Christian Beutler/Keystone

Gastkommentar

Schwangerschaftsabbruch: Zeit für Klartext

von Eva-Maria Bachinger / 03.11.2015

In Österreich gibt es einen Bereich im Gesundheitswesen, wo keine offiziellen Zahlen vorliegen, sondern „zuverlässige Schätzungen“, wie der Arzt Christian Fiala betont. Es gibt keine Statistik über Schwangerschaftsabbrüche im Rahmen der Fristenlösung und auch keine über Spätabbrüche, obwohl letztere eine Versicherungsleistung sind. Ein Gastkommentar von Buchautorin Eva-Maria Bachinger.

Wenn es keine konkreten Zahlen gibt, sagt der eine X, der andere Y, wie es gerade zur jeweiligen Weltanschauung passt. Die Einführung der Präimplantationsdiagnosik (PID) wurde auch damit begründet, dass dadurch Spätabbrüche zurückgehen würden. Doch wie soll man das belegen können ohne Zahlen? In Deutschland nehmen sie übrigens zu statt ab – trotz ausgefeilter pränataler Tests und der PID.

Die fehlenden Statistiken widersprechen den Vorgaben der WHO. Auch im heiß umstrittenen Bericht der Europaabgeordneten Edite Estrela werden Statistiken genauso eingefordert wie der flächendeckende Zugang zum Schwangerschaftsabbruch, was in Österreich auch nicht der Fall ist. Warum herrscht dieses Manko? Beim Thema Abbruch betritt man sofort ein Minenfeld. Wenn man sich zwischen die Linien begibt, duckt man sich am besten gleich wieder weg. Hier muss man klar auf einer Seite stehen oder man wird einfach einer Seite zugeordnet. Es herrscht Scheuklappendenken bei vielen Abtreibungsgegnern, die den Fötus frei schwebend im All der Gebärmutter sehen und nicht wahrhaben wollen, dass dieses menschliche Leben ohne Willen der Mutter nicht gedeihen kann. Es werden „Kinder“ von „Babymördern“ getötet, die Abtreibungen gleichen einem „Baby-Holocaust“. Vertreterinnen der Fraktion „Der Bauch gehört mir!“ blockieren jede Diskussion über fehlende Zahlen und jeglicher Einwand gegen die PID oder Spätabbruch wird ins Reich des Vatikans verschoben.

Grenzfall Spätabtreibung

Eva-Maria Bachinger
Credits: Georg Hochmuth

Der Gynäkologe Fiala wird in einem Artikel als eine Art Held der Frauen inszeniert. Er wolle nicht enden wie sein US-amerikanischer Kollege George Tiller, der mit einem gezielten Kopfschuss ermordet wurde. Fiala schaue den protestierenden „Lebensschützern“ vor seiner Klinik seit dem Mord an Tiller genau in die Augen, heißt es im Text. Bisher sind wir in Österreich nicht im Wilden Westen gelandet. Dass Abtreibungsgegner in den USA schneller zum Colt greifen, mag mehr mit dem lockeren Waffengebrauch zu tun haben als mit dem durchaus emotionalen Thema. So wie jedenfalls das Bild gezeichnet wird, hat man den Eindruck, nur „religiöse Fundamentalisten“ tun sich schwer mit Schwangerschaftsabbrüchen. Doch auch wenn man klar für den legalen Zugang ist, muss man sie nicht gut finden. Selbst die feministische Publizistin Naomi Wolf kritisiert die Verharmlosung der Abtreibung.

Tiller war spezialisiert auf Spätabtreibungen nach der 22. Woche. „Diese sind, in den USA wie in Österreich, gesetzlich erlaubt, wenn der Fötus schwere Missbildungen hat oder die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. Bloß finden sich, in den USA wie in Österreich, kaum Ärzte, die den Frauen in solchen Konfliktsituationen tatsächlich helfen“, heißt es im Zeitungsartikel weiter. Auch Fiala sagt immer wieder öffentlich, dass 100 bis 200 Frauen pro Jahr ins Ausland ausweichen müssten, weil ihnen hierzulande nicht beigestanden werde. Das trifft auf Schwangere nach der 22. Woche sicher nicht zu, betont der Pränataldiagnostiker Wolfgang Arzt, auch Peter Husslein weist das entschieden zurück. Denn bei schweren Missbildungen werde allen Frauen geholfen. Vorkommen kann aber, dass Frauen nach der 24. Woche ein Ungeborenes mit Trisomie 21 ablehnen. Die Spitäler verweigern in solchen Fällen meistens einen Fetozid, also einen gezielten Herzstich mit einer Kaliumchloridspritze. Oder Frauen wollen nach der 16. Woche ihr gesundes Ungeborenes nicht. Es aber nach Ablauf der Fristenlösung abtreiben zu lassen, ist in Österreich rechtlich nicht möglich.

Gesetzlich ist ein Abbruch eines behinderten Kindes bis zur Geburt möglich, doch in der Praxis wird das nicht so gehandhabt. Der Arzt hat eine Fürsorgepflicht für den Fetus, die aufgehoben wird, wenn keine Aussicht auf ein Überleben oder eine sehr schwere Schädigung besteht. Die Mediziner führen eine „Selbstbeschränkung“ durch und entscheiden über jeden Einzelfall im Team. Die UNO hat Österreich aufgefordert, die Ungleichbehandlung von behinderten und nichtbehinderten Ungeborenen zu überdenken. Deutschland hat die embryopathische Indikation abgeschafft, allerdings ist es Etikettenschwindel, nun jede Entscheidung mit der psychischen und physischen Gesundheit der Mutter zu begründen. Zielführender wäre es, das Gesetz der gängigen Praxis anzupassen: Spätabbruch bis zur 24. Woche, danach nur in Einzelfällen, über die das Expertenteam mit den Eltern entscheidet. Das ist keine Bevormundung, sondern Betroffene berichten, dass es für sie eine Erleichterung ist, wenn das Spital hinter ihrer Entscheidung steht, ihr Ungeborenes aus guten Gründen töten zu lassen.

Fristenlösung unantastbar

Bis dato wurde jede Debatte darüber sofort abgewürgt. Darüber sei „nicht zu diskutieren“, so Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser. Man kann hier anderer Meinung sein als die UNO, aber keine Diskussion zuzulassen, ist demokratiepolitisch befremdlich. Das hat aber Tradition: Die SPÖ-Frauen wehren beim Thema stets reflexartig ab und unterstellen jedem Kritiker, die Fristenlösung werde in Frage gestellt. Der Spätabbruch hat mit der Fristenlösung aber wenig zu tun, es geht hier um schwerwiegendere Eingriffe mit anderen Folgen als bei einem normalen Abbruch. Das Misstrauen ist verständlich angesichts der mühevollen Kämpfe um die Fristenlösung. Der Druck der katholischen Kirche war enorm, doch niemand, der bei Sinnen ist, will zurück zu Zeiten, wo abertausende Frauen an Abtreibungen gestorben sind, zurück zu berühmt-berüchtigten Engelmacherinnen mit Abtreibungsmitteln wie Chinin, Blei, Arsen und Phosphor, zu Kleiderbügeln und Stricknadeln. Die fundamentale Abwehr wirkt deshalb ebenso ideologisch motiviert. Die Politik geht vor radikalen Abtreibungsgegner in die Knie, wenn sie das Thema aus Angst verweigert.

Der Abbruch ist in Österreich grundsätzlich rechtswidrig, aber in den ersten drei Monaten straffrei. Den Widerspruch im Gesetz, das versucht, das prinzipielle Recht des Ungeborenen auf Schutz – das auch in der Präambel der Kinderrechtskonvention festgeschrieben ist – und das Selbstbestimmungsrecht der Frau abzuwägen, halten viele nicht aus. Für Juristen ist der Paragraf nichts Ungewöhnliches, denn solche Formulierungen kommen öfters im Recht vor, vor allem bei ethisch schwierigen Fragen. Es gibt auch nur wenige Menschenrechte, die absolut gelten, darunter fällt etwa das Folterverbot. Doch weder das Recht auf Meinungsfreiheit noch auf Familiengründung sind absolut zu setzen, sondern müssen gegen andere Rechte sorgsam und klug abgewogen werden. Anzuprangern, dass Gesetze auch widersprüchlich sind und dass dies unzumutbar sei, mag in vielen Fällen berechtigt sein, offenbart aber auch ein mangelndes Verständnis von Rechtsnormen. Eine Petition, initiiert von Christian Fiala und zahlreichen Unterstützerinnen, fordert die Streichung der entsprechenden Paragrafen aus dem Strafgesetz. Das Motto: „Helfen statt strafen.“ Es stellt sich sogleich die Frage, welche Frau denn gestraft wird, wenn sie einen Abbruch innerhalb der Fristen durchführen lässt? Natürlich keine einzige.

Konkrete Zahlen fehlen

Die Initiatoren berufen sich auf das Beispiel in Kanada, wo 1988 das Gesetz durch das Höchstgericht aufgehoben wurde. Es brauche keine Fristen, kein Gesetz, kein Verbot. Das führe nur zu unnötiger Kriminalisierung der Frauen. In Kanada herrsche seit 25 Jahren schöne „reproduktive Freiheit“. Wenn man sich beim medizinischen Personal des größten Krankenhauses in Toronto umhört, ist die Lage nicht nur rosig. Über Abtreibung werde kaum gesprochen, es sei tabuisiert. Das Personal ist häufig mit Frauen in der Notaufnahme konfrontiert, die bereits mehrere Abbrüche hinter sich und Komplikationen wie Blutungen und Narben an der Gebärmutter haben. Viele würden Abbrüche als ein Verhütungsmittel sehen. Die POWER-Studie, durchgeführt unter anderem von der Universität Toronto sowie dem St. Michaels Hospital, zeigt, dass im Bundesstaat Ontario jede fünfte Jugendliche zumindest eine Abtreibung hatte. In Kanada sei die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche seit der Streichung stetig gesunken und man habe eine niedrigere Rate als Österreich, wird hierzulande immer wieder behauptet. Abgesehen davon, dass man wegen der fehlenden Statistiken diese Aussage gar nicht treffen kann, hat Kanada keine so niedrige Rate wie zum Beispiel Deutschland (5,9). Die medizinische Universität von Ottawa berichtet, dass die Abtreibungsrate pro Jahr zwischen zwölf und 15 bei 1.000 Frauen liegt. Kanada hat zudem ein Statistikproblem, weil viele Kliniken seit der Streichung die Daten nicht mehr melden. Canada Statistics betont, dass Aussagen über Abbrüche in Kanada „unzuverlässig“ seien. Außerdem geht laut WHO die Abtreibungsrate weltweit zurück, vor allem in reicheren Ländern. Ein Rückgang hat also nichts mit einer Streichung des Gesetzes zu tun. Dieser Schritt hat aber zur Folge, dass das Ungeborene rechtlich nicht mehr geschützt ist. Wen das nur ein Schulterzucken kostet, sollte das auch ungeschminkt sagen.

Spätabbruch, Fetozid sowie Mehrlingsreduktion oft nach einer IVF werden tabuisiert. Alle verharren in Ahnungslosigkeit, sowohl Politiker als auch die betroffenen Paare. Besonders Hebammen kritisieren diesen Missstand, doch sie werden nicht gehört. Es ist verständlich, diese Themen samt konkreten Zahlen nicht in die Öffentlichkeit tragen zu wollen, um Frauen vor Dramatisierungen und Kampagnen zu schützen. Doch den Deckel so draufzuhalten und zu einem Tabu beizutragen, ist auch nicht sinnvoll. Denn es führt dazu, dass Eltern völlig ahnungslos in diese Situationen stolpern und die Trauer danach nicht offen gezeigt werden kann. Sie bleiben auf der Strecke. Deshalb brauchen wir Zahlen und eine offizielle Evaluierung der pränatalen Diagnosen. Wir brauchen einen Diskurs darüber, nach welchen Normen bei einem Befund durch PID und PND entschieden wird. Nicht um die Betroffenen und Ärzte an den Pranger zu stellen, sondern um Bewusstsein zu schaffen, was wir hier eigentlich tun. Welcher Embryo ist „der falsche“, welcher der „beste“?

Schritte in Richtung „liberale Eugenik“?

Es wird viel Halbwahres verbreitet: Von der Gesundheitsministerin abwärts wurde versichert, dass die PID nur bei schweren Erbkrankheiten und bei nichtlebensfähigen Embryonen möglich sei. Doch das ist nicht korrekt: Auch ein Embryo mit einer Anlage für eine Erbkrankheit ist lebens- und entwicklungsfähig, sonst gebe es keine Menschen, die mit solchen Krankheiten leben. Da in Österreich eine PID auch nach drei Fehlgeburten erlaubt ist, könnte auch Trisomie 21 in eine verdeckte Indikationsliste aufgenommen werden, da sie der Grund für 60 Prozent der Spontanabgänge sein soll. Seit Jahren kommen diese Kinder bereits durch die PND kaum mehr zur Welt. Soll es sie gar nicht mehr geben? Abgesehen davon werden entgegen öffentlichen Aussagen nicht alle Einzelfälle wie in Deutschland von einer Kommission geprüft, sondern es werden die Anträge der Kliniken auf eine Lizenz, eine PID durchführen zu dürfen, beurteilt. Wer kontrolliert, welche Embryonen ausgelesen werden oder nicht? Wer überprüft, ob ein Screening des Genoms, wodurch man alle Anlagen des Embryos erkennt, auch das Geschlecht, durchgeführt wird oder nicht? Es heißt, das Screening sei verboten, doch ist dieses Verbot nur in den Erläuterungen zum Gesetz festgeschrieben und nicht im Gesetz selbst. Dass in Deutschland Spätabbrüche trotz ausgefeilter pränataler Tests und PID zunehmen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Tests eben nicht immer das halten, was sie versprechen. Es kann zu Fehldiagnosen kommen. Die Befunde müssen durch weitere Tests abgesichert werden, auch weil ein Paar etwa eine schwere Erbkrankheit durch die PID ausgeschlossen hat, aber auch sicher sein will, dass das Ungeborene keine andere Fehlbildung hat. Die „Schwangerschaft auf Probe“ wird also nicht abgeschafft.

Erzürnt reagieren viele, wenn man im Kontext der PID von „Auslese“ und „lebensunwert“ sowie „Eugenik“ spricht. Es gehe doch nur um den „freien Willen der Eltern“. Natürlich muss das ihre Entscheidung sein. Ärzte und Eltern urteilen aber nicht in einem luftleeren Raum, sondern richten sich auch nach gesellschaftlichen Vorgaben. Ist bereits ein nichtbehindertes Kind Sand im großen Vereinbarkeitsgetriebe, ist es ein behindertes Kind erst recht, zumal es auch mehr Kosten für den Staat verursacht. Ein Kind mit Behinderung wird von vielen als Zumutung empfunden. Laut aussprechen tut das kaum jemand, in Wien höchstens in der Straßenbahn, wenn eine Mutter mit ihrem Kind wieder aussteigt: „Das ist doch heutzutage nicht mehr nötig“. Es ist aber zumutbar und es ist auch nötig. Denn eine Gesellschaft, die bestimmte Behinderungen nicht mehr akzeptiert, weil sie technisch verhindert werden können, ist eine armselige Gesellschaft. Es ist Realitätsverweigerung, nicht sehen zu wollen, dass es hier natürlich um eine Auslese des „besten Embryos“ aus mehreren Embryonen geht, dass es selbstverständlich um Bewertung von Leben geht, denn sonst könnte man ja nicht auslesen. Und sehr wohl bewegen wir uns hier in Richtung Eugenik. Der Philosoph Jürgen Habermas spricht von „liberaler Eugenik“: Nicht mehr der Staat gibt totalitär Eugenik vor, sondern sie wird individualisiert, auf Eltern und Ärzte übertragen. Wir müssen klar und scharf sagen, was Sache ist, und nicht beschönigen, sonst kann man diese Sache auch nicht seriös beurteilen.

Auf linker Seite wird aber alles unter der Selbstbestimmung der Frau subsumiert. Doch zu tun, was man soll, ist noch lange keine Selbstbestimmung, betont die Expertin Andrea Strachota. Die Schwangere ist immer auf die Aufklärung durch den Arzt angewiesen. Eine autonome Entscheidung kann man nur treffen, wenn man genügend Informationen hat. Autonomie bedeutet auch zu wissen, dass es Grenzen gibt. Denn auch ein Arzt kann nicht alles wissen, vieles bleibt ungewiss. Bekanntlich braucht ein Aufklärungsgespräch Zeit. Wo gibt es diese Ruhe und Zeit in einem Spital oder in Ordinationen? Es ist zudem nur ein Aspekt der Selbstbestimmung, dass eine Frau das Kind bekommt, das sie will und nur dann, wann es „passt“. Selbstbestimmung wäre auch, dass jede Frau frei sein sollte von der Pflicht, ein Kind nur in perfekte Verhältnisse gebären zu dürfen. Sie sollte frei sein von der Pflicht, überhaupt Kinder bekommen zu müssen und auch frei davon sein, nur optimale Kinder bekommen zu müssen.

Eva Maria Bachinger, geb. 1973, Studium der Sozialarbeit und Journalismus. Nach Aufenthalten in Israel und Italien arbeitet und lebt sie in Wien. Seit 2004 ist sie Journalistin und Autorin. Buchveröffentlichungen: „Die besten Bergsteigerinnen der Welt“, Milena 2010, „Die Integrationslüge“, Deuticke 2012, „Im Schatten der Ringstraße. Reiseführer durch die braune Topographie von Wien“, Czernin 2015. Kürzlich erschien im Deuticke-Verlag ihr neues Buch: „Kind auf Bestellung. Plädoyer für klare Grenzen“.