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Elon Musk & Co

So träumen sie im Valley

von Adrian Daub / 13.10.2016

Der Futurist Richard Buckminster Fuller schrieb mit seinen Visionen das Drehbuch für die Erfolgsgeschichten des Silicon Valley. Elon Musk ist ebenso begabt im Erträumen der Zukunft. Ein Gastbeitrag von Adrian DaubAdrian Daub ist Professor für Literaturwissenschaften an der Stanford University. .

Ein wenig kribbelt es im Bauch, wenn man vor einem seriösen Archivar steht und sagt, man wolle Einblick nehmen in das «Dymaxion Chronofile». Klingt man jetzt, als wäre man in einem Science-Fiction-Roman, fragt man sich unwillkürlich, oder klingt man einfach wie ein Wirrkopf? Das Gefühl legt sich auch nicht, nachdem der Archivar an der Universitätsbibliothek von Stanford einem nonchalant die Kiste hingestellt hat.

Darin: Korrespondenz, Entwürfe, Prospekte, Vorlesungen, teils wirre, teils putzige Fanpost, angesammelt von Richard Buckminster Fuller, dem grossen Architekten, Ingenieur, Kommunikator, Futuristen. Berühmt wurde er für seine Konzepte, von denen einige wenige in der Realität existierten, die meisten aber nur in seiner Vorstellung als Grafiken, Vorlesungen, Landkarten. «Education Automation», «The House of Tomorrow», «synergy», «Spaceship Earth» – man hat das Gefühl, eine längst vergangene Zukunft in Händen zu halten.

Das «Dymaxion Chronofile» ist eine Chronik des Möglichen. Buckminster Fuller führte es als eine Art Tagebuch. In einer einzigen Mappe (erste Septemberhälfte 1962) findet sich: ein Wappenentwurf für Enkel Jamie, Briefe nach Dahlem, Adlershof, Darmstadt, Eingaben ans Patentamt, viele eingesandte Bilder von Geodätischen Kuppeln, die er berühmt gemacht hatte – bis zu einer nach Fullerschem Vorbild in einem Park in Illinois gebauten «Picnic»-Kuppel.

In Massachusetts geboren, lehrte Fuller an der Southern Illinois University und starb in Los Angeles. Und doch ist er für die Bay Area wichtiger als für sonst eine Region. Die Gegenkultur fand grossen Gefallen an seinen Designs, seinen Ideen, seinen Neologismen und das Silicon Valley an seiner Vision von der Zukunft. Wenn man das «Dymaxion Chronofile» aufschlägt, muss man sagen: Obwohl die Worte «Palo Alto» nur selten fallen, ist das Silicon Valley nirgendwo gegenwärtiger als in diesen 600 Schachteln Tagebuch. Wohl auch deshalb fand das «Dymaxion Chronofile», wie auch der Rest seiner Papiere, den Weg hierher.

Die vorweggenommene Zukunft

Als er 1983 starb, als Apple seinen siebten Geburtstag feierte und noch am ersten Macintosh bastelte, war mit dem «Chronofile» wohl der Facebook-Verlauf vorweggenommen worden. Auf fast jeder Seite findet sich eine Idee, die wir heute wiedererkennen: über vernetzte Terminals verbundene interaktive Lehranstalten; autonom fahrende Autos; im September 1962 findet sich ansatzlos eine Idee für eine mit Wasserstoff gefüllte Röhre, in der Menschen in Kapseln herumgeschossen werden sollen.

Die Realität hat Fullers Einbildungskraft vielleicht nicht eingeholt, aber zumindest hat unsere Einbildungskraft zu seiner aufgeholt. Denn 2013 hat der Milliardär Elon Musk sein Projekt «HyperLoop» vorgestellt. Kein neuer Gadget, er hielt keinen Prototyp in Händen, er hatte ein paar Zeichnungen und Berechnungen, die er frei abrufbar ins Netz stellte. Es hatte wenig mit den geheimniskrämerischen Produktvorstellungen von Steve Jobs zu tun, sehr viel dagegen mit der Art öffentlichen Denkens, die man mit Buckminster Fuller verbindet.

Ein Traum aus dem September 1962, neu geträumt im Jahr 2013. Ob Musk nun klar war, dass er einen alten Traum wieder aufgriff: Fullers Denkstil gefällt dem Silicon Valley. Fuller wollte die Welt immer anders sehen, als sie ist. Er war ein erster Prophet der Disruption. Und wenn das Silicon Valley sich visionär gebärdet – seien es Peter Thiels Hochseeinseln oder eben der Hyperloop –, verfällt es in einen Fullerschen Gestus. Von ihm hat es gelernt, wie man visioniert.

Aber Fuller und Musk haben ihre Seifenblasen in zwei sehr verschiedene Realitäten entlassen. Am 12. September 1962 hatte Präsident Kennedy in Texas die Mondlandung versprochen und den Entdecker George Mallory zitiert. Warum dieser den Everest besteigen wollte? «Because it is there.» Nun, der Weltraum existierte, und Amerika würde ihn besteigen. Fuller war ähnlich: ein Anreger, dem die Idee wichtiger war als deren systematische Ausarbeitung. Das Silicon Valley hat im Vergleich einen fatalen Überhang an Realität. Gerade diese Differenz macht seine Bewahrung im Herzen und im Hirn des Silicon Valley so wichtig.

Es ist ein Leichtes, zu behaupten, die blumigen Visionen der Web-Firmen seien reine Makulatur und bloss die Fassade, hinter welcher der Digitalkapitalismus der neuen Räuberbarone lauert. Ebenso wohlfeil, wenn man das knallharte Geldverdienen wegwünscht und der Selbstwahrnehmung der Branche auf den Leim geht. In Wahrheit ist die hehre Vision weder zynische Fassade noch heimlicher Motor: Das Silicon Valley fängt mit dem einen Fuss an und landet fast aus Versehen auf dem anderen. Und in dieser Dialektik ist Buckminster Fuller eine Irritation sondergleichen.

Das Valley leistet tatsächlich Revolutionäres. Aber es weiss, dass es seine Revolution immer in Legenden verpacken muss, um an Investoren und Publicity zu kommen. Vision wird zur Ware, zum Werbegag, zum Branding. Und im Silicon Valley, wo jeder jeden kennt, wo jedes Gespräch im Prinzip ein Vorstellungsgespräch sein könnte, darf die Wahrheit hinter der Legende nie zum Vorschein kommen: Alles muss die Welt verändern, alles muss phantastisch laufen, jeder Job muss der Traumjob sein.

Das ist die Tragik des Silicon Valley. Alle spinnen an ihren Märchen: Die Programmierer erzählen ihren Kollegen Geschichten, ihre Chefs den Journalisten, die Journalisten ihren Lesern und alle den Zahlmeistern aus dem Venture Capital. Der Legende glaubt keiner so richtig; aber was brächte die Wahrheit? Den Investoren kein Geld; der Belegschaft keine Job-Angebote; den Bloggern und Journalisten keine Klicks.

Reine Legenden

Beispiel Theranos: vor einem Jahr noch Hoffnungsträger im Valley, heute Bankrottkandidat, nächstes Jahr möglicherweise Ziel von Strafverfolgung. Alle liebten die Geschichte von Elizabeth Holmes, die Stanford abbrach, um ein Verfahren zu entwickeln, das ohne Nährböden Bluttests durchführen konnte. Sie zog sich seltsam an, trank nur Säfte auf Gemüsebasis, redete von Weltverbesserung und Zukunft. Dass das Verfahren eigentlich nicht klappen konnte, wurde schon länger vermutet, aber erst in diesem Jahr forderten die Presse und die Aufsichtsbehörde Einsicht in die Praktiken des Unternehmens – und sofort schloss Letztere den Laden. Der alte Rollkragenpullover als des Kaisers neue Kleider.

An dem Unternehmen konsumierte das Silicon Valley die reine Legende. Denn Holmes rührte sehr geschickt am schlechten Gewissen des Silicon Valley: In einer Gruppe Menschen, die ständig Investoren weismachen, dass eine Foto-App, eine Fahrdienst-App oder Radio-App «die Welt verbessern» wird, bot Theranos eine Technologie an, die, hätte es sie gegeben, wirklich die Welt tiefgreifend verändert hätte.

Holmes, so der Journalist Nick Bilton, «personifizierte das Bild des Silicon Valley von sich selbst». Das Silicon Valley ist anfällig für solche Anflüge von Romantik. An Legenden, die es zynisch über sich selbst in die Welt setzt, glaubt es am Schluss selber. Denn was wäre, wenn die gigantischen Komplexe, angefüllt mit den talentiertesten, am besten ausgebildeten Hirnen, sich wirklich der Fragen annähmen, die Theranos zu lösen versprach – oder Buckminster Fuller.

Vielleicht hat Stanford auch deswegen das Fuller-Archiv ins Silicon Valley geholt: Fuller erinnert die jungen Menschen auf dem Campus und darum herum an eine unbequeme Wahrheit: Das Silicon Valley gibt sich gerne als Problemlöser, aber in Wahrheit besteht sein Talent darin, das auszureizen, was machbar ist. John F. Kennedy wollte zum Mond, «weil der Mond da war». Das Silicon Valley löst Probleme, weil sie lösbar sind.

Das ganze Silicon Valley? Nein. Elon Musk zum Beispiel will das Gegenteil sein: Er erträumt Lösungen um der Lösungen willen. Und während das Mantra «fail better» im Rest des Silicon Valley zu einer Verbrämungsgeste für dumme Geschäftsideen geworden ist, legt er regelmässig spektakuläre und irgendwie inspirierende Bruchlandungen hin. Ob Tesla, SpaceX, Hyperloop – Musks Ideen gehört die Zukunft, aber mit der Gegenwart tun sie sich noch ein bisschen schwer.

Am 1. September explodierte eine Rakete von SpaceX in Cape Canaveral während der Startvorbereitung, mit einem Satelliten an Bord, mit dem Facebook das Internet direkt ins südliche Afrika strahlen wollte. Es war ironischerweise Zuckerbergs erster Klimmzug ins genuin Visionäre, und nun hat ihm Musks Firma diesen vermasselt. Aber Zuckerbergs Satellit und Musks Rakete sind nicht im selben Sinne visionär: Henry Fords Amazonasstädte waren seiner Obsession mit Kautschuk geschuldet; Zuckerbergs Satelliten sind als Philanthropie getarnte Investitionen.

Musk, dessen Raketen explodieren, dessen Autos zunächst nicht immer einwandfrei funktionieren, hat die Legende des Silicon Valley stärker internalisiert als jeder andere. So gründlich sogar, dass er sie möglicherweise wahr macht. Wer Ashlee Vances Biografie des Milliardärs liest, der erhält den Eindruck, Musk liege Zynismus generell fern. Wenn Peter Thiel zu träumen anfängt, dann will einem gruseln, bei Musk kann man nicht anders, man möchte mitträumen.

Musk ist im Grunde genauso staatsfeindlich wie Peter Thiel, er ist dem Geniekult des Silicon Valley noch stärker verfallen als die Tech-Barone. Aber er hat viel mehr vom Geist Buckminster Fullers in die Gegenwart gerettet, und er ist, wenn überhaupt, noch naiver: Er versucht, Träume zu realisieren.

Kein Held, aber ein Spinner

Deswegen ranken sich um ihn auch andere Legenden. In Neal Stephensons Roman «Seveneves» (auf Deutsch als «Amalthea» erschienen) wird der Mond plötzlich zerstört. Während die Kennedys der Welt noch debattieren, rettet Sean Probst, raumfahrtbesessener Internetmilliardär, unbürokratisch die Menschheit. Das dürfte Musk gefallen haben, dabei versteht ihn Stephenson fundamental falsch. Musk ist kein Held, der tut, was zu tun ist. Er ist ein Spinner, der schauen will, was möglich ist.

Das «Dymaxion Chronofile» endet nicht mit Fullers Tod – die Materialsammlung ging noch ein paar Monate weiter, so sorgsam hatte er die Abläufe seines Archivs eingerichtet. Eine der letzten Zusendungen, die er kommentiert zu haben scheint, kommt von einer Mrs. Clair aus Colorado, die ihm schreibt, dass er ihr so viel bedeute, nicht weil er besonders, sondern weil er am Ende ein ganz normaler Mensch sei. Sie habe, so liess Buckminster Fuller zurückschreiben, ihn aufs Genauste verstanden. Eine wichtige Erinnerung hier, inmitten der wuchernden Legenden des Silicon Valley.

Adrian Daub ist Professor für Literaturwissenschaften an der Stanford University.