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Analyse

Streberin gegen Scharlatan

von Andreas Mink / 08.05.2016

Seit dieser Woche ist klar, dass der Republikaner Donald Trump in der US-Präsidentenwahl im November gegen die Demokratin Hillary Clinton antreten wird. Wer hat die besseren Chancen?

Hillary Clinton hat den Rückhalt ihrer Partei und ist beliebt bei Frauen. (Los Angeles, 6. 5. 2016)

Hillary Clinton hat den Rückhalt ihrer Partei und ist beliebt bei Frauen. (Los Angeles, 6. 5. 2016) (Bild: XINHUA / IMAGO)

Die amerikanischen Wähler haben entschieden: Bei den Vorwahlen für die US-Präsidentschaft in Indiana zwang der republikanische Spitzenreiter Donald Trump seine Konkurrenten am Dienstag mit einem weiteren Sieg zur Kapitulation. Der 69-jährige Fernsehstar und Unternehmer steht damit als erster Präsidentschaftskandidat einer großen Partei ohne jede politische oder militärische Erfahrung seit Wendell Willkie im Jahr 1940 fest.

Bei den Demokraten musste Hillary Clinton erneut eine Niederlage gegen Bernie Sanders hinnehmen. Doch Sanders hat bis zum Ende der Vorwahlen Mitte Juni keine Chance mehr, den großen Vorsprung Clintons einzuholen. Während die ganze Welt und Amerika, nicht zuletzt aber die republikanische Partei, den Schock der Kandidatur Trumps verdauen, bereiten sich der Selbstvermarkter und die ehemalige Außenministerin bereits auf das Duell um das mächtigste Amt auf Erden vor. Für die Entscheidung am 8. November werden die folgenden fünf Themen eine zentrale Rolle spielen:

Programm und Rhetorik

Trump tritt als Außenseiter und erfolgreicher Macher der freien Wirtschaft an, der seine Tatkraft und rauen Methoden für das Wohl der Nation einsetzen will, die von inkompetenten und korrupten Politikern geschwächt ist. Ohne konkrete Pläne bot er bisher vor allem bombastische Versprechungen feil. Diese beuten jedoch konkrete Ängste breiter Wählerschichten aus. Trump will Amerika durch Maßnahmen gegen illegale Immigration, angeblich schädliche Handelsabkommen sowie Muslime wieder wirtschaftlich und militärisch «groß machen», wie er sagt. Laut einer Umfrage des Pew-Instituts unterstützen immerhin 57 Prozent der US-Bürger Trumps Parole «America First». Sie lehnen das Engagement Amerikas als globale Ordnungsmacht und damit den Kern der außenpolitischen Philosophie Clintons ab.

Clinton setzt innenpolitisch auf eine Fülle detaillierter Reformen, die an die Präsidentschaft Barack Obamas und ihren Gatten Bill Clinton anknüpfen. In Zeiten stagnierender Realeinkommen und wachsender Zukunftssorgen erscheint sie damit als Vertreterin eines negativ besetzten Status quo. Ihr fehlt zudem ein prägnanter Slogan – im Gegensatz zu ihrem überraschend erfolgreichen linken Konkurrenten Bernie Sanders: „Eine Zukunft, an die man glauben kann.“

Während Trump die 68-Jährige bereits als „Crooked Hillary“ (kriminelle, korrupte Hillary) verhöhnt, ist Clintons Strategie gegen ihn unklar. Feinsinnige Argumente, etwa für internationale Handelsabkommen, dürften bei Trumps Anhängern in der weissen Arbeiterschaft schlecht ankommen. Attacken auf sachlicher Ebene könnten Trump ohnehin zu einem seriösen Kontrahenten erheben. Effektiver erscheint die beharrliche Brandmarkung Donald Trumps als gefährlichen Scharlatan. Will sie ihren Vorsprung bei den Umfragen gegen ihn halten, müsste Clinton damit schleunigst beginnen.

Leichter Vorteil Trump

Partei und Organisation

Trump war einmal Demokrat. Er hat für beide Parteien gestimmt und gespendet. Nun wurde er durch seine Kritik am gesamten politischen Establishment erfolgreich. Er verfügt weder über persönliche Freundschaften noch über politischen Rückhalt bei den regionalen und ideologischen Fraktionen der „Grand Old Party“ (GOP), wie die republikanische Partei gerne genannt wird. Bei den Vorwahlen hat Trump bisher rund 11 Millionen und damit 45 Prozent der abgegebenen Stimmen gewonnen. Dies genügt für die Nominierung, macht aber nur einen Bruchteil der konservativen Wählerschaft aus.

Trump gilt als beratungsresistenter Egomane. Nicht zuletzt aus Kostengründen hat er bisher keine eigene landesweite Wahlorganisation aufgebaut. Er setzt auf die Bereitschaft der US-Medien, ihn ständig zu Wort kommen zu lassen oder über seine neuesten Ausfälle zu berichten.

Der Ausgang von Präsidentschaftswahlen hängt jedoch immer mehr von der technischen Schlagkraft der jeweiligen Organisationen ab. Diese sprechen einzelne Stimmbürger direkt über Anzeigen, soziale Netzwerke und Aktivisten an und motivieren sie am Wahltag zum Urnengang. Trump muss auf diesem Feld in Windeseile enorm aufholen. Dazu benötigt er die Hilfe der Partei. Laut der Website „Politico“ lehnt die Mehrheit der GOP-Mandatsträger und Offiziellen Trump noch immer ab. Sie befürchten, dass er sie in eine katastrophale Wahlniederlage reisst. Deshalb hat ihm der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan nun die Gefolgschaft verweigert: Wolle Trump die Partei wirklich hinter sich vereinen, müsse er erst seine Rabauken-Manieren und Hasstiraden aufgeben sowie sich zu konservativen Werten bekennen.

Clinton verfügt über tiefen Rückhalt in der eigenen Partei, speziell bei Frauen, Afroamerikanern, Wohlhabenden und Gebildeten. Sie beschäftigt die erste Garnitur von Demoskopen, Big-Data- und sonstigen Experten aus dem eigenen Umfeld und jenem Obamas. Sie hat zudem interne Konflikte in ihrer Organisation vermieden. Diese trugen 2008 mit zu Clintons Niederlage gegen Obama bei.

Starker Vorteil Clinton

Charakter und Beliebtheit

Beide Kandidaten sind in der Gesamtbevölkerung unbeliebt und bieten breite Angriffsflächen. Nur 39 Prozent der Bürger bewerten Trump positiv, wie eine Studie des Nachrichtensenders CNN zeigt. Er liegt damit deutlich hinter Clinton mit 48 Prozent.

Clinton gilt jedoch weitherum als kalte und kalkulierende Streberin, die von Hunger nach Macht und Geld getrieben wird und sich nicht an geltende Regeln hält. Der Skandal um ihren E-Mail-Server während ihrer Zeit als Außenministerin nährt diese Wahrnehmung. Eine mögliche Anklage wegen Geheimnisverrates durch die Bundespolizei FBI hängt als Damoklesschwert über ihrer Kampagne. Sie verweigert zudem die Veröffentlichung ihrer mit je 225.000 Dollar dotierten Reden, die sie bei der Bank Goldman Sachs gehalten hat.

Trump will derweil Steuererklärungen nicht herausgeben. Seine von Konkursen gezeichnete Business-Karriere dürfte Clinton ebenfalls reichlich Munition für Attacken liefern.

Trump schockiert als Prahlhans und Hassredner breite Bevölkerungskreise. Seine zahllosen Positionswechsel – von der Abtreibung bis zum Einsatz von Atomwaffen – entlarven ihn als unseriösen Laien und Opportunisten. Aber im Gegensatz zu der übervorsichtigen Clinton demonstriert Trump ein starkes Talent für wirkungsvolle spontane Attacken und ein fast unheimliches Gespür für die Schwächen seiner Gegner. Auch wenn ihr Ton oft schrill klingt, ist Clinton jedoch sehr viel geübter und disziplinierter im direkten Rededuell. Auf wirksame Angriffe bei Debatten mit den anderen Republikanern reagierte Trump mit Gefasel – oder er spielte die beleidigte Leberwurst.

Unentschieden

Geldgeber und Netzwerk

Clinton und ihr Ehemann Bill haben über Jahrzehnte ein potentes Netzwerk von Spendern in Wirtschaft und Unterhaltungsbranche aufgebaut. Aus diesen Kreisen fließen schon zweistellige Millionenbeträge in „Super Pacs“, nominell unabhängige Wahlorganisationen aufseiten Clintons. Dazu kommt ein Millionenheer von Anhängern und Kleinspendern, die über soziale Netzwerke vernetzt sind. Falls Sanders seine Gefolgschaft für Clinton mobilisiert, dürfte ihr die Einnahme von mindestens einer Milliarde Dollar leichtfallen – so hoch war Obamas Budget im Wahlkampf 2012. Clinton hat bis Ende April 262 Millionen Dollar eingenommen, Trump nur 51 Millionen Dollar. Davon kamen 36 Millionen aus seiner eigenen Tasche – jedoch vorwiegend als Darlehen.

Trump muss hier schnellstens aufholen und vor allem konservative Mega-Spender wie die Gebrüder Charles und David Koch, Paul Singer und andere Hedge-Fund-Größen gewinnen. Derzeit fehlen ihm jedoch Berater und Logistik für das Geldsammeln in großem Massstab. Singer und andere Milliardäre auf der Rechten haben ihn bis Anfang Woche sogar aktiv mit Spenden für die „Never Trump!“-Bewegung bekämpft.

Vorteil Clinton

Anhänger und Gegner

Clinton hat laut Demografen derzeit deutlich bessere Siegeschancen. Momentan kann sie mit Siegen in Gliedstaaten rechnen, die einen hohen Bevölkerungsanteil an Minderheiten und anderen Kerngruppen ihrer Partei aufweisen. Diese würden ihr heute eine für die Präsidentschaft notwendige Mehrheit einbringen. Ob dies auch tatsächlich geschieht, hängt stark von Bernie Sanders und dessen treuer Gefolgschaft ab. Ohne diese jungen gebildeten Linken dürfte Clinton in Gliedstaaten wie Wisconsin, Michigan oder Indiana erhebliche Probleme haben.

Trump hat in diesen Regionen bei der weissen Arbeiterschaft überraschend starken Zuspruch gefunden. Der sogenannte Rostgürtel angeschlagener Industriestaaten im Norden und Nordosten der USA bietet ihm die Chance, den Demokraten treue Weisse abzujagen. Damit könnte er Schwächen in Gliedstaaten mit hohen Latino-Anteilen wie Colorado ausgleichen.

Gemäßigt konservative Trump-Gegner dürften bei der Entscheidung im November nur eine marginale Rolle spielen. Sie leben vorwiegend in Neuengland und anderen Regionen, die mehrheitlich demokratisch wählen. Gefährlich wird es für Clinton, wenn ihr republikanischer Gegner sein Schock-Image durch gemäßigte Töne und versöhnliches Auftreten bessert. Dann wird es ihr schwerfallen, die von wirtschaftlichen Sorgen und Politikverdrossenheit geprägten demokratischen Wähler gegen Trump zu mobilisieren.

Unentschieden

Unter dem Strich geht Clinton mit deutlichen Vorteilen in das Rennen gegen Trump. Sie muss jedoch ihr Profil schärfen und eine klare Botschaft formulieren, die auch Sanders-Wähler mitreisst. Trump stehen gleichwohl Wege für einen Überraschungssieg am 8. November offen. Dies gälte umso mehr, wenn die US-Wirtschaft weiter an Schwung verlöre oder Terrorattacken für Unsicherheit sorgten. Schließlich rechnete im letzten Sommer vermutlich nicht einmal Trump selber damit, die republikanischen Vorwahlen zu gewinnen.

Donald Trump punktet bei weissen Arbeitern, ist in der Partei aber umstritten. (Manchester, 8. 2. 2016)
Donald Trump punktet bei weissen Arbeitern, ist in der Partei aber umstritten. (Manchester, 8. 2. 2016) (Bild: RICK WILKING / REUTERS)