Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Schluck erst einmal runter!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 12.01.2016

Heute, nach einem herzhaften Biss in mein Frühstücksbrötchen, fiel mir ein, dass ich mir nachts vorgenommen hatte, eine Liste fürs neue Jahr anzufertigen: „Schamgefühle, für die ich mich schämen sollte“.

Ich habe solche Gefühle, leider. Ich sage also zu meiner Frau, dass ich beabsichtige, mir eine Liste der Schamgefühle, für die ich mich schämen sollte, anzufertigen. Denn heute Nacht, umringt von Augen, die mokiert waberten (zugegeben, ein kapriziöser Albtraum), schämte ich mich dafür, nicht glauben zu können, dass der Urknall Gott sei und alles Leben auf Erden das Produkt eines bedeutungslosen Zufalls. Eher noch glaube ich, dass Gott der Schöpfer des Urknalls und alles Leben auf Erden das Produkt göttlicher Vorsehung sei.

Ach, unter mokiert wabernden Augen dahintreibend, schämte ich mich dafür, nicht an den unüberbietbaren Flach- und Schwachsinn eines Weltbildes zu glauben, das mir von den wissenschaftlichen Autoritäten unserer Zeit als das einzig wahre Bild der Welt zur Glaubenspflicht gemacht wird – bei gleichzeitig verpflichtender Schmähung aller „Kuttenbrunzer“ (so wörtlich Sannyasin Peter Sloterdijk in Zeilen und Tage).

Nachdem ich, mit vollem Mund, meiner Frau von meinem Neujahreslistenvorsatz erzählt habe, sagt sie hinter ihrer Zeitung hervor: „Schluck erst einmal runter!“ Das klang irgendwie tiefsinnig, es war aber bloß gemeint, wie es gesagt wurde. Ich schlucke also erst einmal runter. Danach ist die Liste der Schamgefühle, für die ich mich schämen sollte, vom Tisch.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.