Peter Gut

Schlechte Laune statt Mut: Das Zeitalter des Ressentiments

Gastkommentar / von Manfred Schneider / 15.08.2016

Immer weniger nutzt das Bürgertum die Freiheit politischer Gestaltung. Lieber übt es sich in Verweigerung. Man mag dies angesichts der Komplexität der Lage begreifen – nur: Gewonnen ist damit nichts.

Das Revolutionsjahr 1789 wurde durch eine Broschüre eingeleitet, die der Abbé Sieyès unter der Titelfrage „Qu’est-ce que le Tiers-État?“ herausbrachte und die er auch gleich mit der Antwort versah: „Tout.“ Der dritte Stand ist alles. Das war die Parole des 14. Juli, so trat die Demokratie in die Welt: „Wir Bürger sind alles!“ Heute müssen wir den Satz europäisieren, ja womöglich amerikanisieren und für die Gegenwart feststellen: Der dritte Stand ist alles – andere als bei Verstand. Das einst mühsam errungene Wahlrecht aller Bürger wird allenthalben zur Expression politischen Unbehagens missbraucht.

Längst ist bekannt, dass bei Wahlen in neuerer Zeit häufig nicht mehr der Wille des Volkes, sondern dessen üble Laune zum Ausdruck kommt. Erschreckt mussten viele Engländer nach dem 23. Juni erkennen, dass sie mit dem Ankreuzen ihres Misere-Gefühls zugleich eine politische Entscheidung getroffen hatten. Man kann nicht mehr sagen, dass eine „Mehrheit“ entscheidet, von der man einmal annahm, dass sich in ihr der vernünftige Wille des dritten Standes artikuliert; vielmehr ist die „Mehrheit“ der am stärksten verbreitete Unwille einer Menge. Eine grosse Zahl von Wählern in den USA spitzt gegenwärtig ihr Schreibgerät, um im November den Namen anzukreuzen, der den stärksten Unwillen mobilisiert. Der Gang der Politik entscheidet sich zurzeit am Unterschied zwischen Willen und Unwillen.

Destruktive Energien

Das 18. Jahrhundert, das die Geschichte aus dem Schlaf weckte und der Moderne mit ihren technischen, politischen und sozialen Errungenschaften den Weg ebnete, war das Zeitalter der grossen Aufklärungsideen, des Willens zu Freiheit und Gleichheit, zu Gerechtigkeit und Mündigkeit. Das 19. Jahrhundert eröffnete die Epoche der Nationen und des Nationalismus, die noch einmal ganz neue politische Kräfte in Bewegung setzte. Das 20. Jahrhundert wurde zum Jahrhundert der Wissenschaft, denn man vergesse nicht: Sowohl der Marxismus, der Europa und Asien umpflügte, als auch der Faschismus mit seinen Doktrinen der Rassen und der Kriege um Lebensräume beriefen sich auf wissenschaftliche Theorien und einen Willen, die Geschichte auf die Grundlage von Wissen und Erkenntnis zu stellen.

Unser 21. Jahrhundert nun präsentiert sich bis jetzt als Epoche des Unwillens und des Ressentiments. Auch das Ressentiment, so lehrt die politische Szenerie in vielen Ländern, nicht nur in Europa und den USA, bringt wirksame, nämlich lähmende Kräfte hervor. Es sind rein destruktive Energien, Verweigerung, Aufstand gegen Veränderung und kulturellen Wandel, und man benötigt kein Diplom als Prophet, um vorherzusagen, dass diese Energien binnen kurzem wieder verfliegen werden.

Das Politische als bewegende Kraft und Wille lebt auf Dauer nur von Ideen. Um diese Lektion zu lernen, sollten wir noch einmal unsere Geschichtsbücher aufschlagen. Ideen sind langlebig und unterliegen nicht der Mode wie kurze oder lange Röcke. Nur historische Ahnungslosigkeit stellt Fragen wie: Ist der Liberalismus tot? Ist der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit obsolet? Ist die Idee Europas am Ende? Brauchen wir überhaupt noch die Uno? Ideen und Werte lassen sich nicht wie Börsentitel handeln. Leider bilden die Ideen, die zu Grundwerten, Wohlstand und politischen Institutionen geworden sind, heute eine Art Komfortzone. Auf diesen Polstern vergessen wir die ungeheuren Kämpfe und das masslose Blutvergiessen, die dieses politische Wohlbefinden einmal den Beharrungskräften abgerungen haben.

Fliegen in der Komfortzone

Das Ressentiment, das gegenwärtig weltweit die Macht ergreift, ist ein Fliegenärger: Hier stören mich Abgaben und korrupte Abgeordnete, dort vielleicht unangenehme Einwanderer und kriminelle Ausländer; hier setzt sich ein Bauspekulant durch, dort sahnt ein Manager ab; hier erlassen Bürokraten sinnlose Bestimmungen, dort muss ich mit meinen Steuern bankrotte Staaten sanieren; hier schinde ich mich, dort mästet der Staat die anderen. Der Unwille kommt in Europa wie in den USA aus der Komfortzone des dritten Standes. Ihm geht es gut, er leidet keine Not, er ist nicht bedroht, es ist der empörte Bürger, der Ungemütlichkeit in seiner Komfortzone fürchtet. Dagegen werden die unteren Klassen, die Unterdrückten, Bedrängten, Vertriebenen, von positiven Kräften bewegt; von der Hoffnung, vom Willen zu überleben, vom Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit.

Friedrich Nietzsche hat das Ressentiment scharfsinnig als „Vergiftung der Seele“ beschrieben. Dem Menschen des Ressentiments ist die Tat versagt, er kann sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Alles, was ihm zu Gebote steht, ist sein giftiges „Nein“. Der Mensch des Ressentiments erwacht überhaupt erst zur politischen Tat, weil er auf ein Unbehagen reagiert. Er ist nicht vom Willen getragen, etwas Positives zu bewirken. Er lebt positiv nur in dem Grundgefühl, anständig und rechtschaffen zu sein. Ihm genügt daher, wie Nietzsche in seiner „Genealogie der Moral“ schreibt, „eine kleine Dosis von Angriff, Bosheit, Insinuation, um ihm das Blut in die Augen zu treiben“.

Das Ressentiment ist aufgewühlt, aber unpolitisch. Es verachtet und geht allenfalls zur Urne, wenn es „Nein!“ rufen darf.

Das Nein der Engländer am 23. Juni oder zuvor das Nein der Niederländer am 6. April, das Dauer-Nein der sogenannten Populisten ist keine Entscheidung, sondern reaktiver Expressionismus. Eigentlich ist es eine deutsche Spezialität. Man lese nur Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von 1919, ein widerwärtiges Manifest, übergeschwätzig und eitel, worin der Schriftsteller behauptet, dass „Demokratie, dass Politik selbst dem deutschen Wesen fremd und giftig“ sei. Die Deutschen seien das „protestierende Volk“, seit die Römer die Germanen zu zivilisieren versucht hätten. Er hätte auch schreiben können, die Deutschen seien das Volk des Ressentiments. Im Vorwort des Buches verdünnt Thomas Mann dann das intellektuelle Gift, das er auf vielen Seiten ausgebreitet hat, indem er es zu einer „Dichtung“ verklärt. Das ist reaktiver, politischer Expressionismus aus frischer Dichterfeder. Über die politische Haltung Martin Heideggers nach dem Ersten Weltkrieg spottete der Philosoph Karl Löwith, Heidegger sei entschlossen, wisse aber nicht, wozu. Der Unwille wusste nicht, was er wollte. Das sagten dem Denker des Seienden dann die Nazis.

So agiert das Ressentiment als Expression von Unwillen. Das Ressentiment ist aufgewühlt, aber unpolitisch. Es verachtet und geht allenfalls zur Urne, wenn es „Nein!“ rufen darf. Heute kündigt das Ressentiment an, den gordischen Knoten der modernen komplexen Welt mit einem Fliegenwedel zu durchtrennen. Nie zuvor wurde die Weltgeschichte in diesem Mass durch politischen Expressionismus bestimmt.

Stimmen der Verführung

Das Ressentiment, das müssen wir im Rückblick auf die Schrecken der jüngsten Zeit sagen, ist die unblutige Version des Terrorismus, denn auch die Männer mit den Beilen, den Kalaschnikows und den Sprengstoffgürteln betreiben den mörderischen politischen Expressionismus des „Nein“.

Diese Erfahrung, dass die blutigen Taten der vergangenen Monate ohne Manifeste, ohne wenn auch noch so unrealistische Forderungen auftreten, bleibt für viele Zeitgenossen unverständlich. Die Anarchisten des 19. Jahrhunderts, die RAF, die PLO oder auch andere terroristische Bewegungen traten noch mit Ideen und Forderungen auf. Und sie wollten die Verwirklichung ihrer Forderungen auch noch erleben. Das expressive „Nein“ des zeitgenössischen Terrorismus ist der Unwille als selbstmörderisches Ressentiment. Das „Nein“ will nichts, es will einzig seinen Unwillen durch Blut und Tod verstärken.

Der stärkste Feind des Ressentiments ist die Geduld. Die Ausdünstungen der „vergifteten Seelen“ gehen den Weg allen Rauches. Aber man muss sehen, dass das Ressentiment sich gerne maskiert und behauptet: Ich bin die Freiheit und erlöse euch von den Bürokraten! Ich bin die Souveränität und halte euch unerwünschte Zuwanderer vom Halse! Ich bin die Gerechtigkeit und strafe die Gesetzlosen! Ich bin die Wissenschaft, denn ich habe tausend akademische Orakel zur Hand! Ich bin die Stimme der Nation, denn ich raune aus eurer Seele.

Das Ressentiment ist zwar ein Dauergast auf der politischen Bühne und wechselt permanent seinen Namen. Aber es verschwindet auch unablässig. Das Ressentiment ist die Wiederkehr des ideenlosen Unbehagens in der modernen Welt.

Manfred Schneider ist Professor emeritus für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 2013 ist bei Matthes & Seitz sein Buch „Transparenztraum“ erschienen.