Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Simsala-wirklich-bim!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 13.12.2015

Meine Enkeltochter E. ist im Kindergarten mit dem Problem der Wirklichkeit befasst worden.

Nächstes Jahr kommt sie in die Schule; heuer aber – so die Überzeugung ihrer Kindergartentante – möge ihr der kindlich-reine Glaube erhalten bleiben, dass es das Christkind wirklich gebe. Deshalb schrieb E. einen Brief an das Christkind, um ihn am Abend ins Fenster zu legen, damit er nachts von einem Englein geholt werde.

Gerade erzählt mir E., die heute kindergartenfrei genommen hat – neuerdings „nimmt“ sie sich frei, besonders an Sonn- und Feiertagen –, dass der Brief am nächsten Morgen verschwunden war. Wirklich! Und dabei tut sie, als ob ihr die Luft wegbliebe vor lauter innerem Staunen, während sie das hier allesentscheidende Wort beschwörend wiederholt: Wirklich!

Für mich klingt’s, sage ich augenzwinkernd, als ob es sich um einen Zauberspruch der Lillifee handelte: „Simsala-wirklich-bim!“ Lillifees Zaubersprüche stehen bei E. zurzeit hoch im Kurs. Deshalb kommt meine Enkelin jetzt ins Grübeln, sie stützt ihr Kinn in beide Hände, um dann, nach sekundenlanger geistiger Anstrengung, zu verkünden, es handle sich zwar nicht um einen Zauberspruch der Lillifee (die seien alle viel, viel schwieriger), doch ein Zauberspruch sei es schon, irgendwie. Damit das Christkind wirklich wirklich sein könne, müsse man es nämlich herbeizaubern.

„Und wenn nicht?“, frage ich. „Dann“, sagt E., „ist es eben nur wirklich.“ Und wirklich sei bald etwas. Kein Zweifel, E. ist eine angehende Philosophin.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.