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Sexismus in den USA: Ist jetzt endlich Schluss?

von Andrea Köhler / 14.10.2016

Donald Trumps Hinterzimmer-Rhetorik ist genauso abgestanden wie die patriarchalische Ordnung, als deren letztes phallisches Aufbäumen er sich geriert.

Es fängt damit an, dass der nette Opa von nebenan beim „Hoppe-Reiter“-Spielen das Höschen der Kleinen von innen beäugt. Es geht damit weiter, dass der Nachbar der Elfjährigen in die knospenden Brustwarzen kneift. Kommt das Kind in die Pubertät, glaubt jeder Bauarbeiter am Strassenrand, den Mädchenkörper mit Pfiffen und Zoten benoten zu dürfen. In der Strassenbahn bekommt sie ein erigiertes Geschlecht in den Rücken gedrückt, im Bus werden Brust oder Hintern betatscht. In der Schule, im Studium, in der Arztpraxis oder im Job: Es gibt keine Frau, die von unerwünschten sexuellen Avancen verschont geblieben ist. Der Lehrer, der Chef, der Fremde – sexuelle Übergriffe, die auf nichts anderem gründen als dem uralten männlichen Privileg der Verfügungsgewalt, gehören zum weiblichen Lebenslauf wie die Jungfrauen zum islamistischen Attentat.

Wer an dieser Tatsache noch immer Zweifel hegt, kann sich aus gegebenem Anlass auf Twitter von der Ubiquität solcher Erlebnisse überzeugen. Die kanadische Schriftstellerin Kelly Oxford hat dort nach Donald Trumps jüngster Prahlerei mit sexuellen Übergriffen unter dem Hashtag #NotOkay ihre Geschlechtsgenossinnen aufgefordert, von den ersten einschlägigen Erfahrungen zu berichten. In Nullkommanichts erhielt Oxford mehr als 50 Einträge – und zwar pro Minute. Inzwischen sind es Millionen.

Der Anlass für dieses Brevier der sexuellen Nötigung im 140-Zeichen-Format – das Video, auf dem Donald Trump mit seiner notorischen Grapscherei angibt – hat im Trommelfeuer seiner frauenfeindlichen Invektiven eine offenbar nicht mehr akzeptable Amplitude erreicht. Nicht nur die meisten Frauen, auch viele Männer haben sich von dem mit „heissem“ Mikrofon aufgenommenen Tape angewidert gezeigt; selbst einer Reihe seiner seit Wochen um ihre Position bangenden Parteigenossen ging Trumps handgreifliche Misogynie diesmal zu weit.

Hinterzimmer-Rhetorik

Man kann sich freilich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass manch einer, der jetzt zu Trump auf Distanz zu gehen vorgibt, sich von der Veröffentlichung des Mitschnitts ertappt gefühlt hat. Ist diese schenkelklopfende Form der Frauenverachtung doch verbreitet genug, dass Trump sich mit dem Begriff „Umkleideraum-Geschwätz“ zureichend exkulpiert glaubt. So redet man nun einmal beim Männersport unter sich. Sind darum bei so vielen Vergewaltigungsfällen auf dem Campus Star-Athleten involviert?

Diese Hinterzimmer-Rhetorik ist freilich genauso abgestanden wie die patriarchalische Ordnung, als deren letztes phallisches Aufbäumen Trump im Wahlkampf antritt. Die dreckige Lache des TV-Moderators Billy Bush, der die Angeberei des megalomanen Reality-Stars mit Bravorufen anfeuert, die gemeinsame Taxierung der Schauspielerin, die draussen vor dem Bus parat steht, um die Soap-Gäste vor der Kamera zu empfangen, die Angeberei mit dem ruchlosen Griff nach den weiblichen Genitalien, die die übrigen Herren in Trumps Gefolge mit konspirativem Gelächter goutieren, all dieses „You can grab her by the pussy“-Getöse trifft bei vielen Frauen einen blanken Nerv. Dass solchen Worten im Falle Trumps auch Taten folgten, versteht sich von selbst. Bis jetzt haben sich erst wenige Frauen gemeldet, die davon Zeugnis ablegen. Doch es sieht so aus, als hätte dieser präpotente Locker-Room-Tratsch nun endlich das Ende der Akzeptanz erreicht.

Nicht nur in den Social Media sagen Frauen jetzt laut und deutlich: „It’s not okay.“ Es ist nicht okay, wenn Studentinnen auf dem Campus mit Date-Rape-Drogen bewusstlos gemacht und – ohne Konsequenz für die Täter – vergewaltigt werden. Es ist nicht okay, wenn ein Hollywood-Star wie der Vorzeige-Daddy Bill Cosby seinen Celebrity-Status dazu benutzt, eine stattliche Anzahl von Frauen, teilweise unter Verwendung von Betäubungsmitteln, zu missbrauchen. Es ist auch nicht okay, wenn Bill Clinton, dessen Sexskandale von seiner Frau stets gedeckt worden sind, mit einer anderen Elle gemessen wird. Und es ist alles andere als in Ordnung, wenn einer der mächtigsten Männer in Medien und Politik, der Fox-News-Magnat Roger Ailes, seine über Jahrzehnte unangefochtene Machtposition dazu benutzt, von Aspirantinnen, die es in dem Sender zu etwas bringen wollen, sexuelle Gegenleistungen zu erzwingen und die, die sich beschweren, zu feuern.

Scheinheilige Sorge

Im grellen Scheinwerferlicht des 24-Stunden-News-Cycle und im Rund-um-die-Uhr-Getwitter fällt solches Gebaren nämlich mittlerweile auch auf das Umfeld zurück, aus dem es hervorgeht. Wie Rupert Murdoch sich letztlich dem Druck der Öffentlichkeit beugen musste und Ailes den Laufpass gab (er ist jetzt Senior Advisor von Trumps Kampagne), rudern nun auch die Republikaner angesichts des Aufschreis über Trumps Video reihenweise zurück. „Als Ehemann und Vater von drei Töchtern“, erklärte u. a. Trumps Vize Mike Pence, könne er dessen Worte „nicht billigen und nicht verteidigen“. Muss man eine Tochter haben, um zuzugestehen, dass sexuelle Gewalt kein Kavaliersdelikt ist?

Die stereotype Formel vom „besorgten Vater“, die vom republikanischen Senator Mitch McConnell („the father of three daughters“) über John McCain bis zu Ted Cruz gebetsmühlenartig vorgebracht wurde – Jeb Bush holte gar, faute de mieux, seine Enkelinnen hervor –, unterstreicht nur, dass diese Herren sich um das Wohl von Frauen, die nicht zur Familie gehören, nicht scheren. Der republikanische Kongressabgeordnete Scott Garrett, der sich bei seiner Kritik an Trumps jüngstem Streich „als Ehemann und Vater zweier Töchter“ in Stellung brachte, sprach sich in seiner Funktion als Politiker jedenfalls gegen das Recht auf gleichen Lohn, die obligatorische Versicherungsleistung bei Mammografien und den rechtlich verankerten Schutz vor häuslicher Gewalt aus.

Auch Donald Trump ist der stolze Vater von Töchtern. Bei dem berüchtigten Klatsch-Radio-Moderator Howard Stern, dem vielleicht vulgärsten Vertreter der Branche, hat er 2005 sowohl die höchstpersönliche anatomische Inspektion seiner Beauty-Queens (in deren Umkleideräumen!) als auch die Brüste von Tochter Ivanka frank und frei diskutiert; Stern nannte sie – und zwar mit ausdrücklicher Einwilligung des Vaters – „a piece of ass“. Es gehört zur Logik dieser keine inzestuösen Tabus respektierenden Form der Objektivierung von Frauen, dass die Scham immer auf ihrer Seite ist. Kaum etwas hat das demütigende Echo der Video-Enthüllungen klarer zum Ausdruck gebracht als der Kameraschwenk auf die Tribüne der Wahlkampfarena in die steinernen Mienen der Tochter und der Ehefrau Trumps.

Trump mag ein haarsträubender Präsidentschaftskandidat sein - aber er beflügelt zumindest den satirischen Geist seiner Gegnerinnen und Gegner. (Bild: pd)

Im Alter von fünf bis fünfzig bekommen Mädchen und Frauen – bald subtiler, bald weniger – eingeprägt, dass es ihr eigener Fehler ist, wenn Männer sich ihnen gegenüber danebenbenehmen. Die aufdringlichen sexuellen Avancen hören irgendwann auf (oder sie werden als Kompliment aufgefasst, für das man gefälligst dankbar sein muss). Was dann beginnt, ist auch nicht besonders schön. Wenig zeigt deutlicher, dass das feminine Geschlecht noch immer in erster Linie über die Körperlichkeit evaluiert wird, als das komplette Desinteresse, das einer Frau ab einem bestimmten Alter männlicherseits entgegenschlägt.

Ist eine solche Frau aber in einer Machtposition, dann wird sie für ihre Hosenanzüge, ihre Frisur, die schrille Stimme, das grundsätzlich falsche Mienenspiel erbarmungslos kritisiert. Es ist für Hillary Clinton praktisch unmöglich, ein akzeptables Gesicht zu machen: Lächelt sie nicht, wird sie als unsympathisch diskreditiert, lächelt sie doch, ist es ein höhnisches Grinsen, das ihre Züge verzerrt. Dass solche Wahrnehmungen geschlechtsbedingt vorgespurt sind, hat die Wissenschaft längst verifiziert. Männer, die grimmig gucken, gelten als kompetent. Frauen, die ernste Mienen machen, werden als mürrisch oder böse empfunden – und zwar von Männern und Frauen gleichermassen.

#PussyGrabsBack

Doch vielleicht ist mit alldem ja bald einmal Schluss. Vielleicht hat nach dem 44. männlichen Präsidenten ja wirklich demnächst eine Frau die Chance, die Trümmer, die diese Wahlkampfschlacht hinterlassen hat, beiseitezuräumen. Ob man Hillary Clinton nun mag oder nicht: Dass die erste Anwärterin aufs Präsidentenamt in den USA gegen einen unverbesserlichen Sexisten und prototypischen Protagonisten der bröckelnden patriarchalischen Ordnung antritt, verleiht diesem Wahlkampf eine symbolische Qualität. Auf Twitter ist jedenfalls unter dem Hashtag #PussyGrabsBack ein bedrohliches Kätzchen zu füttern, mit dem Versprechen, dass die Frauen am 8. November zurückbeissen werden. Es könnte sein, dass Pussycat eine Vagina dentata mit Raubtier-Eckzähnen hat.