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Interview

„Solche Teenager sind ein gefundenes Fressen“

von Regula Freuler / 19.06.2016

Oft sind es die Bildungsverlierer unter den Jugendlichen, die sich radikalisieren lassen. Welche Rolle ihre Familien und vor allem ihre Väter dabei spielen, erklärt Psychiaterin Cornelia Bessler.

NZZ am Sonntag: Die Morde in Orlando und Paris erschüttern die Öffentlichkeit. Beide Täter bekannten sich zum IS, beide wurden als labil beschrieben. Steht hinter so radikalen Taten immer psychische Unsicherheit?
Cornelia Bessler: Nein, es gibt verschiedene Motive, Gründe und Entwicklungen für solche Taten. Neben psychischen Labilisierungen und Entwicklungsstörungen können das auch psychische Auffälligkeiten oder Störungen sein. Ebenso können Faktoren aus dem persönlichen Umfeld oder eine akute Situation eine maßgebende Rolle spielen.

Wieso landen radikalisierte oder gefährdete Jugendliche bei Ihnen?
Wenn bei einem Strafverfahren eine eingehendere psychiatrisch-psychologische Beurteilung nötig ist, schickt die Jugendanwaltschaft sie zu uns. Meistens geht es um Delikte wie Schlägereien, Körperverletzung, Raub, Sachbeschädigung. Im Rahmen der Untersuchungen merken wir dann manchmal, dass ein Jugendlicher sich extremistischen Gruppen zugehörig fühlt.

Vom Täter aus Orlando heißt es, dass er in der Schule wegen seiner afghanischen Herkunft gemobbt worden sei. Ist das ein typischer Faktor, der zur Radikalisierung führt?
Es ist bekannt, dass radikalisierte oder gefährdete Jugendliche – neben einigen Konvertiten – oftmals Kinder von Kindern von Einwanderern aus dem Vorderen Orient sind, sunnitische Muslime der dritten Generation.

Die Winterthurer Geschwister – die bisher einzigen minderjährigen Schweizer Dschihad-Rückkehrer – haben kosovarische Wurzeln. Der Kosovo hat die höchste Dschihadisten-Rate in Europa.
Zum Winterthurer Fall kann ich nichts sagen. Was den Kosovo angeht, so ist dort wohl die ökonomische Perspektivenlosigkeit ausschlaggebend. Über radikalisierte Jugendliche bei uns weiß man, dass es sich häufig um die Verlierer unseres Bildungssystems handelt. Sie fühlen sich benachteiligt, wozu auch die immer wieder aufflackernde antimuslimische Stimmung beiträgt. Solche Teenager sind ein gefundenes Fressen für extremistische Kreise.

Was macht die extremistischen Kreise so attraktiv, besonders für Jugendliche?
Dort finden sie so etwas wie Identität, Halt, Gemeinschaft und vermeintliche Stärke. Jugendlichen, deren Familien aus Migrationsgründen sozial-ökonomisch abgestiegen sind, erscheint der Vater oft als schwach. Das widerspricht dann dem Bild vom starken Vater, wie es in traditionell patriarchalen Familienstrukturen normalerweise hochgehalten wird. Die Extremisten reden den Jugendlichen ein, die vermeintlich schwache Position des Vaters sei der mangelnden religiösen Lebensführung dieser Generation zuzuschreiben.

Was ist radikalisierten Teenagern aus Europa wichtiger: Religion oder Politik?
Es ist meist beides. Extremisten nutzen geschickt den Wunsch der Jugendlichen, helfen und gesellschaftlich von Bedeutung sein zu wollen, aus. So verwenden Extremisten Bilder von Opfern des Assad-Regimes, um Jugendliche anzuwerben und bei ihnen Betroffenheit auszulösen.

Wie werden die Jugendlichen angeworben?
Der erste Kontakt geschieht fast immer in Freundes- und Bekanntenkreisen, und zwar im realen Leben. Erst danach kommen die sozialen Netzwerke wie Chatrooms ins Spiel. Die Jugendlichen zeigen mir oft Videoclips, die sie toll finden. Da brausen verschwitzte, bewaffnete Männer auf Pick-ups herum. Es sind heroisierende Darstellungen, verlangsamt, mit entsprechender Musik unterlegt. Sie zielen auf die Sinnesebene, auf der Teenager sehr empfänglich sind. In unserer stark kognitiv ausgerichteten Gesellschaft hier eine Gegenpropaganda zu entwickeln, ist nicht einfach.

„Wer selber denkt, ist immun gegen radikale Tendenzen“, sagt der prominente deutsche Psychologe Ahmad Mansour. Das klingt nicht nach Sinnesebene.
Bis radikalisierte Teenager wieder selber denken, ist es ein längerer Weg. Als Psychiaterin muss ich mir zuerst einen Zugang auf der Beziehungsebene verschaffen. Die wenigsten der gefährdeten Jugendlichen sind komplett beziehungsgestört. Also schaue ich mit ihnen Bilder an, welche die brutalen Praktiken der Scharia zeigen: abgeschnittene Hände und Füße, Auspeitschungen, sexuelle Gewalt. Ich frage sie dann: „Ist das der Islam, den du vertrittst?“

Eltern sind oft überrascht, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter sich radikalisiert. An welchem Punkt muss man einschreiten?
Das ist eine offene Frage. Trägt der Sohn auf einmal eine Gebetskappe oder die Tochter ein Kopftuch, können sie sich ja auf die Religionsfreiheit berufen. Zudem hilft es bei Teenagern bekanntlich selten, etwas einfach zu verbieten, sondern führt zu Heimlichkeiten. Vielmehr müssen die Eltern versuchen, mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben.

Halten Sie die syrischen Brüder aus Baselland, die ihrer Lehrerin aus religiösen Gründen nicht die Hand geben wollen, für radikal?
Das kann ich nicht beantworten, aber ihre Weigerung zeigt klar, dass sie den gegenseitigen Umgang in unserer Gesellschaft nicht respektieren. Das hat nicht nur mit Religion, sondern auch mit Werten zu tun.

Den Handschlag zu verweigern, ist nicht strafbar. Was kann man trotzdem tun?
Das ist Aufgabe der Prävention. Man muss solchen Jugendlichen vermitteln, wie man hier miteinander umgeht. Ebenso benötigen sie sozialpolitische Aufklärung: Man muss ihnen begreiflich machen, wie und warum unser Sozialsystem so gut funktioniert. Dinge, die als selbstverständlich genommen werden, wie Krankenkassen, Arbeitslosenversicherung, Altersvorsorge. Hinter solchen sozialen Errungenschaften stehen kulturelle Werte, die von allen getragen werden.

Wie arbeiten Sie mit den Jugendlichen, die auf dem Weg zur Radikalisierung sind?
Wir versuchen ihnen die Widersprüche der islamistischen Propaganda aufzuzeigen. Wichtig ist, dass man nicht konfrontativ vorgeht und sie sich herabgesetzt fühlen, sondern dass man sie zu einem Austausch von Meinungen einlädt, in dessen Verlauf ihnen Zweifel an den radikalen Ideologien wachsen. Und wir müssen diese Jugendlichen wieder interessieren für unsere Gesellschaft.

Fachleute wie der Pädagoge Thomas Mücke vom hessischen Violence Prevention Network sagen, die meisten radikalisierten Jugendlichen seien theologische Analphabeten. Wie gut müssen Sie sich im Koran auskennen?
Wir brauchen eine gewisse Kenntnis, aber kein islamwissenschaftliches Studium. Viele Jugendliche wollen in erster Linie einer „coolen“ Gruppe angehören. Hier bewegen wir uns im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung während der Adoleszenz, nicht der Religion. Hingegen müssen wir gut darüber informiert sein, was in welcher Gruppierung wie IS, Nusra oder Kaida läuft und mit welcher der Jugendliche sympathisiert.

Beziehen Sie die Familien der Teenager ein?
Wenn möglich, ja. Wir von der Jugendforensik haben diese Möglichkeit aber nur begrenzt.

Wie sieht das Hilfsangebot schweizweit aus?
Es gibt bereits einiges Know-how. Es braucht aber ein nationales und kantonales Konzept für den Umgang mit solchen Fällen. Es müssen standardisierte Verfahren für das Vorgehen bei Verdacht auf Radikalisierung, bei Extremismus und bei Ausstiegswilligen entwickelt werden. Dies in Zusammenarbeit mit anderen Diensten wie Polizei, Justiz, Schulen, Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden, Sozial- und Gesundheitsdiensten, Gewaltpräventionsstellen. Einige Anstrengungen sind derzeit im Gange.

Sie erwähnen nur öffentliche Stellen. Wie sieht es mit muslimischen Gemeinschaften aus?
Auch diese müssen mit einbezogen werden in die Prävention. Denn sie müssen wissen, in welchen Moscheen was von wem gepredigt wird. Wir kümmern uns um die psychologische Ebene. Religiöse Unwissenheit aufzuklären, sollte jedoch Aufgabe der muslimischen Gemeinden sein.