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69. Internationales Filmfestival Cannes

Sinn und Sinnlichkeit

Meinung / von Susanne Ostwald / 20.05.2016

In Cannes gehen einem dieser Tage beständig die Augen über. Kann man den eigenen Sinnen noch trauen angesichts dieses betörenden Programms?

Da sitzt sie: die junge Brigitte Bardot. Die Augen, dieser Blick, die langen blonden Haare – alles ist da. Gerade noch hat sie von einem großen Plakat am Yachthafen von Cannes herabgelächelt, und nun sitzt sie einem gegenüber: Die junge Frau, die der BB von früher wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Man weiß, dass man in Cannes ist, wenn man solche Erlebnisse hat und buchstäblich anfängt, doppelt zu sehen. Ist den Augen, die hier so viel erleben, noch zu trauen?

An seiner Sinneswahrnehmung zu zweifeln beginnt auch der Busfahrer Paterson in Jim Jarmuschs gleichnamigem Film: Er sieht überall Zwillinge. Sein Leben ist bestimmt von liebgewonnenen Routinen, welche immer häufiger von inspirierenden Irritationen durchbrochen werden. Sie sind der Stoff, aus dem Paterson Gedichte formt – in dem poetischsten Film des Festivals. Jarmusch feiert in seinem zärtlichen Werk die Liebe zur Kunst und sollte schon allein dafür einen Preis bekommen. Doch steht zu befürchten, dass die Jury politische Brisanz und gesellschaftliche Relevanz vermissen wird – das kennt man aus Cannes, dass allein Schönheit und Erzählkunst wenig vermögen. Es könnte einen auf die Palme bringen, die Goldene.

Noch allerdings ist es viel zu früh, um über die Preise zu spekulieren. Es ist erst Halbzeit in einem Wettbewerb, der von einem Höhepunkt zum nächsten voranschreitet. Festivalchef Thierry Frémaux scheint das auch im übertragenen Sinne zu schätzen. Ob man ihn einen wahren Erotomanen nennen kann? Es geht ziemlich zur Sache auf der Leinwand, etwa in dem phänomenalen Erotikthriller „The Handmaiden“ des Koreaners Park Chan-wook. Es ist die Verfilmung des 2002 veröffentlichen, preisgekrönten Romans „Fingersmith“ der britischen Autorin Sarah Waters. In drei Akten wird die Geschichte einer reichen Erbin erzählt, die von ihrer Magd und deren Komplizen um ihr Vermögen gebracht werden soll. Oder etwa nicht? Wer paktiert hier mit wem? In Bildern von seltener Opulenz führt der Regisseur in ein erotisches Labyrinth stupender Erzählkunst. Und wieder gehen einem die Augen über. Angesichts von so viel geballter Sinnlichkeit ist man wie von Sinnen. Möge doch die Jury diesmal bitte keine politisch korrekte Entscheidung treffen. Und etwa den braven Film „Loving“ des Amerikaners Jeff Nichols auszeichnen, der sich von vielversprechenden Anfängen immer mehr in Richtung biederer Konventionalität bewegt mit seinem Film über ein schwarz-weißes Ehepaar, das in den sechziger Jahren für sein Recht auf diese Liebe vor dem amerikanischen Supreme Court kämpft.

Der Kinosaal als johlendes Tollhaus

Favorit der meisten Filmkritiker ist überraschenderweise der deutsche Beitrag „Toni Erdmann“ von Maren Ade, der das gängige Urteil, die Deutschen besäßen keinen Humor, Lügen straft. Oder doch nicht? Die einzigen im Saal, die sich über diese Tragikomödie nicht amüsierten, schienen die Deutschen zu sein, die angesichts des allgemeinen Schenkelklopfens konsternierte Blicke wechselten. Der Kinosaal wurde zum johlenden Tollhaus, als die Hauptdarstellerin Sandra Hüller als verklemmte Unternehmensberaterin eine zugegebenermaßen hinreißende Interpretation des Whitney-Houston-Hits „The Greatest Love of All“ bot. Allerdings kann man den Film um einen Vater, der ums Glück seiner beruflich erfolgreichen Tochter bekümmert ist, als Verrat der Regisseurin an Karrierefrauen sehen. Sonderbar, dass das so gut ankam. Was haben andere Augen als die eigenen darin gesehen?

Die Sinne werden mächtig gefordert dieser Tage. Geblendet von der endlich hervorgetretenen Sonne an der Côte d’Azur reibt man sich die Augen, wenn man auf die Straße entlassen wird, umringt von Leuten, die von den Akkreditierten eine Eintrittskarte zu ergattern hoffen. Eine Gruppe von fünf jungen Männern hat sich gar zum Chor zusammengetan, um dem Wunsch singend Ausdruck zu verleihen. Man muss sich schon mächtig ins Zeug legen, wenn man auffallen möchte auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten.