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Auszeit vom Digitalen

Sündiger Sommer

Gastkommentar / von Konrad Paul Liessmann / 17.08.2016

Ist es wirklich moralisch verwerflich, wenn man sich gegenüber Pokémon Go, Trumps Frisur und den Tweets beleidigter Möchtegernstars ignorant verhält?

Wie immer, geschieht auch in diesen Tagen ziemlich viel. Und alles wird aufs Smartphone geliefert, über alles kann man sich informieren, alles kann man recherchieren, an vielem ist man via Livestream unmittelbar angeschlossenen, was einem entgeht, wird durch die sozialen Medien ins Bewusstsein gedrängt, das meiste, dem man begegnet, erfordert eine sofortige Stellungnahme, eine Bewertung, eine Geste der Empörung oder des Entzückens. Und zu allem gibt es eine Meinung, vor allem aber gibt es zu jeder Meinung noch eine Meinung. Eigentlich erstaunlich, wie viel Welt der moderne Mensch ohne größere Probleme verkraftet. Und das im Sommer!

Das war nicht immer so. „Ich will, ein für alle Mal, vieles nicht wissen“. Diesen Satz schrieb Nietzsche in seiner Götzen-Dämmerung, und er fügte hinzu: „Die Weisheit zieht auch der Erkenntnis Grenzen.“ Das klingt, wir geben es zu, für heutige Ohren nicht gut. Grenzen sind an sich ein Übel, und Grenzen der Erkenntnis darf es schon gar nicht geben. Vielleicht ist Erkenntnis auch der falsche Begriff. Vielleicht genügte es einmal zu fragen, ob man sich wirklich über alles informieren muss, vor allem dann, wenn sich diese Informationen im nächsten Moment als falsch, bedeutungslos, überschätzt, hochgespielt oder konstruiert erweisen. Ob es darüber hinaus Dinge gibt, da man aus Selbstachtung oder Selbstschutz nicht wissen muss, wäre dann noch eine andere Frage.

Wer es schafft, für einige Zeit die Welt der Informationsnetze und sozialen Medien zu verlassen, macht in der Regel eine überraschende Erfahrung: Man hat nichts versäumt.

In der Wissensgesellschaft ist Informationsignoranz eine Sünde. Aber ist es wirklich Ausdruck einer moralisch verwerflichen Einstellung, wenn man sich gegenüber Pokémon Go, Trumps Frisur, den Dopingskandalen, den Tweets beleidigter Möchtegernstars und der Frage, ob der nächste österreichische Bundespräsident womöglich ein autokratisches Regime in den Ostalpen installieren wird, ignorant verhält? Besteht die Weisheit solch einer Informationsverweigerung nicht darin, den Kopf und auch das Herz wieder frei zu bekommen für Dinge, die man zu Unrecht schon lange aus den Augen verloren hat?

Natürlich kann man sich, sofern man den Anspruch auf Zeitgenossenschaft hat, aus der Welt, in der man lebt, nicht einfach ausklinken. Aber viele Kulturen kennen Techniken, die darauf abzielen, den Menschen für eine definierte Zeitspanne von der Verpflichtung, in dieser Welt zu funktionieren, zu befreien. Könnte Urlaub, könnten Ferien nicht auch bedeuten, sich eine Auszeit von der Zeitgenossenschaft zu nehmen und sich offensiv zur Ignoranz zu bekennen? Kann es nicht auch befreiend und erholsam sein, einmal zu sagen: Das interessiert mich jetzt nicht? Wie wäre es einmal mit einer Sommerfrische, in der man nicht wie früher von der Stadt aufs Land, sondern von der digitalen in die analoge Welt wechselte?

Wer es schafft, für einige Zeit die Welt der Informationsnetze und sozialen Medien zu verlassen, macht in der Regel eine überraschende Erfahrung: Man hat nichts versäumt. Und wenn doch, dann kann man sich ja schneller denn je wieder auf den neuesten Stand bringen. Gerade die universelle Verfügbarkeit von Informationen erlaubt ein wesentliches höheres Maß an Ignoranz, als dies in Zeiten möglich war, in denen Information als knappes Gut galt. Dieses Potenzial sollte man doch nützen!

Aber, so wird man mit Recht einwenden, in einer digital vernetzten Welt bedeutete solch eine Ignoranz auch, dass man selbst ignoriert wird. Wer keine Likes vergibt, bekommt auch keine. Wäre das so schlimm? Es geht ja nicht ums Leben, sondern um einen schönen Sommer. Wer das ganze Jahr über Aufmerksamkeit akkumuliert, für den kann es doch recht erholsam sein zu wissen, dass man so wichtig nun auch wieder nicht ist. Die Weisheit zieht auch dem Selbst eine Grenze. Das Selfie unterbleibt. Der Blick wird frei.