Morgengrauen

Spinnerin am Morgen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 11.05.2016

Man soll ja nicht allzu nostalgisch sein, schon gar nicht, wenn der Tag noch jung ist, nicht wahr? Es wäre ja möglich, dass der Fortschritt gerade wieder einmal nicht so verehrungswürdig ausschaut, um, nach dem Glaubensbekenntnis seiner Anhänger, unbedingt an die Stelle Gottes zu treten. Aber heute Morgen verirrte sich ein Weberknecht in meine Frühstücksecke und hängt nun über mir, in einem Winkel des Plafonds.

Dort vollführt er mit seinen langen, hauchdünnen, mehrfach geknickten Beinchen unnachahmlich zarte, wippende Bewegungen. Beinahe hätte ich, in seinem Anblick versunken, mein Frühstücksbrötchen im Ofenbackrohr vergessen. Der Weberknecht gehört zu den Tieren meiner Kindheit, die man „Spinnerinnen“ nannte. Eigenartigerweise schienen diese Tierchen mehr damit beschäftigt zu sein, zeitverloren vor sich hin zu wippen, statt ihre Netze zu spinnen. Es konnte geschehen, dass ein ganzes Ballett mehrfach geknickter Beinchen, das von der Zimmerdecke herunterwippte, den Betrachter entzückte. In der Schule erfuhr ich dann leider, dass es nicht „Spinnerin“ hieß und der mir geläufige Spruch – „Spinnerin am Morgen / bringt Unglück und Sorgen“ – sich auf die armen Frauen von einst bezog, welche bereits im Morgengrauen am Spinnrad saßen.

So wurde ich klug und die Welt dünnte aus. Ohne Spinnerin war der Morgen meiner Kindheit nun zum Tagesanbruch geworden, zwar mit weniger Not, doch auch weniger Poesie – na ja, aber immerhin mit einem goldbraun aufgebackenen Frühstücksbrötchen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).