Dr. Strangelove

Täterstereotypologie

von Milosz Matuschek / 22.01.2016

Männer, Muslime, Flüchtlinge: Die Vorgänge von Köln rufen nach einfachen Erklärungen, denen es zu widerstehen gilt. Ein Plädoyer für Besonnenheit.

Darf man schon etwas zu Köln schreiben, obwohl man immer noch nicht genug weiß? Muss man langsam mal etwas zu Köln schreiben, wo sich doch schon nahezu jeder dazu geäußert hat? Vielleicht sollte man etwas über „kognitive Dissonanz“ schreiben. Denn dafür ist der Umgang mit den Ereignissen leider eine trauriges Lehrstück.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Es grassiert die Erkläritis

Der Vorwurf der massenhaften sexuellen Belästigung und Gewaltanwendung durch meist ausländische Männer während der Silvesternacht gegenüber Frauen steht im Raum. Im Grunde müsste es jetzt um eines gehen: die Ermittlung der Täter sowie die Hintergründe der Taten. Stattdessen geht jetzt die große Erkläritis um, die übliche retroaktive Schlaumeierei. Die besondere Dimension des Geschehenen hält kaum jemanden davon ab, schon munter nach Mustern und Erklärungen zu suchen, die den Pseudobeweis erbringen sollen, dass alles sich so hatte zutragen müssen, und alle (außer man selbst) wieder mal nur zu blind gewesen waren, das zu erkennen. Je dünner die Faktenlage, desto größer ist die Nachfrage nach Erklärprodukten, die in der Regel mit einer Pauschalierung oder der Zugehörigkeit der Täter zu einem Kollektiv hantieren.

Der Sozialpsychologe Leon Festinger verstand unter kognitiver Dissonanz einen als schmerzhaft empfundenen inneren Zustand, der dadurch entsteht, dass sich etwa eine äußere Wahrnehmung nicht mit der inneren Einstellung deckt. Das schlimme Ereignis in Köln ist für viele nun ein gefundenes Fressen, um ihren Dissonanzhaushalt ins rechte Lot zu bringen. Dies geschieht gerne auch durch zweifelhafte Methoden der Dissonanzreduktion, sei es dass man Dinge ausblendet, andere überbetont oder glaubt, sich in falscher Sicherheit wiegen zu dürfen, weil man es ja „schon immer gewusst“ hat.

Gibt es auch eine männliche Smartphone-Raub-Culture?

Dazu gehört der Berichterstatter, der Informationspaternalismus betreibt, wenn er die Beteiligung von Ausländern oder Flüchtlingen ausblendet, da ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Rechte und Pegida-Anhänger werden sich nun natürlich bestärkt fühlen, in ihrem Gerede von der importierten Kriminalität und dabei ausblenden, dass der ganz überwiegende Anteil von Ausländern und Flüchtlingen friedlich ist. Welches Interesse soll auch der halbwegs vernünftig denkende Asylbewerber, der unter Lebensgefahr über Wochen aus seinem Land geflohen ist, daran haben, seinen Aufenthaltsstatus dadurch zu gefährden, dass er einem Kölner Mädchen das Handy stiehlt und ihr an die Wäsche geht? Ebenfalls in die Kategorie der Bestätigten gehören die Feministinnen, die nun den Beweis für die angeblich massenhaft existierende Rape Culture von Männern (denn um die geht es nach diesem Weltbild ja letztlich immer) gefunden zu haben glauben. Männliche Migranten sind der Korrektheit halber aber nicht gemeint. Ist es auch typisch männlich, Smartphones zu stehlen? Gibt es eine männliche Smartphone-Raub-Culture?

Dann gibt es noch die Riege der Salonlinken und Hobby-Kriminologen, wie Sascha Lobo, die tatsächlich meinen, für von Deutschen verübte Sexualdelikte würde sich ja niemand interessieren. Das ist falsch: Tötungs- und Sexualdelikte bekommen (trotz ihrer Unterrepräsentanz in der Kriminalitätsstatistik) überproportional viel mediale Aufmerksamkeit, egal wer der mutmaßliche Täter ist. Last but not least darf dann auch noch der Religionskritiker darüber schwadronieren, was das Ganze mit dem Islam zu tun hat. Es geht schon alles ziemlich schnell: Die Polizei hat erst wenige Verdächtige verhaftet, geschweige denn überführt, und manche glauben schon, über ihre Religionspraktiken Auskunft geben zu können.

Eine Tätertypologie führt nicht weiter

So kocht sich jeder, je nach Gesinnung, sein monokausales Süppchen zusammen und serviert es dem Leser als Wahrheit. Das Tragische dahinter ist der vereinfachte Glaube, dass die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv schon sehr viel aussagt; es also für individuell schuldhaftes Verhalten eine überindividuelle Erklärung geben muss. Das ist die Rückkehr zu einer Art Tätertypologie, wie sie der italienische Kriminalanthropologe Cesare Lombroso im 19. Jahrhundert propagiert hat, indem er aus Schädelformen und Aussehen auf die kriminelle Natur bestimmter Menschen schließen wollte. Heute mag man über so etwas den Kopf schütteln. Tatsächlich ist die Neigung, nach einfachen Erklärungen für komplexe Vorgänge zu suchen, heute immer noch vorhanden. Denn auch heute trifft es natürlich nur die „üblichen“ Verdächtigen. Dass auch ein Amerikaner und zwei Deutsche unter den Verdächtigen sind, hat noch nicht für anschwellenden Antiamerikanismus oder zu Deutschenhass geführt.

Was dringend nötig ist, ist eine Armlänge Distanz zur Pauschalierung. Es ist wichtig, jetzt in den Tätern nicht vor allem Männer zu sehen, nicht Ausländer, nicht Flüchtlinge, nicht Muslime, sondern einfach nur ein paar feige Schufte, die es nun zur Rechenschaft zu ziehen gilt. Alles andere wäre ein Pyrrhus-Sieg des überbordenden Vergeltungsgefühls über die Besonnenheit.