Morgengrauen

Stacheldraht für alle

Gastkommentar / von Peter Strasser / 11.11.2015

Was war uns nicht alles geweissagt worden? Globale Gerechtigkeit, Wohlstand für jeden/jede/jedes, der Weltstaat, die Besiedelung des Mondes, der Ewige Friede, über den Kant schon spottete, weil es sich dabei um den Namen auf einem Wirtshausschild gehandelt hatte – neben einem Friedhof.

Ach ja, auch der Sieg über den Tod war in Aussicht gestellt worden. Daran wollte man nie so recht glauben, nur einige haben sich fürs ewige Leben einfrieren lassen. Uns andere beflügelte der Gedanke eines ruhigen Lebens in einem Europa ohne Grenzen.

Nun sind die Träume ausgeträumt. Ich wachte auf. Mein Computer machte „Ding-Dong“. Eine E-Mail von einem Stacheldrahtgroßerzeuger, Motto: „Es gibt immer was zu tun“, informierte mich darüber, dass alle Arten von Stacheldrahtzäunen zu Billigstpreisen abgegeben würden, bei Selbstabholung ohne Aufpreis, Schutzhandschuhe inklusive. Die Botschaft wurde von einer Dringlichkeitsparole gekrönt: „Die Zeit der Zäune ist gekommen. Decken Sie sich ein, solange der Vorrat reicht!“

Zum Glück hatte ich nur geträumt, ich sei aufgewacht, wie ich beim Aufwachen erleichtert feststellte. Aber ein Schatten blieb. Was wäre, wenn ich schon wach gewesen wäre und mir jetzt bloß einbildete, noch geschlafen zu haben? Was dann?? Erst ein Blick aus meinem Fenster auf die graue Kirche gegenüber, durch deren Türe sich gerade eine hüftschwache Frühmessebesucherin müht, beruhigt mich wieder …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.