Rue des Archives / Keystone

Menschheitsdrama

Star Wars: Erlöserkultur und Dekadenz

von Björn Hayer / 20.11.2015

Die „Star Wars“-Saga regt zur Selbstbegegnung an – in Mythologie, Geschichte und Religion der Menschheit.  Mitte Dezember kommt die mit Spannung erwartete siebte Episode „The Force Awakens“ ins Kino. Björn HayerBjörn Hayer lebt und arbeitet als Kulturjournalist und Literaturwissenschaftler in Landau i.d. Pfalz. Als Autor schreibt er u.a. für Die Literarische Welt, Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. über ein Universum kultureller Referenzpunkte.

„Möge die Macht mit dir sein!“ – dieses Credo gilt eingefleischten „Star Wars“-Fans als heilig. Es ist im Krieg der Sterne nicht nur der Ausweis, zur guten Seite der Macht zu gehören, sondern äußert gleichsam ein spirituelles Glaubensbekenntnis: an eine höhere, kosmische Kraft. Um ihrer teilhaftig zu werden, bedarf es der Disziplin und Anthroposophie, wie sie nur ein kleiner Orden mustergültig verkörpert: die Jedi-Ritter, die in Kampf und asketischer Konzentration geübten Jesuiten- und Samurai-Inkarnationen der Sci-Fi-Saga. Dass die Faszination bis heute – kurz vor der am 17. Dezember ins Kino kommenden siebten Episode und fast vier Jahrzehnte nach ihrem ersten Teil – ungebrochen ist, verdankt sich dem ganz eigenen Mythos, den George Lucas mit diesem formvollendeten Meisterwerk geschaffen hat. Ja, diese Welt mag eine ganz außergewöhnliche, auf religiösem Fundament und höchster Liebe zum Detail errichtete Zukunftsvision sein.

Brot und Spiele

In vielerlei Hinsicht haben sich Geschichte, Mythen und Philosophien der abendländischen Kultur in dem Epos vereint. Ihm inhärent ist allem voran die Dramaturgie der klassischen Heldenerzählung. Wir erleben in den Episoden I–III, die chronologisch nach der ursprünglichen Trilogie entstanden sind, zunächst den Aufstieg des aus der Sklaverei stammenden Anakin Skywalker zu einem Jedi-Ritter. Gereift durch seine Lehre bei den Jedi-Meistern Qui-Gon Jinn und Obi-Wan Kenobi, meinen viele in dem Zögling bald den prophezeiten Auserwählten zu erkennen, der die aus dem Lot geratene Ordnung des Alls wiederherstellen soll. Denn die galaktische Republik versinkt in Dekadenz und Intrigen. Pod-Rennen und an Gladiatorenkämpfe angelehnte Mensch-Tier-Kämpfe erinnern an den Verfall der römischen Republik, die das Volk mit Brot und Spielen zu benebeln versucht, während insgeheim der zwielichtige Senator Palpatine Pläne zu seiner absoluten Machtergreifung schmiedet.

Auf seiner an Homer angelehnten Odyssee gerät der Messias Anakin jedoch auf Abwege, insofern er sich nach der Ermordung seiner Mutter in Hass und Arroganz verliert. Lockt ihn Palpatine, eine Reminiszenz der biblischen Schlange, mit der Allmacht der dunklen Seite der Macht, gibt sich der Heranwachsende einer fatalen Verführung hin. Manche Interpreten der Sci-Fi-Reihe sehen in ihm eine Luzifer-Figur: Galt dieser einst als der schönste Erzengel Gottes, bringt ihn sein Hochmut zu Fall und lässt ihn ein eigenes Reich in der Unterwelt begründen.

Wenn wir uns noch einmal den großen Kampf zwischen dem inzwischen gänzlich von Zorn zerfressenen Anakin und seinem Lehrer Obi-Wan auf dem Vulkan-Planeten in Episode III vergegenwärtigen, schauen wir in die devitalisierte Seelenlandschaft des späteren Darth Vader. George Lucas nimmt hierin spiegelartig den noch bevorstehenden Vater-Sohn-Konflikt der zweiten, ursprünglichen Trilogie vorweg. Dem Lichtschwert kommt dabei eine hohe symbolische Bedeutung zu. Es erinnert an den Donnerkeil des Zeus, der selbst den eigenen Vater töten muss, um die Herrschaft zu übernehmen. Indem auch der in die Irre geratene Anakin Obi-Wan als symbolische Vaterfigur zu besiegen sucht, gibt er sich völlig den Dämonen des Bösen hin und bricht mit den Tugenden der Jedi. Sinnbildlich verbrennt mit der Hülle seines Körpers am Ende dieses pathetisch aufgeladenen Duells in der Lava ebenso seine Humanität. Der Tod der Seele markiert sodann die Geburt Darth Vaders als frankensteinartiger Mensch-Maschine-Hybrid.

Damit verkehrt sich der zum kalten Technikum geronnene Held zum Antihelden. Mit dessen Hilfe gelingt es Palpatine, mittels Notstandsverordnungen zum Imperator zu avancieren. Angefangen bei dieser Ermächtigung über die Farbsymbolik der bald auftretenden Sturmtruppen – der Name erinnert an die Stoßtruppen der Nazi – bis hin zu Darth Vaders Helm-Gebilde hebt Lucas’ Werk vielschichtig auf Hitlers Machtergreifung ab und schildert darin die Entwicklung von Diktatur und Tyrannei.

Glücklicherweise manifestiert sich in den Kindern Anakins und Padmés, welche als ehemalige Königin des grünen Planeten Naboo sowohl mit der Weisheit des babylonischen Gottes Nabu als auch mit Natur und Mutterschaft assoziiert ist, eine ausgleichende Kraft. Luke und Leia verkörpern die Zwillinge Apollon und Artemis, stehen für Liebe, Sühne und die Vereinbarkeit von Gegensätzen. Gegen das sterile Grauen des Imperiums ziehen die Geschwister mithilfe einer bunten Armee aus Menschen, Affen- und Mischwesen zu Felde. Wie üblich gesellen sich zum Helden allerhand Gefährten, darunter der sich vom Söldner zum gemeinschaftsdienlichen Space-Cowboy wandelnde Han Solo oder zahlreiche Phantasie- und Mischwesen. Kurzum: Die Rebellen repräsentieren Vielfalt und Entwicklungsfähigkeit gegenüber einer uniformen Machtelite auf einem architektonisch hohlen Todesstern. Hier die Insignien von Leben und Toleranz, dort jene von Technik und Zerstörung.

Unsere eigene Geschichte

Dieser Kontrast bestimmt auch das vorläufige Finale: Luke im Zweikampf mit seinem Vater. Auf Anakins Hybris folgt schließlich im Sinne der griechischen Tragödie die Nemesis, die Rachegöttin. Er unterliegt seinem Sohn, der ihm aber Gnade zuteil werden lässt. Dem Vater wird hingegen das in ihm verloren gegangene Gute bewusst, und so stürzt er den finsteren Imperator in den Abgrund. Somit stellt sich im Inneren des nunmehr sterbenden Darth Vader das Gleichgewicht der Kräfte wieder her. Der dunkle Triumphzug des Imperiums ist damit gescheitert.

Ohne Zweifel steht dieser Gründungsmythos einer neuen galaktischen Zukunft, der Selbstfindung und politische Ethik engführt, im Zeichen zahlreicher Interpretationen. Man könnte noch viele Worte über die psychoanalytische Grundierung oder Nietzsches Machtbegriff verlieren. Was bei allem Über- und Unterbau aber nicht übersehen werden darf, ist die psychologische Tiefenbedeutung. Die galaktischen Weiten des Lucas-Universums sind vor allem eines: ein Abbild unseres Bewusstseins, worin widerstrebende Kräfte, Unmoral und Tugend, Lust und Vernunft in dauerhaftem Wettstreit stehen. „Stars Wars“ ist und bleibt ein Menschheitsdrama, in dem wir aber immerzu unsere ganz eigene Geschichte entdecken.