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Brüssel

Terror, Angst, Alltag

Meinung / von Barbara Kaufmann / 24.03.2016

Die Terroranschläge von Brüssel machen ohnmächtig. Die Reaktionen darauf ratlos. Die innere Sicherheit ist erschüttert, und trotzdem scheint der Alltag schnell wieder einzukehren. Zu schnell?

„Wieder hat ein Terroranschlag eine europäische Hauptstadt erschüttert“, sagt der ARD-Sprecher und leitet den ersten Beitrag zur Berichterstattung ein. Das Abendessen ist verspeist. Das Kind versorgt. Das Hemd für den nächsten Tag trocknet über der Heizung. Rituale des Alltags verströmen eine angenehme Banalität, während Bilder von Menschen in Todesangst über den Bildschirm flimmern. Der Tee zieht vor sich hin. Sein Dampf steigt auf, legt sich über das Blickfeld, über die Sequenzen vom Brüsseler Flughafen, die in einer Endlosschleife auf allen Kanälen wieder und immer wieder eingespielt werden. Rauch, grauer Dunst, Endzeitbilder. Der Rauch lichtet sich. Paare werden sichtbar, die am Boden liegen. Die sich gegenseitig festhalten. Ein älterer Mann, der sich schützend über seine Frau gelegt hat. Es ist Zeit, zu Bett zu gehen. Die Freunde und Bekannten in Brüssel haben auf Facebook die „in Sicherheit“-Funktion aktiviert. Niemand ist verletzt worden. Der Zufall war auf ihrer Seite.

Vollmond und Angst

Der Vollmond scheint ins Zimmer und leuchtet eine schlaflose Nacht aus, in der man sich unruhig von einer Seite auf die andere dreht. Und versucht zu begreifen, was unbegreiflich scheint. Paris, Bataclan. Brüssel, Maalbeek. Eine U-Bahn-Station im Herzen der Stadt, ein Veranstaltungsort für Rockkonzerte. Die Station Stephansplatz, die Konzerthallen der Arena. Menschen sterben, weil sie mit der U-Bahn fahren. Menschen sterben, weil sie auf ein Konzert gehen. Oder auf ein Bier in ein Bistro. Oder nach Hause fliegen wollen zu ihren Freunden, ihren Partnern, ihren Familien. Paris ist nahe. Brüssel noch näher. Kommt der Terror auf uns zu? Ist er wie ein Virus, das sich schneller verbreitet, als man dachte? Das man nicht sehen und nicht riechen kann, nicht erkennen am Gegenüber, das eine Gesellschaft plötzlich befällt ohne Gegenmittel? Eine unruhige Nacht ist zu Ende, es dämmert, ein angespannter Morgen beginnt. Die Nachrichtensprecher klingen abgeklärt, routiniert, professionell. Was sollen sie auch sonst tun? Das ist ihr Job. Niemand weiß, wie es in ihnen aussieht. Ob sie sich um Kollegen in Brüssel sorgen, um Freunde, um ihre Kinder.

Selbstgespräche auf Facebook

In den sozialen Netzwerken werden Durchhalteparolen skandiert, Erklärungsmodelle strapaziert, Schuldige gefunden. Jeder kommuniziert mit sich selbst. Das ist das Geschäftsmodell. Katzenbilder und Hashtags, alles von der Couch aus. Da ist es warm und gemütlich, da gehen die Parolen leicht von der Hand. Keep the people from the street. Was sollen sie dort auch tun? Wann hätten Transparente die Mörder, die sich und möglichst viele andere zerstören wollen, davon abgehalten, ihre Sprengstoffwesten zu zünden? In der Gratiszeitung ist ein Bilderrätsel. Sieben Fehler sind im Bild. Ein Clown auf einem Geburtstagsfest. Im linken Bild fehlt eine Kerze. Wie viele Kerzen brennen zu diesem Zeitpunkt vor den belgischen Botschaften? Wie viele waren es vor dem Bataclan?

Die U-Bahn ist voll. Morgenverkehr. Die Menschen müssen zur Arbeit. Stehen dicht gedrängt. Man liest am Display des Handys der anderen mit. Ein Angriff auf das Herz von Europa. Wieder ein Anschlag auf eine europäische Hauptstadt. Die Stimme des Moderators hat nicht gezittert. Wann wurden die Bilder aus Terry Gilliams Dystopie „Brazil“ Teil unseres Alltags? Werden wir je wieder unbeschwert in einem Straßencafé in Paris sitzen, rauchen, am Wein nippen, die Sonne genießen? Unsere Kinder nach Brüssel fahren lassen, auf Interrail, nach Berlin oder nach Rom?

Der Mann mit dem Rucksack

Ein junger Mann steigt zu. Er trägt einen langen, dunklen Bart. Sein Haar ist schwarz. Seine Hautfarbe dunkler als die der Umstehenden. Auf seinen Rücken hat er einen prallen Rucksack geschnallt. Es ist wenig Platz im Waggon. Aber die Umstehenden blicken auf, nervös, rücken ein wenig von ihm ab. Ein Tramper vielleicht. Oder ein Durchreisender. Die U-Bahn fährt zur Station, an dem der Expresszug zum Flughafen hält. Der junge Mann trägt Kopfhörer und hört laut Musik. Terroristen hören keine Musik, liest man. Sie ist verboten. Oder doch nicht? Die umstehenden Frauen sind in seinem Alter. Ende zwanzig, Anfang dreißig. Sie mustern ihn. Ängstlich, nervös, feindselig. Bart, Hautfarbe, Rucksack. Sieben Fehler sind im Bild. Bei der nächsten Station steigt er aus.

Abends gibt es Nachtmahl, Spätnachrichten, Schmutzwäsche. Wieder ein Anschlag auf eine europäische Stadt. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, hat der Sprecher gesagt. Er hat die Blicke in der U-Bahn nicht gesehen. Die Erinnerung an die Bilder aus Brüssel. Die Attentäter, die Angehörigen, die Toten. Man kann sich nicht an die Angst gewöhnen.