U.S. Navy / AP

Selbstmordattentate

Todesverachtung als Waffe

von Joseph Croitoru / 17.11.2015

Das Selbstmordattentat ist keine Erfindung islamistischer Terroristen, sondern säkularer palästinensischer Kampforganisationen der siebziger Jahre. Historisch gingen dem japanische Selbstmordangriffe im Zweiten Weltkrieg voraus. Gastbeitrag von

Joseph CroitoruJoseph Croitoru lebt als Historiker und Publizist in der Nähe von Freiburg i. Br. Sein Buch “Der Märtyrer als Waffe“ Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats (2003) ist seit kurzem bei Hanser wieder lieferbar. Die verheerenden Anschläge von Paris machen einmal mehr deutlich, mit welch erschreckender Effizienz Terrororganisationen wie der sogenannte Islamische Staat (IS), der als Drahtzieher vermutet wird, Selbstmordattentäter mittlerweile auch in Europa einsetzt. Die von den Islamisten gerne als ihre genuine Waffe inszenierten Suizidanschläge sind jedoch nicht ihre Erfindung, sondern wurden bereits in den siebziger Jahren von säkularen, linksorientierten palästinensischen Kampforganisationen erdacht und erprobt. Diese lösten damit eine lange verhängnisvolle Kette von Anschlägen aus, in deren Verlauf trotz variantenreicher „Weiterentwicklung“ immer wieder auf die Anfänge des Selbstmordattentats zurückgegriffen wurde.

Kamikaze und die Japanische Rote Armee

Die ersten Suizidattentate waren von den Selbstmordangriffen japanischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg inspiriert. Sie beschränkten sich übrigens nicht nur auf die Angriffe der Kamikaze-Piloten, sondern wurden etwa auch mit Sprengbooten oder von Infanteristen ausgeführt, die sich, mit Sprengstoff beladen, unter feindliche Panzer warfen. Ein gutes Vierteljahrhundert später diente letztgenannte Variante drei Terroristen der Japanischen Roten Armee als Vorbild, die am 30. Mai 1972 nach der Landung im israelischen Flughafen Lod mit im Gepäck geschmuggelten Waffen das Feuer auf die Menge eröffneten und 26 christliche Pilger aus Puerto Rico töteten. Die Attentäter, die von der marxistisch-palästinensischen Widerstandsorganisation Volksfront für die Befreiung Palästinas in Libanon militärisch ausgebildet worden waren, sollten sich nach ihrer Schussattacke mit Handgranaten in die Luft sprengen. Es gelang dies allerdings nur einem von ihnen, der zweite wurde von den Israeli erschossen, der dritte festgenommen.

Der Anschlag, der international Entsetzen hervorrief, wurde in der arabischen Welt frenetisch gefeiert. Allerdings kritisierte der libysche Diktator Muammar al-Ghadhafi, dass es Japaner waren, die für die palästinensische Sache in den Tod gingen, und nicht Palästinenser. Deren Widerstandskämpfern warf er vor, nicht genügend Aufopferungsgeist zu besitzen – eine Rüge mit verhängnisvollen Folgen. Denn sowohl die Sorge um den Imageverlust als auch das Wissen um den zu erwartenden medialen Effekt dürften die Hauptmotive gewesen sein, die zwei Jahre später die Volksfront für die Befreiung Palästinas bewogen, drei ihrer Mitglieder auf einen Selbstmordeinsatz nach Israel zu entsenden. Am 11. April 1974 überfielen sie den im Norden gelegenen israelischen Grenzort Kirjat Schmona, wo sie wild um sich schossen, in einem Wohnblock ein blutiges Gemetzel anrichteten und sich schliesslich nach einem Schusswechsel mit israelischen Soldaten selbst in die Luft sprengten. Damit wurde die Selbstsprengung ebenso zum verbindlichen Handlungsmuster wie die mediale Inszenierung der Täter – damals schon mit Abschiedsfotos und einem Film über ihre letzten Lebenstage, der später bei einer Gedenkfeier in Beirut gezeigt wurde.

Die darauffolgenden Selbstmordanschläge auf israelischem Boden wiesen bald neue Vorgehensweisen auf. Die Attentätergruppen wurden grösser, und man begann, Geiseln zu nehmen. Bei Nichterfüllung ihrer Forderungen sollten sich die Attentäter zusammen mit ihren Gefangenen in die Luft sprengen, was ihnen allerdings nur in Einzelfällen auch tatsächlich gelang. Erprobt wurde damals zum ersten Mal auch eine besonders perfide und bis heute leider sehr effektive Form des Suizidanschlags: Ein einzelner Terrorist mischte sich im Dezember 1974 unauffällig unter die Besucher eines Tel Aviver Kinos und zündete seinen – damals noch aus Handgranaten gebastelten – Sprenggürtel mitten in der Vorstellung.

Vom Selbstmordattentat zur „Märtyrertod-Operation“

Neuerungen brachten die Achtziger-Jahre, wobei wieder hauptsächlich die Israeli – diesmal als Besatzungsmacht in Südlibanon – das Ziel waren. Säkulare Kampfmilizen wie die libanesische Nationalsoziale Syrische Partei (SSNP) setzten jetzt häufig auch Selbstmordattentäterinnen ein. Zudem konnten die Terroristen in Libanon, da sie nun keine Grenze mehr passieren mussten, ihre Anschläge mit Fahrzeugen verüben, die mit Sprengstoff beladen waren ,was die Zerstörungskraft enorm steigerte.

Diese Methode übernahm dann auch der proiranische schiitische Hizbullah, der damals drei – später vielfach kopierte – taktische Neuerungen etablierte: Die Hizbullah-Terroristen verübten nicht nur simultan mehrere Selbstmordanschläge, sondern waren auch die Ersten, die die Fahrt zum Anschlagsziel wie auch die Detonation auf Video festhielten. Einer ihrer Attentäter wurde so schlagartig zum berühmtesten Selbstmordattentäter der Welt – und fixierte endgültig das Bild vom Suizidterroristen als fanatischem Muslim. Der Hizbullah bewirkte auch noch in anderer Hinsicht eine „Islamisierung»”des Selbstmordterrorismus: Seine Rechtsgelehrten hatten schon 1986 für das Selbstmordattentat den Terminus „Märtyrertod-Operation“ („amaliya istischhadiya) eingeführt und damit jeglichen Bezug zum islamrechtlich verbotenen Selbstmord verwischt. Seitdem gehört dieser Begriff zum festen Vokabular islamistischer Terrororganisationen.

Die terroristischen Akteure stehen seit jeher unter einem ständigen „Innovationsdruck”, der ebenso aus der Konkurrenz zwischen den verschiedenen Terrormilizen resultiert wie aus der taktischen Notwendigkeit, die zum Feind erklärten Gruppen oder Gesellschaften mit immer neuen Vorgehensweisen zu überraschen. Als auch der Einsatz von Frauen für die Islamisten kein Tabu mehr war, wurden Alter und Familienstand der Attentäter in jeder erdenklichen Form variiert: von jungen Erwachsenen über Familienväter und Mütter – die palästinensische Hamas rekrutierte 2006 sogar eine vierzigfache Großmutter – bis hin zu minderjährigen Knaben und in jüngster Zeit auch kleinen Mädchen, wie bei Boko Haram in Nigeria der Fall.

Auch die Art, wie die Attentäter unbemerkt zum Anschlagsziel gelangen, wechselt ständig. Einmal tragen sie kiloschwere Bombengürtel am Leib, ein andermal transportieren sie die Sprengsätze in Koffern und Rucksäcken. Auf ihre Todesmission begeben sie sich ebenso zu Fuss wie auf Reittieren, Fahr- und Motorrädern oder mit Autos, Lastwagen und sogar Booten. Dass auch Passagierflugzeuge in zerstörerische Bomben verwandelt werden können, zeigte sich in katastrophaler Weise am 11. September 2001.

In den letzten Jahren scheinen aber vor allem Anschläge mit Sprenggürteln und Autobomben die bevorzugten Methoden zu sein, wobei das schon geradezu inflationär angewandte Selbstmordattentat nach wie vor im Wesentlichen ein «urbanes Phänomen» bleibt. Die Anschlagsziele sind häufig Menschenansammlungen in grossen Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf Bahnhöfen und belebten Plätzen und Strassen. Vor allem die Selbstmordattentäter der Terrormiliz IS greifen in irakischen und syrischen Städten auch gezielt Militärstützpunkte, Polizeiwachen, strategische Regierungseinrichtungen und ranghohe Beamte an, wobei man häufig nach dem Simultanitätsprinzip vorgeht – vor Paris geschah dies zuletzt gerade am vergangenen Donnerstag bei einem mehrfachen Selbstmordanschlag im libanesischen Beirut. Diese dort schon vor drei Jahrzehnten – damals mit Lastwagenbomben – angewandte Methode bestimmte offensichtlich auch bei der Anschlagsserie in Paris das taktische Grundkonzept.

Die Populärkultur als Angriffsziel

Ebenfalls nicht neu in Paris – auch nicht im europäischen Kontext betrachtet – ist die weite räumliche Streuung der Angriffe, die auch schon von den Selbstmordattentaten in London im Juli 2005 bekannt ist. Ein Novum der Pariser Anschläge hingegen ist ihre operative Bandbreite wie auch die Kombination unterschiedlicher Angriffsziele, die dennoch einen gemeinsamen – auffällig „kulturellen“ – Nenner haben. Das auf Simultaneität ausgerichtete Gesamtkonzept sah allem Anschein nach zunächst mehrere zeitnahe Selbstsprengungen im Stade de France vor. Ein vollbesetztes Fussballstadion als Zielort von mit Sprenggürteln ausgestatteten Selbstmordterroristen ist, zumal in Europa, ebenso neu wie der Umstand, dass dort gerade zwei bedeutende europäische Politiker – Frankreichs Präsident François Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier – anwesend waren. Das dort eingesetzte Suizidkommando ist glücklicherweise gescheitert, denn es war ihm nicht gelungen, in das Stadion einzudringen.

Ein anderes Segment französischer Populärkultur hatte die zweite Attentätergruppe, die nicht zu Fuß, sondern in einem Auto unterwegs war, im Visier: die für ihre rege Kneipenszene bekannte Gegend in der Nähe der Place de la République, wo die Attentäter an mehreren Orten hintereinander und offensichtlich entlang einer gründlich studierten Route ungehindert auf Restaurantgäste feuerten. Inwieweit an diesen Attacken auch die dritte Terroristengruppe beteiligt war, ist noch nicht klar. Fest steht aber, dass auch ihr Anschlagsziel kulturell konnotiert war, ist doch die Konzerthalle Bataclan eine feste Institution der Pariser Unterhaltungskultur.

Dass die Opfer dort von den Jihadisten kaltblütig und laut Augenzeugenberichten zum Teil systematisch erschossen wurden, kann in diesem Kontext nicht anders verstanden werden. Denn als die Eröffnung einer weiteren Front im Krieg gegen die Kultur des verhassten Abendlandes. Auch im Fall Bataclan hat die Selbstsprengung der Angreifer als Schlusspunkt der Pariser Massaker über ihre mörderische Komponente hinaus eine symbolische Botschaft: So soll jene vermeintliche Unbesiegbarkeit demonstriert werden, die Suizidterroristen seit je für sich in Anspruch nehmen.