Herlinde Koelbl

Feindbilder

So sieht der Feind aus

von Nadine Olonetzky / 24.04.2016

Polizisten, Soldaten, Terroristen schießen in den Trainings auf Zielscheiben. Wer ist dort abgebildet? Die deutsche Fotografin Herlinde Koelbl hat in über dreißig Ländern Antworten gesucht.

Wie sieht der Feind aus? Trägt er Bart? Ist er in ein Palästinensertuch gehüllt? Maskiert? Schwarz und im Kapuzenpullover unterwegs? Oder ist der Feind eine dralle Lady in knallengen Jeans, mit rotem T-Shirt und schwarz wallendem Haar? Um herauszufinden, welche Feindbilder sich in Zielscheiben zeigen, ist die deutsche Fotokünstlerin und große Porträtistin Herlinde Koelbl in 31 Länder gereist. In der Ukraine, der Mongolei, in Israel, Japan, Südafrika, Amerika, Brasilien und in der Schweiz fotografierte sie von 2008 bis 2014 auf Truppenübungsplätzen der staatlichen Armeen: Soldaten, Zielscheiben, Trainingssituationen. Zudem besuchte sie die PKK im Nordirak und die Frente Polisario in der Westsahara, zwei Truppen also, die von den einen als Freiheitskämpfer, von den andern als Terroristen bezeichnet werden. „Aber“, so erklärt Koelbl in ihrer Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich, „jede Seite denkt immer, sie sei im Recht.“

Zielscheibe für amerikanische Soldaten
Credits: Herlinde Koelbl

Schießen heißt töten wollen. Für amerikanische Berufsinfanteristen und israelische Scharfschützen ist es ein Job, und wer nicht trifft, hat versagt. Darum wird trainiert, trainiert, trainiert. Und zwar, je nach Finanzlage des jeweiligen Militärs, mit vollautomatisierten Plastik-Stehaufmännchen (USA), mit Pappkameraden, die finsteren Blicks auf den Schützen zuzustürmen scheinen (England); mit sargähnlich zugeschnittenen Metallblechen (Österreich), mit Holzfiguren (Äthiopien), auf Papier gezeichneten konzentrischen Kreisen (Nordirak) oder Blechbüchsen (Westsahara). Von Schüssen durchsiebt sind sie in Koelbls Aufnahmen fast alle. Da heute viele Armeen auch mit Laser-Simulationssystemen üben, muss der Truppenkamerad, mit dem man abends ein Bier stürzt, den Feind spielen und als lebendes Ziel hinhalten. Werden die Rollen getauscht, ist jeder einmal Opfer, einmal Täter. Was die Erfahrung der Opferperspektive wohl auslöst?

Als die Fotografin die erste Zielscheibe bewusst wahrnahm, sah sie „die Gewalt und den Tod“, das heißt, die Symbolkraft dieser Ziele. Noch immer amüsiert berichtet die 77-Jährige jedoch von der Reaktion der verschiedenen Militärs, wenn sie um die Genehmigung zum Fotografieren bat: „Was will die? Schießscheiben fotografieren?!“ Das Geschehen in der Kaserne, auf Übungsplätzen mochte ja noch hingehen, aber Zielscheiben!? „In vielen Ländern hat sich die politische Situation inzwischen völlig verändert, in der Ukraine etwa. Da könnte ich diese Arbeit heute nicht mehr machen. So ist über all die Jahre etwas Einmaliges entstanden, das habe ich erst jetzt realisiert“, sagt Koelbl.

Hollywood mischt mit

Über den symbolischen Umweg gelingt es Herlinde Koelbl eindringlich, vom Krieg in den Köpfen zu berichten; dort sitzt er hartnäckig. Feindbilder sind langlebig, sie wachsen aus einem historisch, politisch und religiös geprägten Bodensatz, der nicht so schnell abgetragen wird. Doch die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen, und deshalb wandeln sich – langsam – auch die Feindbilder. Oder trägt der gehasste Gegner etwa noch einen roten Stern? Viel eher ist er heute in pechschwarzes Tuch gehüllt.

Diese Umorientierung ist auch Architekten nicht entgangen, die, so erzählt Koelbl, statt für Hollywood Kulissen zu bauen fürs amerikanische Militär lebensechte arabische Dörfer mit Moscheen und Palmen in die Wüste stellen. Abgesehen von der realen Bedrohung durch islamistische Terroristen: Welche Spuren hinterlassen solche Szenerien im Denken? Wie lange wirken sie nach? Trainingsdörfer für den Häuserkampf hat die Fotografin auch in Japan, Israel, Frankreich und in der Schweiz aufgenommen, und sie sprechen Bände: Ist das Schweizer Dorf eine spießige Idylle vor malerischer Bergkulisse, stellt Japan eine kompromisslose Betonsiedlung à la Corbusier bereit. Und während die Franzosen eine Straße entlangpirschen müssen, in der es eine Boulangerie zu verteidigen gilt, stürmen Israeli durch palästinensisch anmutende Lager.

Zielscheibe im Libanon
Credits: Herlinde Koelbl

Außer in Russland und in China konnte Herlinde Koelbl mit vielen Soldaten auch Interviews führen; diese sind in der Ausstellung als Statements und in einer Hörstation mit Booklet zugänglich. „Man kann über Armeen leicht eine Hassgeschichte machen“, erklärt sie ihr Vorgehen, „eine, die sogar dekorativ ist. Doch ich wollte tiefer gehen und herausfinden, was die Soldaten denken und fühlen.“ Die Kombination von Porträts und Statements wandte Koelbl auch in früheren Werken wie ihrer Porträtserie von Politikern an: „Auch bei meiner Arbeit an ,Spuren der Macht‘ interessierte mich, welche geistige Haltung jemand hat.“ Was in den Aussagen der Soldaten zutage tritt, darf nicht erstaunen, muss aber erschüttern. Kein Wunder, leidet ein großer Teil der Soldaten – und mit ihnen die Familien – nach einem Einsatz an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Warum in der Ausstellung die einen Farbfotografien auf Aluminium aufgezogen, die anderen auf Papier ausgedruckt und mit Klammern an der Wand befestigt sind, erschließt sich dem Besucher zwar nicht. Manche Motive wünscht man sich auch konzeptuell strenger fotografiert. Trotzdem: Mit ihrem Thema „Targets“ trifft Koelbl ins Schwarze. Kriege brechen nicht von einem Tag auf den anderen aus. Sie werden vorbereitet. Technisch, indem laufend neue Waffen beschafft werden. Ideologisch, indem Feinde benannt oder auch herbeigeredet werden. Physisch und psychisch, indem Menschen zu Soldaten gedrillt werden. Selbstverteidigung ist das legitime Anliegen eines jeden Staats, doch schon zur bloßen Abschreckung wird weltweit vor allem auf- und umgerüstet. Dieses Muskelspiel führt zuerst einmal zu Arbeitsplätzen – in Rüstungsfirmen, an Waffenmessen, bei Paraden, in militärischen Trainingscamps und Kasernen. Dort muss auch der Fremde zum Feind, zum Feindbild und zur Zielscheibe umgedeutet werden. „Es klingt grausam“, sagt ein namenloser Soldat in der Ausstellung, „aber das Tötenlernen muss automatisiert werden, um zu funktionieren.“

Schwarz-Weiß-Denken

Kommt es zum Krieg, gibt es neue Arbeitsplätze: an Frontverläufen, beim Nachschub, für Totengräber. Und irgendwann, wenn der brüllende Wahnsinn der sprechenden Waffen wieder in den stillen Wahnsinn der schweigenden Waffen übergegangen ist, gibt es noch einmal Arbeit: für Überlebende, Nachkommen, Traumaspezialisten, Wunderheiler. Krieg ist zuerst und zuletzt ein Geschäft, so scheint es. Und auch deshalb brauchen wir Einblick in dieses System. Das Militär verhält sich zwar, wie Koelbl sich erinnert, überall wie „eine geschlossene Gesellschaft“, lässt sich ungern von Zivilpersonen in die Karten blicken. Doch wenn es zum Gewaltausbruch kommt, sind wir alle bis in unsere privatesten Bereiche betroffen.

Herlinde Koelbls Blick hinter die Kulissen der Kriegsvorbereitung zeigt uns eine Groteske. Grauen und Komik, Lächerlichkeit und Monstrosität liegen nah beieinander. In allen Ländern dieser Welt ist die Gewalt das Mittel und der Tod erklärtes Ziel aller Schießtrainings. Was denn sonst! Doch die Mischung der Länder zeigt die irrwitzige Absurdität der sich gegenseitig drohend gegenüberstehenden Militärsysteme auf. „Du musst die Welt so weit wie möglich in Schwarz und Weiß aufteilen und dabei Grau vermeiden, denn bei Grau kriegst du Probleme“, sagt ein Soldat in der Ausstellung. Jeder Mensch, so will es dieses wohl überlebensnotwendige Denken, ist entweder Verbündeter oder Gegner, Einheimischer oder Fremder, Glaubensgenosse oder Ungläubiger, Held oder Ungeziefer. „Ich habe nie Schuld empfunden, Leute zu töten, die den Tod verdient haben“, sagt ein anderer. „In meinen Augen haben sie den Tod verdient, weil sie der Feind sind. Ich bin darauf trainiert, so zu denken.“ Wer der Feind ist, scheint er genau zu wissen.