Marc Steinmetz / buchcover.com

20. Philosophicum Lech

Schwebende Dämonen und Engel der Rettung

von Andreas Koepp / 27.09.2016

Über „Gott und die Welt“ wurde am 20. Philosophicum Lech gesprochen. Die verschiedenen Vorträge nahmen sich insgesamt aus wie ein Kessel Buntes.

Ab dem 15. Jahrhundert erfreute sich die Erfindung von Bratenwendern in Europa grosser Beliebtheit. Oft waren es opulente Apparaturen, die mit viel Räderwerk oder gar der Kraft rauchgetriebener Propeller den einfachen Handgriff ersetzten, auch Leonardo da Vinci entwarf eine solche Maschine. Es sei nicht der Mangel, der Menschen zur Innovation antreibe, so zeigte Käte Meyer-Drawe anhand dieses Beispiels, sondern die pure Lust am Einfall, der Schöpferwille eines Wesens, das sich via Technik seiner Gottesebenbildlichkeit versichern wolle. Dass dabei, nüchtern betrachtet, oft nur ein Bratenwender herauskommt, sollte allerdings zu denken geben.

Pessimismus oder Optimismus

„Gott und die Welt“ lautete das Thema des zwanzigsten Philosophicum Lech, das vom Mittwoch bis Sonntag der vergangenen Woche in gebührender Jubiläumsstimmung über die Bühne ging. Vom Allerhöchsten war jedoch nicht übermässig viel zu hören, eher hielten sich die Vortragenden an die „Welt“ oder ans Motto des Untertitels, „Philosophieren in unruhiger Zeit“, und entwarfen mitunter düstere Zeitdiagnosen. Der Politologe Herfried Münkler sprach mit gewohnter Routine über die neuen Kriege und interpretierte Angela Merkels Flüchtlingspolitik nicht als humane Geste, sondern als geostrategisches Kalkül: Die deutsche Kanzlerin habe einem Wiederaufflammen der Balkankriege vorbeugen wollen.

Heinz Bude fragte in soziologischer Perspektive, warum in Deutschland trotz besten Wirtschaftsdaten eine so ängstlich-gereizte Stimmung herrsche, und erklärte dies mit der Ungleichzeitigkeit von „Wachstumsgeschwindigkeiten“. Während die Ungleichheit weltweit und im internationalen Vergleich zurückgehe, wachse sie in Deutschland, was Besorgnis auslöse und eine pessimistische Zukunftserwartung nähre. Wir könnten, so tröstete Bude, zumindest darauf hoffen, dass die wirtschaftlich aufholenden Staaten keine Rache an „uns“ nähmen.

Die Entscheidung zwischen Pessimismus oder Optimismus war das geheime Leitmotiv der fünf Tage. Nicht nur Dämonen, sondern auch Engel der Rettung schwebten durch den Raum.

Carlos Fraenkel, ein junger Professor an der McGill-Universität Montreal, stellte das Konzept einer philosophisch angeleiteten Streitkultur vor. Christoph Türcke, der in seinem Vortrag gründlich den Glauben an Geld aufs Korn genommen hatte, zog einen „Weltschuldenschnitt“ in Erwägung, der uns halbwegs vom Geld-Theismus befreien könne.

„Resonanzoase“

Definitiv zu den Optimisten zählte Hartmut Rosa, der für sein Buch „Resonanz“ den diesjährigen „Tractatus“-Essaypreis erhielt. Rosa plädiert in seinem Buch für eine Weltbeziehung, die nicht auf Kontrolle und Aneignung basiert, sondern auf „Anverwandlung“. Man müsse sich von der Welt berühren lassen. Dass dieses Konzept von manchen für naiv gehalten werde, habe er zur Kenntnis genommen, es sei ihm aber egal, sagte Rosa in seiner Dankesrede und bezeichnete das Philosophicum als eine „Resonanzoase“.

Was die Ernsthaftigkeit und das philosophische Niveau anging, war die Sektion mit Markus Gabriel und Holm Tetens der Höhepunkt der Veranstaltung. Tetens, als Verfechter klaren wissenschaftlichen Argumentierens bekannt, stellte sich gegen den atheistischen „common sense“ und leitete streng logisch ab, warum es sinnvoll sein könnte, die Existenz eines Gottes anzunehmen. Der gängige Einwand, wir folgten mit der Annahme Gottes nur einer wohlfeilen Wunschvorstellung, sei ein genetischer Fehlschluss, meinte Tetens. Ob ein Gedanke angenehm oder unangenehm sei, sage nichts darüber aus, ob er wahr ist oder falsch. Und warum nicht die optimistische Variante wählen? Gott lasse sich weder beweisen noch widerlegen, ethisch mache es aber einen Unterschied ums Ganze, ob man menschliches Leben als ein auf Transzendentes bezogenes Sinngeschehen denke oder nicht. Es war nicht nur ein logisches, sondern ein zutiefst existenzielles Anliegen, das Holm Tetens hier vorbrachte.

Markus Gabriel, Autor des Buches „Warum es die Welt nicht gibt“, wies hingegen in schwindelerregender Windeseile nach, dass Gott als Absolutes eine logische Unmöglichkeit sei. Auch wenn sie in dieser Frage uneins waren, stimmten Tetens und Gabriel nachdrücklich darin überein, dass „Naturalismus“, also ein Denken, das die Welt aufs empirisch Nachweisbare reduziert, unhaltbar sei. So kam das Thema „Gott“ dann doch zu seinem Recht, auch in dem Vortrag von Mouhanad Khorchide, der im Koran einen barmherzigen, dialogischen Gott vorfindet und auf die religiöse, aber vor allem politische Notwendigkeit verwies, dieses exegetische Gottesbild gegenüber dem eines strengen, autoritären Gottes zu stärken.

Tennis ohne Ball

Insgesamt liess das Philosophicum einen roten Faden vermissen. Der Spiritus Rector des Ganzen, Konrad Paul Liessmann, mochte noch so sehr betonen, dass sich hinter dem Titel „Gott und die Welt“ nicht nur Beliebiges, sondern das Wesentliche der Philosophie verberge, die versammelten Vorträge wirkten diesmal wie ein Kessel Buntes, eine Zusammenschau durchaus interessanter, aber auch bekannter Gegenwartspositionen fast ausnahmslos männlicher Autoren. Das mag man, weil es ein Jubiläum war, verzeihen. Aber Tennis ohne Ball zu spielen – um ein Bild aus Rüdiger Safranskis Vortrag zu bemühen –, wird auf Dauer dem Sinnbedürfnis nicht ganz genügen.