Lilly Panholzer

Therapie

Traumatisierte Flüchtlinge: Krieg und Folter im Kopf

von Elisabeth Gamperl / 23.10.2015

Flüchtlinge haben in ihrer Heimat oft Krieg, Folter und Gewalt erlebt und kommen traumatisiert in Österreich an. Viele von ihnen leiden unter dem posttraumatischen Belastungssyndrom. Mitunter ist dadurch auch das Asylverfahren der Betroffenen gefährdet. Manche landen auf der Couch von Hemayat, einer Betreuungseinrichtung für Kriegs- und Folterüberlebende. Dort wollen Therapeuten und Dolmetscher das Leben der Flüchtlinge wieder hinbiegen – und leiden dabei selbst. Ein Blick in die Praxis.

Es sind Menschen wie jener Mann aus Tschetschenien, die der Psychologin Cecilia Heiss im Gedächtnis bleiben.

Er kam in die Praxis, weil er Stimmen hörte. Uniformierte schrien auf Russisch. Er spürte Schmerzen, Elektroschocks. Er konnte nicht schlafen, erzählte er.

Dabei war er nicht mehr in jenem sowjetischen Gefangenenlager der Sowjets, in das er während des Tschetschenienkriegs verschleppt worden war. Er war im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, also eigentlich in Sicherheit.

„Was er hörte und spürte, war nicht da“, sagt Heiss.

Der Mann erlebte seine Folter immer wieder. Die Hölle saß noch immer in seinem Kopf. Die Hölle ließ ihn nicht los.

Von solchen Traumatisierungen hört die Psychologin täglich. Die 43-Jährige ist Leiterin des Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende in der Sechsschimmelgasse im neunten Wiener Gemeindebezirk. Sie ist groß, hat dunkelbraune Haare und trägt Schal und blauen Pullover. Sie ist so, wie man sich eine Psychologin vorstellt. Heiss redet ruhig und bedächtig, in wohlüberlegten Sätzen.

Patient, Dolmetscher und Therapeut

Zwischen 600 und 700 Patienten werden jährlich von ihr und ihrem Team betreut. Die meisten kommen aus Tschetschenien, Afghanistan oder dem Iran. Manche befinden sich mitten im Asylverfahren, andere wiederum werden von ihren Erlebnissen nach Jahren wieder eingeholt.

Sie alle finden sich am Diwan mit der roten Decke und den vielen Kissen wieder; vor ihnen ein kniehoher IKEA-Tisch mit Taschentüchern und zwei rot-gepolsterte Holzstühle. Zwei Stühle, denn im Gegensatz zu einer herkömmlichen Therapie sitzt man bei Hemayat zu dritt in einer Sitzung: Patient, Dolmetscher und Psychotherapeut. Diese Konstellation verlangt von den Patienten viel Vertrauen.

Fast die Hälfte der Flüchtlinge leidet an einem Trauma

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Verletzung“. Es steht für eine massive Erschütterung der Psyche. Es ist nicht genau erhoben, wie viele Flüchtlinge mit einem schweren psychischen Trauma nach Österreich kommen. Die österreichische Asylkoordination schätzt aber, dass rund 30 bis 50 Prozent der Flüchtlinge an Schlaf- und Konzentrationsproblemen, Panikattacken und Flashbacks – kurz: einem posttraumatischen Belastungssyndrom – leiden. Harmlose Situationen können Betroffene verängstigen oder reizen. Ein Geräusch, ein Geruch, eine Situation versetzt in Alarmbereitschaft.

So auch einen Betroffenen, der immer in voller Montur schlafen gegangen ist. Er war in seiner Heimat mitten in der Nacht verschleppt worden, erzählt Heiss. Er wollte nicht, dass das noch einmal passiert. Er wollte bereit sein, wenn wieder jemand kommen und ihn holen würde. „Auch wenn die Gefahr real nicht vorhanden war, konnte der Betroffene nicht anders“, sagt Heiss.

Hemayat ist persisch und bedeutet „Schutz“. Der Verein ist seit 20 Jahren aktiv. Das Innen- und das Familienministerium und auch der Europäische Flüchtlingsfonds finanzieren die Einrichtung, die Platz für Kriegs- und Foltergeschichten aus aller Welt bietet. „Wir haben so etwas wie ein verzögertes Abbild des Weltgeschehens vor uns auf der Couch“, sagt Heiss. In Gesprächs-, Körper- oder Kunsttherapie versucht man, die Symptome der Betroffenen zu lindern. Rund 32 Therapeutinnen und Ärzte sowie 30 Dolmetscher arbeiten hier. Die meisten haben auch eigene Praxen, arbeiten nur ein paar Stunden in der Woche für den Verein. „Die Arbeit ist leider schlecht bezahlt und weit unter dem Stundensatz eines normalen Therapeuten.“

Eineinhalbjährige Wartezeit

„Das würde niemand als 40-Stunden-Job aushalten. Die Geschichten nehmen einen schon sehr mit.“ Auch Heiss erzählt, dass selbst noch nach Jahren Geschichten sie „umwerfen“ oder sie davon Alpträume bekommt.

Die Betroffenen werden mittlerweile von verschiedensten Stellen an das Team vermittelt; von Flüchtlingsbetreuungsstellen, Rechtsberatern, vom Arbeitsmarktservice, den einzelnen Communities selbst oder von Schulen. „Kurz nach Schulanfang hatten wir heuer bereits Meldungen von Lehrern, die sich wegen auffälliger Schüler aus Syrien an uns gewandt haben“, sagt Heiss. „Das waren sicher 30 Kinder.“

Die 30 Kinder werden aber nicht so schnell einen Therapieplatz bekommen. Die Wartezeit bei Hemayat beträgt eineinhalb Jahre. Durch Spenden und Förderungen der Geldgeber werden die Therapiestunden zwar aufgestockt, aber nicht in Relation zur Nachfrage.

Die Betroffenen kommen nach einem Erstgespräch in der Praxis auf eine Warteliste und werden gereiht. Das ist problematisch, da die meisten Menschen ja naturgemäß kommen, wenn sie mitten in einer schweren Krise stecken. Darüber hinaus werden die Symptome immer schlimmer, je länger die Betroffenen auf eine Therapie warten müssen. Im schlimmsten Fall können sie sogar chronisch werden.

Keine psychologische Betreuung für Flüchtlinge

Ankommende Flüchtlinge werden nicht automatisch psychologisch untersucht. Im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen etwa gibt es zwar laut Innenministerium klinische Psychologen. Das sind aber nur drei Psychologen für mehrere tausend Menschen, wie Amnesty International berichtet.

Sie werden auch nur zur Stabilisierung eingesetzt. Und das auch nur, wenn es bei der allgemeinen Gesundheitsuntersuchung Auffälligkeiten gibt.

Bei Schlafstörungen zum Beispiel verschreiben die Ärzte Medikamente. „Aber ein Erstaufnahmezentrum ist auch kein guter Platz für eine Therapie, da die Ankommenden ja nicht lange dort bleiben sollten, und für eine Therapie braucht man langjähriges Vertrauen“, sagt Marion Kremla von der Asylkoordination Österreich.

Teufelskreis Traumatisierung

Psychische Traumata erschweren auch das Asylverfahren. Denn Erlebnisse werden im Gedächtnis nicht richtig abgespeichert, dem Betroffenen fällt es schwer, sich zu erinnern. Durch diese Lücken können sie ihre eigene Geschichte nicht erzählen, oder sie reagieren unangemessen. Sie lachen etwa, wenn sie brutale Situationen schildern.

Geschulte Psychologen erkennen in solchen Situationen schnell, dass Traumatisierte die Erlebnisse verdrängen. Für Beamte der Asylbehörden ist es schwieriger. Bei ihnen weckt dieses Verhalten Misstrauen – die Geschichte könnte auch erfunden sein. Es ist eine verfahrene Situation, ein Teufelskreis.

Die Geschichte im Kopf wiederfinden

„Das Wichtigste ist es, den Menschen, so gut es geht, in unseren Räumen Sicherheit zu geben“, sagt Heiss. „Wir versuchen mit unseren Patienten, ihre Geschichte in ihrem Kopf wiederzufinden.“ Manche Therapeuten sprechen die Sprache der Patienten, aber meistens wird mit Dolmetscher therapiert. Die Dolmetscher begleiten, wenn nötig, die Migranten auch zu anderen Ärzten und Psychiatern.

Die Dolmetscher kommen manchmal aus derselben Community oder demselben Land. Sie sind deswegen sehr nahe an der Geschichte des Patienten dran, haben selbst schlimme Dinge erlebt. Nach den Sitzungen müssen sie oft nachbetreut werden.

„Es ist gut, dass wir zu zweit therapieren“, sagt Heiss, „denn dann kann man nachher die Geschichten gemeinsam verarbeiten.“ Außerdem gebe es so etwas wie eine Sekundärtraumatisierung, die eintreten kann, wenn man schlimme Erlebnisse und Geschichten erzählt bekommt. So sei einmal eine Kollegin in Deckung gegangen, als sie einen Knall hörte. Sie war auf einer Straße in Wien unterwegs gewesen und hatte trotzdem Angst vor einem Angriff bekommen.

5 bis 10 Stunden auf der Therapeutencouch

Die Belastung der Mitarbeiter ist hoch. Hemayat bietet natürlich Supervision, trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Therapeuten oder Dolmetscher das Handtuch werfen. Gerade die Dolmetscher müssten oft erst umlernen, sagt Heiss: „Sie sind ja ursprünglich darauf getrimmt, aus dem Gehörten schöne Sätze zu formulieren. In der Therapie ist es aber wichtig, eins zu eins zu übersetzen.“

Durchschnittlich verbringt man fünf bis zehn Stunden auf der Therapeutencouch von Hemayat. Bei vielen Klienten kann man mit einfachen Techniken schnell eine Linderung der Symptome erreichen.

Aber kann man solche Geschichten je wirklich aufarbeiten? Heiss antwortet mit der Geschichte eines Irakers: Er war in seiner Heimat zehn Jahre in Isolationshaft. In Österreich wird er höchstwahrscheinlich in die Psychiatrie überstellt.

Die Therapeuten von Hemayat werden das, was er erlebt hat, nicht ausradieren können. Aber mit ihrer Hilfe wird der Iraker vielleicht lernen, wie er sein Leben auch mit dieser Geschichte meistert.