Deutschkurs und Mittagstisch für Asylsuchende im Kirchgemeindehaus Aussersihl in Zürich

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Sexualmoral für Asylsuchende

von Niels Anner / 05.11.2015

Norwegen will mit Kursen über westliche Sexualmoral verhindern, dass Flüchtlinge Vergewaltigungen begehen.

Es ist eine Art Aufklärungsunterricht. In Norwegen werden Flüchtlinge über Sexualmoral, Geschlechterrollen, häusliche Gewalt und die Gesetze im Land unterrichtet. „Wir vermitteln Prinzipien, die für andere Kulturkreise vielleicht ungewohnt sind“, sagt Linda Hagen, Bildungsverantwortliche bei der Firma Hero, die 34 Asylunterkünfte führt. Dazu gehöre die Einsicht, dass Frauen keine Einladung zu Sex aussprechen, wenn sie knapp bekleidet oder betrunken sind. Dass ein Kuss nicht zu Geschlechtsverkehr führen muss, ein Nein genau so gemeint ist – und Werbung nicht unbedingt ein realistisches Frauenbild zeichnet.

Männer absolvieren die Kurse getrennt von Frauen. Dies mache die Gespräche einfacher, sagt Hagen. Eingeführt wurde die Schulung 2011 in der Stadt Stavanger, als dort Asylbewerber für eine Welle von Vergewaltigungen verantwortlich gemacht wurden. Der Unterricht entstand in einem Projekt, das Polizei, Flüchtlingsorganisationen und Behörden unterstützten. Er wurde als Erfolg gewertet und erhielt einen Preis für Verbrechensverhütung. Jüngst hat auch die dänische Politik, von den Sozialdemokraten bis zu den Rechtspopulisten, solche Kurse gefordert. In beiden Ländern wird auf die überproportionale Beteiligung von Ausländern an Vergewaltigungen verwiesen. Über Asylsuchende machen die Statistiken allerdings keine Aussagen.

Norwegen hat die „Vergewaltigungsprävention“ mittlerweile auch in Integrationskurse für aufgenommene Flüchtlinge eingebaut und zeitweise auf alle Asylunterkünfte ausgeweitet. Die Themen werden breiter gefasst, es geht genereller um Gewaltprävention. Die Teilnehmer diskutieren etwa eine Gewaltsituation, nehmen die Sicht von Opfern ein oder schildern die Lage von Frauen in ihrer Heimat. Die Erfahrungen seien positiv, die Teilnehmer neugierig, sie beurteilten die Kurse als nützlich und interessant, sagt die Psychologin Jannicke Stav, die Projekte der von der Regierung beauftragten Stiftung „Alternative zu Gewalt“ leitet. Im Moment fehle jedoch Geld für flächendeckenden Unterricht.

Eine Schwierigkeit besteht laut den Organisatoren darin, dass sich Einwanderer als potenzielle Kriminelle geächtet fühlten. Entscheidend seien deshalb die Fähigkeiten der Kursleiter in interkultureller Kommunikation und Dialog, sagt Linda Hagen: „Zeigefinger-Mentalität nützt nichts. Die meisten Flüchtlinge möchten ihren Beitrag zu einer sicheren Gesellschaft leisten.“ Der Fokus liege auf gewaltfreiem Zusammenleben, „wir erklären, dass die Kurse ein Teil davon sind“, sagt Jannicke Stav. „Und dass es nicht nur um das Verhalten von Flüchtlingen geht. Gewalt ist auch unter Norwegern ein Problem.“