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Beihilfe zum Suizid

Sie kommt und sieht zu, wie sie sterben

von Yvonne Widler / 18.01.2016

Fran Schindler, eine Frau in ihren Siebzigern und im Ruhestand, sieht zu, wenn sich Menschen das Leben nehmen. Sie bringt zum „Death Event“ nichts mit und berührt auch nichts am Todesort. Das sind die obersten Regeln des „Final Exit Network“.

Der Mann geht in den Party Shop um die Ecke und kauft sich zwei Helium-Tanks. Die 30 Luftballons, die er gratis dazubekommen würde, lehnt er dankend ab. Mit den zwei knallbunten Kartons macht er sich wieder auf den Weg nach Hause. Auf dem Küchentisch liegt bereits ein durchsichtiger Plastiksack, an dessen Ende ein dehnbares weißes Frotteeband eingearbeitet ist –  und ein Plastikschlauch. In Fachkreisen nennt man das ganze „Exit Bag“ oder „Suicide Bag“.


Credits: Screenshot/Frontline/The Suicide Plan

Der gleiche Mann bekommt zwei Wochen später Besuch von Fran Schindler. Sie sieht aus wie die nette ältere Dame von nebenan. Sie erklärt ihm, wie er sich am besten hinlegt, den Helium-Tank einschaltet und sich den Plastiksack über den Kopf stülpt. Sie setzt sich neben ihn an sein Bett und stellt ihm zuvor noch folgende Frage: „Wenn Sie das jetzt tun, werden Sie spätestens in einer halben Stunde tot sein. Wollen Sie das?“ Der Mann nickt, zieht die Tüte über den Kopf bis zum Hals, legt sich das Frotteeband eng an seinen Kehlkopf und inhaliert das Helium. Als er nicht mehr atmet und sein Herz stehen geblieben ist, befreit Fran Schindler den Toten vom Plastiksack, packt die Helium-Tanks und alle anderen Hinweise auf ihren Besuch ein, richtet die Leiche in eine Schlafposition und verlässt das Haus. Es soll aussehen wie ein natürlicher Tod.

Mehr Leid, als sie ertragen können

Das Final Exit Network wurde im Jahr 2004 in den USA gegründet, um Menschen zu helfen, die sterben möchten. In Oregon, Washington, Montana, Vermont und – seit kurzem auch – in Kalifornien ist der ärztlich assistierte Suizid für Todkranke erlaubt. Im Rest des Landes will man nicht darauf warten, bis sich die Gesetze ändern. Das Final Exit Network arbeitet im Untergrund, im gesetzlichen Graubereich. Es unterscheidet sich in einem massiven Punkt von der Quellorganisation „Compassion and Choices“, aus der die Final-Exit-Gründer kommen. Final Exit hilft nämlich auch jenen beim Sterben, die nicht tödlich krank sind. Einmal im Jahr findet eine große Mitgliederversammlung statt, meist in einem riesigen Hotel irgendwo am Stadtrand. Die Mitglieder besprechen gemeinsam ihre Statuten, reflektieren ihre „Exits“ und halten Trainings für neue Mitglieder ab.

Beim Mitgliedertreffen wird die „Methode“ gezeigt.
Credits: Screenshot/Frontline/The Suicide Plan

Insgesamt umfasst das Netzwerk rund 3.000 Menschen, die andere dabei unterstützen, ihr Leben zu beenden. Eine von ihnen ist Fran Schindler, die nette ältere Dame von nebenan. Sie nennt sich „Exit Guide“ und ist wie fast alle anderen, die in dem überfüllten Hotel-Seminarraum sitzen, bereits im Ruhestand. Fran Schindler ist heute ein Exit Guide, weil sie früher als Krankenschwester so viel Leid mitansehen musste. Sie selbst hatte schon einen Gehirntumor und Brustkrebs. „Ich werde mein Leben beenden, wann ich das möchte. Auf meine Art. Ich sah meine Mutter, wie sie jahrelang gelitten hat, das werde ich mir und meinen Kindern nicht antun. Und ich will anderen Menschen, die das auch möchten, dabei zur Seite stehen“, so Fran Schindler in einem Radio-Interview.

Keiner soll alleine sterben

Es sind ehrenamtlich tätige Menschen, die alle schon einmal Erfahrung mit dem Tod hatten, dem Tod sehr nahe waren, die jetzt für das Final Exit Network arbeiten. Es sind ältere Menschen, die sich schon sehr viel mit dem Thema Sterben und Selbstbestimmtheit, mit dem Thema Leid und Bürde auseinandergesetzt haben. „Wir glauben aus tiefstem Herzen, dass kein Mensch alleine sterben soll“, sagt der ehemalige Obmann des Netzwerks, Ted Goodwin, in einem seiner seltenen Interviews. Das Final Exit Network will nicht nur Todkranken helfen, sondern auch jenen, die sehr viel Schmerz ertragen müssen, mehr als sie ertragen können. Die Menschen selbst sollten entscheiden können, ob und wie sie leben möchten. Und wie sie sterben möchten.

Wie stirbt man am schönsten?

„Unsere Methode ist die Helium-Inhalation. Sie ist schnell, sie ist schmerzfrei, und sie ist zu hundert Prozent effektiv“, so Goodwin. Sie sei die friedlichste Variante zu sterben. Der Körper erkenne den Unterschied zwischen Sauerstoff und Helium nicht. Einfach ein paar Mal tief einatmen und „dann gehen die Lichter aus“, wie es ein anderer Mitarbeiter beschreibt.

Auf den Mitgliedertreffen wird den Exit Guides gezeigt, wie man die Methode richtig anwendet und wie man auf der sicheren Seite des Gesetzes bleibt. Die obersten Regeln: Du bringst nie etwas mit und du greifst nie etwas an. Der Klient selbst könne alles sehr leicht besorgen, es liege komplett in seiner Hand. Im Internet kann man die „Exit Bags“ auch schon fertig bestellen.

Ein Name, den man immer wieder hört, wenn es um Freitod und Selbstbestimmung geht, ist Derek Humphry. Er ist Gründer der Right-to-Die-Organisation „Hemlock Society“ und Autor des 1991 erschienenen Buches „Final Exit: The Practicalities of Self-Deliverance and Assisted Suicide for the Dying“.


Credits: Delta

Das umstrittene Werk war damals 18 Wochen lang auf der US-Bestsellerliste. Das Buch gibt Anleitung zum Sterben. Humphry warnt, dass es natürlich zahlreiche Medikamente gibt, die ebenfalls zum Tod führen, aber keines davon sei so angenehm wie die Helium-Methode. Für den Durchschnittsbürger sei es zudem unmöglich, an die wirkungsvollen todbringenden Barbiturate zu gelangen, nur Ärzte hätten zu diesen Zugang. Also musste eine Alternative her, dachte sich Humphry und organisierte ein Treffen, zu dem er Mediziner aus der ganzen Welt eingeladen hatte, um die „schönste“ Art zu Sterben zu erarbeiten. Das Ergebnis: Die Inhalation von Helium. In seinem Buch „The Final Exit“ beschreibt er in Kapitel 22 „Self Deliverance. Using a Plastic Bag“ deren Vorteile gegenüber anderen Methoden. Das Final Exit Network hat sich nach Humphrys Buch benannt.

„I am considering MY PLAN“

Es ist der 20. Juni 2008. Sue Celmer findet ihren Ehemann tot im Bett. Er ist kalt und hart, wie sie es am Telefon dem Notruf beschreibt. Dem ersten Anschein nach war es ein natürlicher Tod, er hatte Krebs, erholte sich, aber die Behandlungen haben schlimme Spuren hinterlassen, vor allem chronische Schmerzen. Seine Frau spürte, dass etwas nicht stimmte und stöberte in seinen Sachen. Sie fand das Buch „Final Exit“, eine Rechnung von einem Party Shop über zwei Helium-Tanks sowie ein E-Mail, in dem unter anderem geschrieben stand: „I am considering MY PLAN“.

Der Fall wurde öffentlich und das Final Exit Network musste das Vorgehen offenlegen. Ihrem Mann sei nie gesagt worden, dass seine Krankheit ihn umbringen würde, sagte Sue Celmer damals der Polizei. Er hätte noch viele Lebensjahre vor sich gehabt, noch dazu hätte er nie etwas in diese Richtung erwähnt. Doch die Fakten sprechen dafür, dass John Celmer sein Leben beenden wollte. Dass er sich schon lange zuvor gründlich informiert hatte. Er nahm Kontakt zum Final Exit Network auf, und schließlich kam der 19. Juni 2008, das „Death Event“, wie man den Tag nennt. In den Unterlagen des Exit Guides wird nachher stehen: „Left him in sleeping position; eyes were already closed. Wife will discover next day.“

Was bedeutet „Beihilfe“?

Es war nicht der einzige Fall, durch den das Netzwerk in die Schlagzeilen kam. Das medizinische Beratungsteam des Final Exit Network, das die letztliche Freigabe zur Freitodbegleitung durch deren Mitarbeiter erlaubt, hat Jana Van Voorhis, einer geistig kranken Frau dabei zugesehen, wie sie sich den Plastikbeutel über den Kopf gestülpt und sich selbst getötet hat. Jeder „Bewerber“ muss in einem schriftlichem Brief vorab erklären, welches Leid ihn plagt und die Krankheitsgeschichte anführen. Dieser stammte von Jana Van Voorhis.


Credits: Screenshot/Frontline/The Suicide Plan

Später stellte sich aber heraus, dass keine dieser physiologischen Erkrankungen real war, sondern eine Einbildung der Frau, da sie psychisch krank war und schon seit ihrer Kindheit unter Schizophrenie litt.

Der Fall kam vor Gericht. In einer gut durchdachten Rede überzeugte der Anwalt des Final Exit Network den Richter, dass die Tatsache der psychischen Erkrankung irrelevant sei. Die Jury musste dies also unbeachtet lassen. Somit drehte sich die Debatte im Gerichtssaal sehr schnell darum, was „Beihilfe“ genau bedeutet. Die Jury fand keine Einigung. Die Strafen für den Mediziner, der den Freitod zugelassen hatte, und die zwei beteiligten Exit Guides fielen milde aus. Das Network besteht nach wie vor. In erster Linie stelle man ausschließlich Informationen bereit, und das sei nicht illegal.

Heinz Oberhummers Initiative

Es ist eine der polarisierendsten Debatten unserer Gesellschaft. Auch in Österreich. Hierzulande ist die Beihilfe zum Suizid ebenfalls verboten. Eine Organisation, die sich schon lange für die Selbstbestimmtheit beim Sterben und eine Liberalisierung der Gesetze starkmacht, ist der von dem kürzlich verstorbenen Heinz Oberhummer gegründete Verein „Religion ist Privatsache“ und die Initiative „Letzte Hilfe“. Auf deren Webseite gibt es die Möglichkeit, Informationsmaterial zum Thema Sterbehilfe anzufordern. Tut man das, so erhält man knapp eine Woche später ein dickes weißes A4-Kuvert. Darin enthalten sind Broschüren der „Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben“, von „Dignitas“ und „lifecircle“. Es wird also lediglich auf Organisationen in Deutschland und der Schweiz verwiesen. In einem Begleitschreiben wird noch einmal extra darauf hingewiesen, dass die entsprechende Kontaktaufnahme nur direkt erfolgen kann, ohne zutun des Vereins.

Ob es in Österreich möglich wäre, ein „Final Exit Network“ zu gründen, beantwortet Robert Kert vom Institut für österreichisches und europäisches Wirtschaftsrecht der WU Wien wie folgt:

Aus meiner Sicht würde auch das Danebensitzen, wenn sich jemand das Leben nimmt, den Tatbestand der Mitwirkung am Selbstmord erfüllen (Paragraph 78 StGB). Danach ist strafbar, wer einen anderen dazu verleitet, sich selbst zu töten oder ihm dazu Hilfe zu leisten. Darunter fällt jede Hilfeleistung, auch eine psychische Unterstützung des Sterbewilligen. Darunter fällt jede Handlung, die das Unternehmen des Opfers, sich selbst zu töten, auf irgendeine Weise ermöglicht oder erleichtert.

Hilfeleisten zur Selbsttötung könne nicht nur durch aktives Tun, sondern auch durch Unterlassen verwirklicht werden.