Cristobal Palma / Hyatt Foundation

Interview mit Alejandro Aravena

„Städte weisen den Weg in Richtung Gleichheit“

von Gabriele Detterer / 29.07.2016

Der chilenische Pritzkerpreisträger Alejandro Aravena begibt sich auf der diesjährigen Architekturbiennale an die „Front“ des sozial engagierten Bauens und äussert sich darüber im Gespräch.

NZZ: Die von Ihnen ausgerichtete Architekturbiennale mit dem Titel „Reporting from the Front“ verzichtet auf die Präsentation spektakulärer Bauten. Womit wollen Sie Besucher nach Venedig locken?

Alejandro Aravena: Indem wir anhand von neuen Aktionsfeldern aufzeigen, wie man pragmatisches Tun mit Kreativität verbindet und wie uns Gemeinsinn und Beharrlichkeit weiterführen können an all den Frontlinien, an denen sozial ausgerichtete, nachhaltige Architektur etwas bewirkt.

Wie soll der Biennale-Besucher angesichts der vielen Probleme von der Verstädterung über die Migration bis hin zum Klimawandel und zum Umweltschutz den Überblick wahren?

„Reporting from the Front“ bietet den Besuchern die Gelegenheit, einen neuen, anderen Standpunkt einzunehmen. Sie gewinnen dadurch eine andere Art des Überblicks und können tiefere Zusammenhänge zwischen Bauaufgaben und globalen Problemfeldern erkennen. Dies ermöglicht es ihnen, die richtigen Fragen zu stellen und zu vermeiden, dass man Irrwege einschlägt.

Erneut
eine andere Architektursprache gebrauchte Alejandro Aravena für den
monolithischen Betonbau des UC Innovation Center, das er 2014 ebenfalls auf dem
San Joaquín Campus der für ihre aussergewöhnlichen Bauten bekannten Universidad
Católica in Chile Santiago realisierte. (Bild: Nina Vidic / Hyatt Foundation)

Unter Architektur versteht man gemeinhin die funktionalen und gestalterischen Qualitäten eines Bauwerks. Wie weit fassen Sie den Begriff Architektur?

In der Architektur geht es darum, dem Lebensraum der Menschen Form zu geben. Wenn wir uns die drei Grundmerkmale dieses Architekturbegriffs – Ort, Form und Leben – vor Augen halten, dann versteht man, warum dies keine einfache Sache ist. Der Ort umfasst Einfamilienhäuser, Siedlungen, Schulen oder Bürogebäude, aber auch Gehwege und Parkanlagen. Diese Lebensräume sind extrem unterschiedlich, aber immer irgendwie gestaltet. Form sagt viel darüber aus, wer und was mitwirkt: Politik, Gesetze, Ökonomie, Umwelt, Technologie, Ästhetik. Wenn wir uns das Leben als drittes Merkmal anschauen, so reicht dieses von Grundbedürfnissen bis zu den unterschiedlichen Dimensionen des menschlichen Daseins. Die Aufgabe der Architektur besteht darin, das alles integrativ und synthetisch zu einer ganzheitlichen Perspektive zusammenzuführen.

„Die Knappheit kann ein Filter gegen Willkürlichkeit, Beliebigkeit und Überflüssiges sein.“

Leitet sich Ihre Vorstellung von Qualität der Architektur aus dieser Sichtweise ab?

Die Qualität der Architektur hängt zusammen mit der Kapazität, Lebensqualität zu verbessern, wobei Leben in der ganzen Bandbreite zu verstehen ist.

Haben Chile als Ihre Heimat und Santiago de Chile als Ihr Lebensmittelpunkt Einfluss auf Ihr ganzheitliches Denken?

Ich denke schon. In Chile herrscht eine gewisse Knappheit der Mittel, wofür ich dankbar bin, weil Überfluss zu einem Mangel an Bedeutungsgehalt und Sinn führen kann. Stehen nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung, muss man gute Gründe finden, warum man diese auf eine bestimmte Weise verwendet. Die Knappheit kann ein Filter gegen Willkürlichkeit, Beliebigkeit und Überflüssiges sein. Aber wir sind nicht so arm, dass wir auf schwierige Zustände und Gegebenheiten nur reagieren. Wir sind in der Lage, unsere Antworten in Form von Architektur weiterzuentwickeln und auf die nächste Stufe zu heben.

Alejandro
Aravena baut nicht nur mit einfachen Materialien, wie die beiden 2005
eröffneten Siamese Towers auf dem San Joaquín Campus der Universidad Católica
von Santiago de Chile beweisen, in denen Unterrichtsräume und Büros
untergebracht sind. (Bild: Cristobal Palma / Hyatt Foundation)

Gibt es einen Architekten, der für Sie Vorbildcharakter hat?

Da gibt es viele! Die Tatsache, dass Bauen eine weit in die Geschichte zurückreichende Tätigkeit ist, macht demütig und selbstbewusst zugleich. Wer heute Architekt sein will, muss ein Wissen, das Jahrtausende umfasst, verdauen. Gleichzeitig wird von einem verlangt, dass man Neues schafft. In diesem Sinn ist der Brasilianer Paulo Mendes da Rocha, der den Goldenen Löwen der diesjährigen Architekturbiennale von Venedig für sein Lebenswerk bekam, ein Vorbild. Er entwirft auf einem hohen Niveau dauerhafte Architektur, die auf Strukturen und nicht nur auf oberflächlichen Formen basiert. Die soziale des BauensDie Architektur erlebt derzeit einen Wandel hin zum gesamtgesellschaftlichen Engagement. Dieser Social Turn hat seine bisher wichtigste internationale Plattform in der von Chilenen Alejandro Aravena kuratierten Architekturbiennale von Venedig erhalten. Mit dem Wandel befasst sich unser Themenschwerpunkt. Ihre Bauten überraschen durch grosse Vielfalt, beispielsweise die 2005 realisierten gläsernen Siamese Towers und der 2014 vollendete steinerne Monolith des Innovation Center in Santiago de Chile oder das 2008 eingeweihte Studentenwohnhaus der St. Edward’s University in Austin, Texas.

Intuition ist wichtig. Wenn man entwirft, übersetzt man beschreibbare, messbare, berechenbare Fakten, Budgets, Zeitvorgaben, Baugesetze in eine Formgestalt, die den unaussprechlichen Gewissheiten und nicht greifbaren Dimensionen des Menschseins folgt. Es geht dabei weniger um Inspiration als vielmehr darum, Intelligenz und Intuition ins Gleichgewicht zu bringen.

Welche Rolle spielen digitale Tools für das Entwerfen und Realisieren?

Diese Werkzeuge können bestenfalls helfen, unsere Ziele effizienter zu erreichen. Ich vermute, dass die digitalen Helfer niemals die direkte Kommunikation ersetzen werden. Persönliche Begegnungen werden weiterhin genauso wichtig sein wie neuste Technologien.

Der
49-jährige Alejandro Aravena, diesjähriger Pritzkerpreisträger und Leiter der Architekturbiennale
Venedig, liebt es, seine Ideen zeichnend festzuhalten und in Vorträgen zu
vermitteln. (Bild: Christobal Palma / Hyatt Foundation)

Solch neue Technologien verändern das Stadtleben und die urbanen Infrastrukturen. Was muss der Städtebau künftig leisten, damit unsere Zentren zu guten Orten für alle werden?

Wie lebenswert eine Stadt ist, bemisst sich danach, was die Menschen im Stadtraum gratis tun können. Öffentliche Plätze, Parks und Freizeitgelände sind hierfür zentral. Denn sie haben eine Umverteilungsfunktion und verbessern die Lebensqualität, ohne dass man auf politische Massnahmen zur Einkommensumverteilung warten muss. Nehmen wir die Copacabana in Rio de Janeiro. Um am kilometerlangen Sandstrand seine Freizeit zu geniessen, braucht man nur Badekleidung und Flipflops. Das macht diesen Freizeitort zu einem demokratischen öffentlichen Raum. Wenn die Einkommensungleichheit riesig ist, können Städte mit jedem gratis zugänglichen Freizeitangebot soziale Ungleichheiten korrigieren.

Der öffentliche Raum war schon in der antiken Polis wichtig für die Identität der Bürger. Doch Stadtentwicklung ist dem Wandel der Zeit unterworfen.

Man muss sicherstellen, dass Städtebau nicht den modischen Trends, die in Architekturmagazinen verkündet werden, hinterherrennt. Wir erleben doch, dass diejenige Stadtarchitektur Qualität hat, die den Test der Zeit besteht. Dabei handelt es sich um Entwürfe, die ein Produkt ihrer Zeit sind, aber gleichzeitig so neutral und flexibel angelegt sind, dass die Gesellschaft in diesem Rahmen weiterbauen und gut damit leben kann.

„Wir erleben doch, dass diejenige Stadtarchitektur Qualität
hat, die den Test der Zeit besteht.“

Wie setzen Sie das Ziel nachhaltigen Bauens in die Praxis um?

Nachhaltigkeit ist der rigorose Gebrauch des gesunden Menschenverstandes. Wenn man Erfindergeist und Beharrlichkeit aufeinander abstimmt, handelt man auch nachhaltig im Sinne des Umweltschutzes.

Das Modell der von Ihnen entwickelten sozialen Wohnbauten, die von den Benutzern weitergebaut werden können, wurde 2004 in Iquique, Nordchile, in Form von Reihenhäusern Realität. Dieses Projekt hat Sie und Ihr Architekturbüro Elemental weltbekannt gemacht. Welche Vorzüge hat das Modell?

Wenn ein Kleinverdiener heute ein Haus mit 80 Quadratmetern Wohnfläche kaufen möchte, kann er das kaum mehr bezahlen. Im besten Fall kann er sich eine halb so grosse Wohnfläche leisten. Unser Half a Good House genanntes Konzept eröffnet diesen Menschen einen Weg, trotz knappen finanziellen Mitteln einen Mittelklassestandard des Wohnens zu halten oder diesen zu erreichen. Hierfür stellen wir Familien die Grundstruktur und Grundversorgung eines halben Hauses zur Verfügung. Dieses kann auf die Grösse eines durchschnittlichen Mittelklassehauses erweitert werden, wobei die Bewohner den Ausbau durch Eigenarbeit vornehmen, so dass sie ihr Domizil den individuellen Bedürfnissen anpassen können. Daher bringt dieses Modell Stimmungen und Lebensvielfalt weit besser zum Ausdruck als der monotone Siedlungsbau, der den Markt und das Faktum, dass Eigenkapital fehlt, spiegelt.

Eine
ferne Erinnerung an den Adobe-Stil des amerikanischen Südwestens klingt in den
2008 vollendeten Studentenhäusern der St. Edward’s University in Austin, Texas,
nach. (Bild: Cristobal Palma / Hyatt Foundation)

Sind seither neue „Half a Good House“-Siedlungen entstanden?

Ja, beispielsweise in der 2010 von Erdbeben und Tsunami verwüsteten chilenischen Küstenstadt Constitución.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den „Half a Good House“-Siedlungen und dem Wiederaufbau gemacht?

Wenn man ein soziales Wohnbausystem zum Selbstausbau einsetzt, sind Menschen Teil der Lösung des Problems.

Mit einer gross dimensionierten Umsetzung des „Half a Good House“-Modells hapert es noch. Was unternehmen Sie?

Bei der Verleihung des Pritzkerpreises im vergangenen April habe ich angekündigt, dass es eine freie Nutzung des Entwurfs geben wird, den man von der Elemental-Website herunterladen kann.

Woher nehmen Sie den Glauben, dass Architektur die Kraft hat, soziale Ungleichheit zu mildern und die gebaute Welt zu humanisieren?

Städte weisen den Weg in Richtung Gleichheit. Mit gezielten urbanistischen Projekten kann man die Lebensqualität vieler Menschen verbessern, ohne warten zu müssen, bis sich die grossen Einkommensunterschiede verkleinern und die Welt sich verändert. Jeder von uns muss einen Beitrag leisten, aber man muss irgendwo beginnen.

Das Gespräch führte die Architekturkritikerin Gabriele Detterer.