Peter Strasser

Morgengrauen

Schon wieder zu spät!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 05.02.2016

Irgendwann – man könnte sagen, es dauert schon mein ganzes Leben lang –, war ich zu spät dran. Es begann damit, dass ich zu spät auf die Welt kam, setzte sich in dem täglichen Drama des Zu-spät-Aufstehens und Zu-spät-Einschlafens fort und wurde durch den ständig wiederholten Satz meiner freundlich stirnrunzelnden Lehrer besiegelt: „Er ist eben ein Spätentwickler.“

Nachdem ich mich sogar als Spätentwickler nicht zeitgerecht entwickeln wollte, noch immer nicht richtig zu den anderen „aufgeschlossen“ hatte und meine Fähigkeiten, die man mir keineswegs absprechen wollte, „schleifen ließ“, pflegten die Gutmeinenden zu sagen, ich sei ein „Spätzünder“. Das hörte sich für mich irgendwie pyrotechnisch an: Ich ging einfach nicht „richtig los“, gloste bloß vor mich hin, als würde ich am Ende einer feuchten Zündschnur endlos darauf warten, endlich Funken zu fangen, loszuschießen und den anderen nachzusausen.

Dann, eines Morgens, als ich schon wieder zu spät dran und ohne Hoffnung war, akkurat an diesem Tag womöglich die ganze Welt einzuholen, ja, wenn möglich, zu überholen, hatte ich eine Eingebung, die ich, kaum war sie mir in ihrer vollen Tragweite bewusst geworden, als „existenzialradikal“ begrüßte: Zu spät zu sein – das eben war die Bestimmung meines Lebens, meine, um mit Aristoteles zu sprechen, Reifegestalt (entelecheia). Seither beginne ich jeden Tag mit der gutgelaunten Begrüßungsformel: „Da schau her, schon wieder zu spät!“ Was so viel bedeutet wie: Gut gemacht!

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.