschleunigung des Todeseintritts beitragen können. Das neue Gesetz wurde mit dem Recht Todkranker gerechtfertigt, vor dem Sterben schlafen zu können, um nicht mehr leiden zu müssen.

Eine Sedierung kann vom Ärzteteam beschlossen werden, falls sich das Leiden eines Todkranken nicht durch andere schmerzstillende Behandlungen lindern lässt. Die Sedierung ist auch zulässig, falls sich der Patient, wozu er schon jetzt das Recht hat, für passive Sterbehilfe entschieden hat. Möglich ist sie auch, wenn der Patient nicht mehr seinen Willen bekunden kann und der Arzt, was bereits zulässig ist, die Behandlung einstellt, weil diese völlig sinnlos ist.

Mehrheit ist für Sterbehilfe

Die aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung bleiben indes in Frankreich verboten. Vorstöße sozialistischer und grüner Abgeordneter in diese Richtung waren bereits vergangene Woche in der Nationalversammlung zurückgewiesen und auch von der Gesundheitsministerin Marisol Touraine abgelehnt worden. Sie machte geltend, dass die französische Gesellschaft nicht brüskiert werden dürfe.

Dabei haben Demoskopen in den vergangenen Jahren immer wieder festgestellt, dass eine überwältigende Mehrheit der Franzosen sowohl die aktive Sterbehilfe wie auch den assistierten Suizid unterstützen. In der Politik sind jedoch oft nicht Meinungsumfragen, sondern der Einfluss geballter Interessengruppen ausschlaggebend. Die jetzt verabschiedete Kompromissvorlage wurde von Vertretern nicht nur der katholischen Kirche, sondern auch der Protestanten, Orthodoxen, Juden und Muslime in Frankreich als gefährlich verdammt, da sie die Grenzen zur aktiven Sterbehilfe weiter verwische.

Suizid-Tourismus

Präsident François Hollande hatte während des Wahlkampfs von 2012 noch versprochen, dass er sich für ein Gesetz einsetzen werde, das es Todkranken erlaube, „medizinische Hilfe zur Beendigung des Lebens in Würde zu erhalten“. Jetzt wird vorausgesagt, dass etliche todkranke Franzosen nach wie vor in der Schweiz und in Belgien Hilfe suchen werden. Dort sind entweder der assistierte Suizid oder die aktive Sterbehilfe erlaubt.